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Bracht hilft sich selbst

Ehrenamtliche schließen Angebotslücke Bracht hilft sich selbst

Die Brachter Bürger machen aus der Not eine Tugend: Weil es im Ort kein Gasthaus mehr gibt, gründeten sie ein Dorfplatz-Café. Dieses bittet am morgigen Samstag auf dem Dorfplatz und bei schlechtem Wetter im Martin-Luther-Haus zu zweiten Mal zu Tisch.

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Morgen wird auf dem Brachter Dorfplatz hinter der Kirche beim Dorfplatz-Café zwischen 14 und 17 Uhr richtig eingeschänkt. Zum Helfer-Team gehören (von links) Karin Lippert, Wiegand Schütz, Karl Merlau, Annette Herrmann, Ulrike Bauer, Christine Henseling und Andreas Weichsel. Der Dorfplatz ist Start- und Zielpunkt der 17 Kilometer langen Extratour Rotes Wasser. Deshalb sind auch Wanderer zu Kaffee, Blechkuchen und kalten Getränken willkommen. Fotos: Matthias Mayer

Bracht. Im Frühjahr hatten sich die Brachter Bürgerinnen und Bürger bei einem Abend „Lebendiges Bracht“, den der aus Bracht stammende Pfarrer Karl-Günter Balzer moderierte, ausgiebig mit der Zukunft des Dorfes beschäftigt. Dabei wurden Stärken wie Defizite des Orts aufgezeigt und daraus Wünsche für die Zukunft entwickelt.

„Zwei dieser Wünsche haben wir bereits umgesetzt“, sagt die stellvertretende Ortsvorsteherin Karin Lippert und verweist auf das Dorfplatz-Café und die Gründung eines Treffpunkts für englische Konversation in der Bücherei. Im Gegensatz zu anderen Wünschen, wie dem Fahrradweg nach Schönstadt, ließen sich die verwirklichten Projekte ohne Bürokratie und mit überschaubaren organisatorischen und ehrenamtlichen Aufwand zeitnah umsetzen. Andere Vorhaben dauerten wesentlich länger, fügt Karin Lippert bescheiden hinzu.

Es fehlt ein gemeinsamer Anlaufpunkt für das Dorf

„Es fehlte seit der Schließung der Gaststätte ein Treffpunkt, ein gemeinsamer Anlaufpunkt für das Dorf. Das gilt besonders für die ältere Generation. Und auch die Wanderer finden in Bracht keine Einkehrmöglichkeit mehr“, beschreibt Karin Lippert die Ausgangslage. Wanderer kommen zu Hauf nach Bracht und „das liegt an unserem Weg“.

Mit „unserem Weg“ meint Karin Lippert die Extratour Rotes Wasser, und die bezeichnet diesen Weg zu Recht so. Die Wanderabteilung hat nämlich die Patenschaft für diesen mit einem roten R gekennzeichneten Premium-Wanderweg übernommen, der auf 17 Kilometern zu nahezu allen Attraktionen des Burgwalds führt. „Wir schneiden den Weg frei, reinigen oder ersetzen die Schilder, richten Geländer und mähen die mit Gras bewachsenen Teilstücke des Weges. Erst heute waren unsere Jungs wieder raus zum Mähen“, erzählt Karin Lippert.

Der Gedanke für das Dorfplatz-Café wurde im Ortsbeirat und im Kirchenvorstand geboren. Beide Institutionen treten gemeinsam als Veranstalter auf. Das ist auch sinnvoll, denn die Kirchengemeinde stellte das Martin-Luther-Haus als „Kaffeehaus“ zur Verfügung. Bei guten Wetter werden zumindest die Toiletten des Gemeindehauses genutzt. Und der Ortsbeirat ist für den mit Eigenleistung erbauten Dorfplatz zuständig, den die Wanderer des FV Bracht durch das Aufstellen von Bänken und Tischen als Freiluft-Café ertüchtigte. Ein Sonnensegel wird am Sonntag einen Teil des Areals abdecken.

Auch wenn Ortsbeirat und Kirche organisatorisch den Hut aufhaben, heißt das nicht, dass sie gemeinsam das ganze Projekt stemmen müssen. „Es haben sich ganz schnell Helfer aus allen Vereinen gefunden“, stellt Karin Lippert erfreut fest.

Wo in Bracht gerufen wird, kommen die Helfer“

Für Karl Merlau gehört das zum Selbstverständnis des größten Rauschenberger Stadtteils. „Wo in Bracht gerufen wird, kommen die Helfer“ sagt er kurz und bündig. Und er weiß, wovon der spricht, gehört er doch zu den „Jungs“, die am gleichen Tag auf der Extratour Rotes Wasser gemäht haben und die das regelmäßig tun.

Andreas Weichsel sieht das ähnlich. Nach seiner Wahrnehmung ist die Bereitschaft zu Eigeninitiative und Eigenleistung im Bracht durch den Kampf für den Erhalt des perspektivisch von der Schließung bedrohten Grundschul-Standorts Bracht noch gewachsen. „Die Dorfgemeinschaft ist durch die Initiative für die Grundschule noch enger zusammengerückt“, sagt er.

Für Wiegand Schütz ist es auch der Zukunftsabend, der neue Motivation in den Ort gebracht hat. Der Radweg nach Schönstadt und eine Begegnungsstätte für das Dorf seien die vordringlichsten Wünsche gewesen. Deshalb unterstütze er das Dorfplatz-Café sehr gern.

Einen ganz anderen Aspekt nannte Christine Henseling. Der in mühsamer Arbeit erbaute Dorfplatz werde viel zu selten genutzt. Das Café-Projekt belebe den Platz und unterstreiche dessen Treffpunkt-Charakter. Ulrike Bauer würdigte die gute Resonanz, die das erste Dorfplatz-Café bei den ältere Mitbürgern gefunden habe, für die es sonst nur noch wenige Anlauf- und Treffpunkte gebe.

Für Karin Lippert steht fest, dass das Dorfplatz-Café als generationenübergreifender Treffpunkt ganzjährig erhalten bleiben soll. Nur einen festen Termin könne es nicht geben, da die Initiatoren mit dem Café nicht in Konkurrenz zu anderen Veranstaltungen in Bracht oder im benachbarten Schwabendorf treten wollten“, sagt die stellvertretende Ortsvorsteherin und Rauschenberger Stadtverordnete.

Brachter arbeiten weiteran Zukunftsprojekten

Die einzelnen Dorfplatz-Café-Tage stehen jeweils unter einem anderen Motto. Morgen heißt dieses zwischen 14 und 17 Uhr „Blechkuchen“ - wo schon alles über die Zusammensetzung des Kuchen-Buffetts gesagt ist. Das dritte Dorfplatz-Café gibt es am 21. September. Die weiteren Termine stehen noch nicht fest.

Sicher ist dagegen, dass die Brachter weiter an der gemeinsamen Gestaltung ihres Gemeinwesens arbeiten wolle. Dazu lädt der Ortsbeirat am Dienstag, 7. Oktober, um 20 Uhr zu einer Projektbesprechung in die Mehrzweckhalle ein. Das Motto heißt: „Bracht trifft sich“. Die sinnvolle Ergänzung könnte lauten: „Bracht hilft sich“.

von Matthias Mayer

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