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Bewährungsstrafe für "Arschlöcher"

Gericht Bewährungsstrafe für "Arschlöcher"

Dreieinhalb Monate ist ein 44-Jähriger jetzt trocken. So lange, wie nie zuvor, betonte sein Bewährungshelfer und verwies darauf, dass der Stadtallendorfer alle Straftaten unter Alkoholeinfluss begangen hatte.

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Im Suff bezeichnete ein Mann zwei Polizisten als Arschlöcher. Das brachte ihm drei Monate auf Bewährung ein. Foto: Friso Gentsch/dpa

Quelle: Friso Gentsch

Stadtallendorf. Das Register der Straftaten, das ein Stadtallendorfer sein Eigen nennt, ist lang: In den vergangenen Jahren gab es 15 Verurteilungen: für Körperverletzung, schwere Körperverletzung oder gemeinschaftliche Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung, sexuelle Nötigung, Sachbeschädigung oder Trunkenheit im Straßenverkehr - oftmals auch in Kombination.

Viele Straftaten legten die Gerichte zur Bewährung aus, mehrfach musste der Mann aber auch in den Knast. Nun stand der 44-Jährige erneut vor Gericht - und das während einer laufenden Bewährung. Diesmal hieß es, sich für Diebstahl und Beleidigung zu verantworten. Die Staatsanwaltschaft hielt dem Stadtallendorfer vor, am 26. Januar eine 50-Milliliter-Flasche Parfüm „Boss bottled intense“ aus einem Drogeriemarkt gestohlen und dann, als zwei Beamten ihn stoppten, diese als „Arschlöcher“ bezeichnet und somit beleidigt zu haben.

„Ich will mich für alles, was gelaufen ist, entschuldigen“, betonte der Angeklagte zu Beginn der Verhandlung, woraufhin Richter Joachim Filmer erst mal auf die Bremse trat: „Das würde den Rahmen des Vormittags sprengen“, sagte er und riet dem Mann, sich zunächst auf die aktuellen Anschuldigungen zu konzentrieren.

Er erinnere sich eigentlich an nichts, kommentierte der 44-Jährige. Es sei durchsucht worden, wisse aber nichts mehr von einem Streit mit Polizeibeamten und schon gar nicht, warum diese ihn überhaupt durchsucht hatten. Er sei in einem Super-, aber nicht in einem Drogeriemarkt gewesen, behauptete er und fragte in Richtung Filmer: „Oder?“ Der Richter ließ sich die Chance, die Standardantwort von Angeklagten vor Gericht zu nutzen, natürlich nicht entgehen und entgegnete: „Ich weiß nicht“ - versehen mit dem Zusatz: „Ich war nicht dabei.“

Eine ehemalige Angestellte der Drogerie brachte daraufhin ein wenig Licht ins Dunkel. Sie verwies allerdings darauf, dass sie sich nicht gerne an ihre Zeit in dem Geschäft erinnere und es ihr daher schwer falle, Details aus dem Gedächtnis zu kramen. Sie berichtete, wie sie „eine Person“ beobachtet habe, die Parfüm aus dem Regal genommen, dann durchs Geschäft getragen habe und schließlich ­hinausgerannt sei.

Auf die Frage, ob der Täter an der Anklagebank sitze, betonte sie zunächst mit Blick auf Anwalt Carsten Dalkowski, dass dieser es nicht gewesen sei - was der Robenträger mit einem charmanten Lächeln und Daumen hoch quittierte. Bei dem anderen Mann sei sie nicht 100-prozentig sicher: „Er kann dem Täter auch sehr ähneln. Das passierte alles in Sekunden und ist ja auch schon über ein halbes Jahr her.“

Es folgte eine kurze Diskussion darüber, wie das Wort „intense“ am Ende des Parfümnamens „Boss bottled“ denn nun ausgesprochen werde. Die 44-Jährige wählte die französische Variante, während Anwalt und Richter mit dem Hinweis auf „bottle“ - das englische Wort für Flasche - für die englische Aussprache plädierten. „Sonst hieße es irgendwas mit bouteille“, glänzte Filmer mit Französisch-Kenntnissen.

Doch zurück zum Fall: Ein Polizist berichtete anschließend, wie er mit einem Kollegen den „schwankenden, provokativen und aggressiven“ Stadtallendorfer überprüfte, dieser die Tat allerdings abstritt. Die Marktleiterin, die zur Gruppe dazustoß, habe ihn jedoch eindeutig als Täter identifiziert, ergänzte er.

Da diese jedoch nicht vor Gericht geladen worden war, zogen es Richter und der Vertreter der Staatsanwaltschaft vor, diesen Punkt einzustellen und sich nur der Beleidigung zu widmen - für die sich der Angeklagte mit dem Hinweis „falls er es getan habe“ aus freien Stücken entschuldigte.

Sein Bewährungshelfer berichtete anschließend von den vergangenen Monaten, in denen er sich um den Stadtallendorfer kümmerte. Auffällig sei, dass dieser all seine Straftaten unter Alkoholeinfluss begangen habe. Er sprach von „erheblichem Missbrauch“ und sogar einer Erkrankung: „Wenn er nüchtern ist, ist er ein umgänglicher Mensch. Die Sozialprognose steht und fällt mit der Abstinenz vom Alkohol.“ Seit drei Wochen sei der 44-Jährige trocken - solange habe er das noch nicht erlebt. Noch dazu habe er die Möglichkeit, sich sofort in die Obhut einer Lebenshilfe-Einrichtung in Bayern zu wechseln - die Einrichtung, in der er bis vor kurzem war, habe er wegen eines Streits mit einem anderen Bewohner prophylaktisch verlassen.

Der Oberamtsanwalt glaubte nicht, dass der Angeklagte sich ändert und forderte eine dreimonatige Haftstrafe. Anwalt Dalkowski hingegen sah dies anders und betonte: „Er muss seine Probleme bearbeiten können, und das geht nicht im Knast.“ Im „letzten Wort“ sagte der Angeklagte: „Ich bin jetzt 44. So geht das nicht weiter. Ich möchte lernen, weiter zu leben.“ Filmer gewährte ihm diese „letzte Chance“ - die dreieinhalb Monate ohne Alkohol seien eine gute Grundlage, daher sei er bereit, den Mann „positiv zu fördern“. Notfalls werde er die Bewährung eben widerrufen.

von Florian Lerchbacher

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