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Belastungszeuge widerspricht sich

Kirmesschlägerei Belastungszeuge widerspricht sich

Wenn Kirmes- oder Wirtshausschlägereien vor dem Kadi landen, geht die Hauptverhandlung meist aus wie das Hornberger Schießen. Dieser Automatismus griff auch in einem Prozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

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Beim Frühschoppen am Kirmesmontag wurde in Neustadt friedlich gefeiert. Der nächtliche Ausklang des Volksfestes verlief unschön. Archivfoto: Florian Lerchbacher

Kirchhain / Neustadt. Bei der Neustädter Trinitatis-Kirmes, dem ältesten Volksfest der Region, gab es auch im vergangenen Jahr wieder Senge. Der Kirmes-Freitag endete mit massiven Schlägereien und dem Einsatz mehrerer Streifenwagen-Besatzungen. Und auch zum Festausklang am frühem Morgen des Dienstag, 17. Juni, krachte es vor und in dem Festzelt. Für diesen Vorfall musste sich am Dienstag ein Angeklagter vor dem unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug tagenden Amtsgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft warf dem 25-jährigen Angeklagten eine versuchte und eine vollendete Körperverletzung vor. Gegen 0.30 Uhr soll der von Hartz IV lebende Neustädter einen Security-Mitarbeiter attackiert haben. Der Einsatz eines zweiten Security-Mitarbeiters soll diesen vor einem Faustschlag des Angeklagten bewahrt haben. Dafür soll er den zweiten Mitarbeiter unter anderem durch Tritte verletzt haben.

Für die Wahrheitsfindung in diesem Fall standen dem Gericht ausschließlich zeugenschaftliche Beweise zur Verfügung. Und die waren, wie so oft bei solchen Sachverhalten, unter aller Würde.

Angeklagter sieht sich als Opfer des Opfers

Das begann schon mit der Einlassung des Angeklagten. Der Mann mit der Statur eines nicht austrainierten Schwergewichtsboxers schilderte einzelne Tatabläufe mit deutlichen logischen Brüchen, die er jeweils erst auf Vorhalte des Gerichts korrigierte. Nach seiner Schilderung verließ er in Begleitung einer Frau und zweier Freunde gegen 0.30 Uhr das Festzelt, weil seiner Begleiterin schlecht geworden sei. Dabei habe er einen Stuhl in der Absicht mitgenommen, dass sich die Frau draußen an der frischen Luft auf diesen setzen und erholen könne. Ohne Vorwarnung hätten Security-Leute am Ausgang an dem Stuhl gezerrt. Er sei gewürgt worden, habe einen Faustschlag gegen den Kopf bekommen und sei zu Boden gegangen. Weil ein Security-Mann ihn habe treten wollen, sei er aufgesprungen und habe diesen in den Schwitzkasten genommen und dessen Kopf gegen eine Tischplatte gedrückt. Im zweiten Anlauf legte er sich darauf fest, das sämtliche Aggressionen von seinem als Nebenkläger auftretenden vermeintlichen Opfer ausgingen. Das klang in der Gesamtheit wenig überzeugend.

Auch die folgende Aussage des Nebenklägers brachte kein Licht ins Dunkel des Tatgeschehens. Das Problem: Der 29-jährige Security-Mann schilderte den Ablauf ganz anders als bei seiner polizeilichen Vernehmung kurz nach dem Vorfall. In Kirchhain erzählte er, dass sein Kollege den Angeklagten mehrmals höflich aufgefordert habe, den Stuhl, Eigentum der Festwirtin, im Zelt zu belassen. Vom Inhalt der anschließenden Diskussion habe er nichts mitbekommen. „Ich habe gedacht, das mit dem Stuhl ist ein Spaß“, sagte er. Erst als er seinen körperlich kleinen Kollegen in der aus vier Männern und einer Frau bestehenden Gruppe nicht mehr gesehen habe, sei er zwischen die Diskutanten getreten, „um mir einen Überblick zu verschaffen.“ Auf Nachfrage von Gericht, Staatsanwaltschaft, Verteidigung und seines Anwalts versicherte er viermal, dass er keinerlei Handgreiflichkeiten gegenüber seinem Kollegen gesehen habe. Stattdessen habe er einen Tritt von hinten bekommen, sei zu Boden gegangen. Daraufhin sei er von den vier Männern getreten worden. Seine Verletzungen seien bis auf einen Tritt in die Nierengegend oberflächlicher Natur gewesen. Den Tritt in die Nierengegend ordnete er dem Angeklagten zu, obwohl er diesen gar nicht gesehen hatte, weil er auf seiner linken Körperhälfte lag und nur die links postierten Angreifer sah. Deshalb könne nur der rechts postierte Angeklagte Urheber dieses Tritts gewesen sein, sagte der Zeuge und ließ dabei außer Acht, dass er zuvor von vier tretenden Angreifern gesprochen hatte. Von den Männern habe er allein den Angeklagten identifizieren können - wegen dessen auffälliger Körpergröße, sagte er.

Ein Zeuge, zweiunterschiedliche Aussagen

Edgar Krug zitierte darauf aus den protokollierten Aussagen des Nebenklägers vor der Polizei. Darin heißt es unter anderem, dass vier Männer seinen Kollegen angegriffen haben und dass der Nebenkläger versuchte, diese vom Opfer wegzuziehen. „Was Sie heute erzählen, hat mit Ihrer damaligen Schilderung nichts zu tun. Und die Aussage Ihres Kollegen deckt sich mit keiner Ihrer beiden Versionen“, stellte der Vorsitzende fest. „Wir haben sechs Zeugen und hören wahrscheinlich sechs verschiedene Zeugenaussagen“, prophezeite Edgar Krug und ließ deutlich erkennen, das aufgrund der Zeugenaussagen vermutlich keine Verurteilung möglich sein wird.

Winand Koch, Rechtsanwalt des Angeklagten, regte daraufhin eine Einstellung des Verfahrens nach § 153a der Strafprozesordnung an. Als Gegenleistung bot er die Zahlung eines Schmerzensgeldes an den Geschädigten an.

Auch mit Blick auf die geringfügigen Verletzungen des Opfers stimmten Gericht, Staatsanwaltschaft und Nebenklage einer vorläufigen Einstellung zu. Der Angeklagte muss 300 Euro Schmerzensgeld zahlen.

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