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Beim Tanz fallen viele Barrieren

Begegnungsfest Beim Tanz fallen viele Barrieren

Kennenlernen funktioniert am besten durch Gespräche und gemeinsames Feiern. Beides passierte beim Begegnungsfest, das der „runde Tisch“ mit den Bewohnern des Asylbewerberheims in Wohra organisierte.

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Vor der Hofreite tanzen Flüchtlinge. Beim Begegnungsfest lernten sich Bewohner des Asylbewerberheims und Wohrataler Bürger besser kennen. Privatfoto

Wohratal. Kinder spielen gemeinsam Fußball, Menschen verschiedener Nationen und mit ganz unterschiedlichen Schicksalen sitzen an Tischen und sprechen miteinander. Ein riesiges Büfett spiegelt wider, wie international es im Asylbewerberheim zugeht. Es gibt Gerichte aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak, Gerichte, die es ansonsten nur in internationalen Restaurants zu kosten gäbe.

Am Samstag feierten Bewohner des Asylbewerberheimes mit Mitgliedern des „runden Tisches“ gemeinsam ein Begegnungsfest an der Hofreite Wohra. Der „runde Tisch“ existiert seit den Angriffen auf das Heim Ende Januar. Seitdem haben seine Mitglieder viel getan, um den Flüchtlingen aus Krisengebieten das Leben in Wohratal zu erleichtern, sie einzugemeinden.

Ein Projekt war eben dieses Fest. 48 Flüchtlinge leben derzeit im vollbesetzten Heim, etwa 40 von ihnen waren beim Begegnungsfest dabei. Insgesamt kamen im Laufe des Nachmittages wohl rund 80 Festbesucher zusammen.

Sorgen und Nöte vergessen

Was sich die Organisatoren gewünscht hatten, ist offenbar gelungen. Im Laufe des Nachmittags gab es unzählige Gespräche. Als Hannelore Keding-Groll zum Tanzen aufforderte, waren auch die Flüchtlinge schnell mit auf der Tanzfläche vor der Hofreite zu sehen. Die Bewohner machten schließlich auch selbst Musik, orientalisch ging es zu

„Es gab nach dem Fest sicherlich viele Menschen, die ihre Sorgen und Nöte mal für einen Moment vergessen konnten“, resümierte Frank Garnatz vom Organisationsteam des Begegnungsfestes am Sonntag.

Harald Homberger vom „runden Tisch“ hatte zu Beginn die Begrüßung übernommen. Angesichts der aktuellen Flüchtlingszahlen rechnet er damit, dass die Asylbewerber-Unterkünfte im Kreis auf lange Sicht voll belegt bleiben werden. Im Heim in Wohra hat es dabei in den vergangenen Monaten kaum Fluktuation gegeben. „Natürlich möchten viele gerne in Wohnungen, wenn sie ihre Papiere von der Ausländerbehörde haben“, berichtet Homberger gegenüber der OP.

Hinter jedem dieser Bewohner liegen teilweise schreckliche, kaum zu nachzuvollziehende Erlebnisse, die dazu führten, dass sie aus ihren Heimatländer flüchten mussten.

Die Mutter von Feras und Mohammed Issa war beispielsweise Mathematiklehrerin in Damaskus, demonstrierte gegen Präsident Assad und sein Terrorregime. Gegen sie gab es einen Haftbefehl und massive Bedrohungen, wie ihre beiden Söhne gegenüber der OP erzählen. Die Flucht war wohl die einzige Chance, ihr Leben zu schützen. „Uns ging es um ein Leben in Freiheit“, sagt Feras Issa. Er ist 22 Jahre alt, hat zuletzt in Damaskus Englisch studiert und im Cafe seines Vaters gearbeitet. Studieren und Arbeiten möchte er auch in Deutschland und zwar so schnell wie möglich. Doch es fehlt zunächst noch an den wichtigsten Papieren für ihn und seinen 17-jährigen Bruder, Mohammed, der gerne so schnell wie möglich wieder lernen möchte. Die Gespräche mit den Brüdern finden fast ausschließlich auf Englisch statt.

Sprachunterricht wichtig

Einige Worte Deutsch können sie aber schon, das Wort „Danke“ gehört dazu. Dass sie beide bald wieder in Syrien leben können, glauben sie nicht.

Naser Ademi arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Hausmeister im Asylbewerberheim in Wohra. Er bringt die Stimmung der Bewohner auf den Punkt: „Dieses Fest ist eine sehr, sehr gute Idee, sagen sie. Sie danken allen, die das möglich gemacht haben. Alles ist so mit Herz gemacht“, erklärt Ademi.

Die Besitzer des Gebäudes unterstützen das Fest mit Getränken, sind auch beim „runden Tisch“ dabei. Erst kürzlich haben sie einen Bus angeschafft, damit die Bewohner mobiler werden. Der „runde Tisch“ organisierte zwischenzeitlich Sprachunterricht, den ehrenamtliche Lehrerinnen zweimal in der Woche abhalten. Eine wichtige Ergänzung. Nach dem Angriff auf das Heim äußerten Bewohner Wünsche, der nach Sprachunterricht war der wichtigste.

Außerdem bewirtschaften Flüchtlinge inzwischen ein kleines Stück Land in Wohratal, das die Gemeinde bereitstellte.

Die weitere juristische Aufarbeitung der Vorfälle vom Januar erfolgt am 23. Juni. Dann ist eine Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht in Marburg gegen die vier Angeklagten anberaumt (die OP berichtete).

von Michael Rinde

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