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Begegnung mit den Namen der Opfer

Stolpersteine Begegnung mit den Namen der Opfer

Seit über zwei Jahrzehnten setzt Gunter Demnig zum Gedenken an Opfer des Nazi-Terrors Steine gegen das Vergessen. Bei der Erstverlegung von zehn Stolpersteinen in Kirchhain war die Anteilnahme groß.

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Während Künstler Gunter Demnig in der Römerstraße die ersten Stolpersteine setzte, begrüßte Bürgermeister Jochen Kirchner die zum Teil aus Übersee angereisten Gäste. Fotos: Karin Waldhüter

Kirchhain. Angehörige der Opfer waren eigens aus den USA und Israel angereist und legten Blumen nieder.

73 Jahre, vier Monate und zwei Tage nachdem sie im Vernichtungslager Sobibor starb, bekommt Johanna Strauß ihren Namen zurück. „Hier wohnte Johanna Strauß, deportiert 1942, ermordet am 3. 6. 1942 in Sobibor.“ So ist es auf dem Messingschild auf dem Pflasterstein eingraviert. „Hugo Strauß, geb. 1869 gedemütigt und entrechtet“ steht auf dem zweiten Stein.

„Hier“, das ist das Haus Nummer 13 in der Römerstraße. Lastautos rattern vorbei und Autos schlängeln sich an den rund 100 Menschen vorbei, die sich versammelt haben zum Gedenken an die Kirchhainer Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus gelitten haben, in die Flucht getrieben oder ermordet wurden. Unter den Besuchern sind auch vier Gäste, die eine besonders weite Reise auf sich genommen haben. Professorin Jenny Strauß-Clay und ihr Bruder Thomas Strauß waren aus den USA angereist, und Estee Bligh und ihr Mann Alexander waren aus Israel gekommen. Jenny Strauß-Clay ist die Adoptivtochter und Thomas Strauß ist der Stiefsohn des weltberühmten Wirtschaftsphilosophen.

Zwischen all den Menschen kniet Gunter Demnig. Zehn Stolpersteine verlegt er, und Volker Scheldt und Torsten Weber vom Bauhof gehen ihm dabei zur Hand. Demnig ist zum ersten Mal in Kirchhain, und schweigsam verrichtet der Mann mit dem breitkrempigen Hut seine Arbeit.

Schüler gaben den Anstoß für die Stolpersteine

Ein Jahr ist es her, dass das Stadtparlament, ausgehend von einer Anregung von Schülerinnen und Schülern der Alfred-Wegener-Schule, einstimmig beschlossen hatte, das Projekt „Stolpersteine in Kirchhain“ zu verwirklichen. Träger des Projektes ist der Arbeitskreis „Stolpersteine“, in dem sich Schüler und Lehrer der Alfred-Wegener-Schule, des Heimat- und Geschichtsvereins, Vertreter der Fraktionen, der Stadtverwaltung sowie des Arbeitskreises Ökumene zusammengeschlossen haben.

Eine 15-köpfige Arbeitsgruppe der AWS mit dem Namen „Antisemitische, Rassistische, Rechtsextremistische Tendenzen-Stoppt (kurz ARRET)“ setzte sich intensiv mit dem Thema auseinander. Als Vertreter der Arbeitsgruppe ARRET fand Lasse Lowak eindringliche Worte. Wer über die Steine stolpere, solle sich bewusst werden, dass die Bahnhofstraße einmal Adolf-Hitler-Straße hieß, und SA-Männer die Menschen mit Steinen bewarfen, diskriminierten, bestahlen und ihre Deportation zuließen, sagte er.

Bürgermeister Jochen Kirchner hob hervor, dass er sich über das Kommen der vielen Menschen freue. Unter diesen befand sich Amnon Orbach von der Jüdischen Gemeinde Marburg, der später ein hebräisches Gebet sprach. An den drei Standorten verlasen Klaus Hesse vom Heimat- und Geschichtsverein und Schüler der AWS Kurzbiographien und gaben den Opfern mit Fotografien, die sie in den Händen hielten, ein Gesicht.

„Wir haben keine Schuld, aber Verantwortung“

Unter der Leitung von Torsten Mihr begleiteten Schüler des Wahlpflichtkurses Musik mit einem jüdischen Tanzlied und dem ergreifenden Lied „Donna, Donna“, das die Situation der Juden in der Zeit des Dritten Reiches reflektierte, die Verlegung der Steine. Die Schüler des Kurses „Darstellendes Spiel“ der Jahrgangsstufe 11, unter der Leitung von Silke Trux, forderten in einer szenischen Collage mit lauten Stimmen im Chor: „Wir haben keine Schuld, aber Verantwortung, seid aufmerksam, setzt Stolpersteine in eure Leben. Man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“

Sichtlich bewegt traten Jenny Strauß-Clay und Thomas Strauß an die beiden Stolpersteine in der Römerstraße und dankten den Initiatoren. „Wir haben viele Geschichten über Kirchhain gehört, es ist für uns sehr rührend hier zu sein“, erklärte Jenny Strauß-Clay. Gemeinsam legten sie Blumen ab und verharrten einen Moment im stillen Gedenken.

Fünf Wertheimswurden ermordet

Wie heimisch sie sich in Kirchhain fühle, weil sie so gut von den Leuten aufgenommen worden sei, erklärte Estee Bligh, die mit ihrem Mann Alexander aus Israel angereist war. Ihre Vorfahren lebten im Weinhaus neben dem Rathaus.

In der Raiffeisenstraße 11 verlegt Demnig fünf Stolpersteine. Sie erinnern an Sannchen Wertheim, Adolf Wertheim, Betty Wertheim, Martin Wertheim und Karola Wertheim. An der Stelle findet man heute einen großen Parkplatz. Sannchen Wertheim starb am 19. Mai 1943, nachdem sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden war. Adolf Wertheim wurde gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern nach Lublin deportiert, am 22. August 1942 starb er im Vernichtungslager Majdanek. Seine Frau Betty brachte die Kinder Martin (1927) und Karola (1934) zur Welt. Betty Wertheim wurde am 3. Juni 1942 in Sobibor ermordet. Sohn Martin starb am 26. September 1942 im Konzentrationslager Majdanek und Karola wurde als Neunjährige in Sobibor ermordet. Daran, dass in dem Haus „Unterm Groth 23“ einst Meier Wertheim, Klara Wertheim und Alfred Wertheim ein und aus gegangen sind, erinnern drei weitere Stolpersteine. Wie sein Bruder Adolf betrieb „Meier II“, wie er in Kirchhain genannt wurde, einen Viehhandel. Noch vor der Reichspogromnacht gelang ihm die Flucht in die USA. Er starb 1971 in New York. Seine Frau Klara starb 1988 im Alter von 92 Jahren in New Jersey. Sohn Alfred, geboren 1922, floh 14-jährig mit seinen Eltern in die USA.

Die Schlussworte gehörten der Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins Kerstin Ebert und Schulleiter Matthias Bosse. 4700 Euro Spendengelder, fast alle von Privatpersonen, habe der Verein erhalten. 600 Euro hatte die VR-Bank gespendet. Ebert betonte, dass noch rund 20 000 Euro gebraucht werden, um noch etwa 60 Häuser mit Stolpersteinen zu versehen.

„Ich bin großartig dankbar, hier dabei gewesen zu sein“, erklärte Bosse: „Kirchhain war damals vorneweg, deswegen ist es wichtig, dass Kirchhain auch heute vorneweg geht.“

von Karin Waldhüter

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