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Bedrohter Erzbischof will verzeihen

Shitstorm Bedrohter Erzbischof will verzeihen

Nach aufregenden Wochen und einem Streit mit der "Alternative für Deutschland" (AfD) ruft Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg und Ehrenbürger Amöneburgs, zur Besonnenheit auf.

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So stellt die AfD den Erzbischof auf ihrer Facebook-Seite dar.Screenshot: Florian Lerchbacher

Amöneburg. „Am Sonntag beginnt die Adventszeit: Zeit der Besinnung, in der wir Besonnenheit neu entdecken und einüben können“, schrieb Bambergs Erzbischof Ludwig Schick am Freitag auf Facebook in einer Nachricht, die sich an „Schwestern, Brüder, Freunde und Follower“ richtete - aber auch an „Distanzierte und Abweisende, Fremde und Gegner“.

Der gebürtige Mardorfer und Ehrenbürger Amöneburgs ruft dazu auf, zu verzeihen: „Ohne Verzeihen und Versöhnen gibt es keinen Neuanfang und keine bessere Zukunft.“ Damit zieht er quasi eine Art Schlussstrich unter eine Auseinandersetzung mit der AfD und ihren Anhängern: Bei einer Podiumsdiskussion hatte der Erzbischof erklärt, dass die Kirche auch ­einen muslimischen Bundespräsidenten akzeptieren würde - allerdings erst nach bohrenden Nachfragen, wie Bistumssprecher Harry Luck betont: „Er hat auf eine hypothetische ­Frage theoretisch geantwortet.“

Die AfD griff die Thematik im sozialen Netzwerk Facebook unter anderem mit einer Fotomontage auf und gab den Erzbischof zum Beschuss frei, wie Luck erklärt. Und dieser Beschuss setzte dann auch ein. „Das harmloseste waren Beleidigungen, es gab aber auch üble Bedrohungen - brutalste Aussagen, die über die Grenzen des Zumutbaren hinausgingen.“

Als die AfD Bamberg die Fotomontage als Profilbild verwendete, versuchte das Bistum, eine Unterlassungserklärung beziehungsweise, nach deren Ablehnung, eine einstweilige Verfügung zu erlangen. Derweil begann der Staatsschutz, wegen Volksverhetzung und Beleidigung zu ermitteln.

Hasskommentare gelöscht

Die Partei habe dann diverse Hasskommentare gelöscht, berichtet Luck. Parallel habe sie erklärt, dass ein muslimischer Bundespräsident zwar nichts für sie sei, aber theoretisch möglich wäre: „Danach haben wir keinen Anlass mehr gesehen, einen gerichtlichen Streit zu führen“, erläutert der Pressesprecher. Die Zeit sei für den Erzbischof nicht einfach gewesen. Die vielen „hasserfüllten Kommentare und verbalen Entgleisungen“ hätten ihn betrübt - auch wenn er nie konkrete Angst gehabt habe, dass einer der Facebooknutzer seine Drohung wahr mache. „Und beirren oder einschüchtern ließ sich der Erzbischof auch nicht“, resümiert Luck, stellt aber heraus, dass die Staatsanwaltschaft weiterhin in dem Fall aktiv sei.

„Die letzten Monate waren von vielen populistischen Äußerungen, verbalen und sogar brachialen Attacken, Schmähungen und Entgleisungen geprägt“, schrieb Schick nun am Freitag auf Facebook: „Im Jahr der Barmherzigkeit war manches Reden und Tun sehr unbarmherzig. Die Besonnenheit war abhandengekommen.“ Viele Menschen - auch er - hätten darunter gelitten, menschliche Beziehungen seien zerstört und die soziale Atmosphäre vergiftet worden. Doch nun komme der Advent, und dieser lade dazu ein, „sich zu besinnen“ und „neu zu beginnen“.

Der Erzbischof ist also bereit, zu vergeben und hat einen festen Glauben an das Gute im Menschen - der vielen seiner Mitmenschen längst abhanden gekommen ist: „Jeder Mensch ist im Innersten seines Wesens gut, hat Frieden in sich und sucht Frieden, wünscht sich Wohlwollen und kann freundlich den Mitmenschen begegnen. Jeder kann Freund sein und Feindschaft überwinden. Wenn wir aggressiv werden, böse reden und handeln, dann sind wir fremdbestimmt. Die Adventszeit lädt ein, unser Selbst, unser Inneres, die Quellen unseres Lebens neu freizulegen; aus ihnen entsteht Besonnenheit im Reden und Tun.“ Schicks Hoffnung ist, dass die Menschen in ihrem Verhalten achtsamer und respektvoller werden und „das Miteinander von Wohlwollen und Barmherzigkeit geprägt“ wird.

von Florian Lerchbacher

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