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Bedarf ist da, Entscheidungsfreudigkeit nicht

Jugendarbeit Bedarf ist da, Entscheidungsfreudigkeit nicht

Während die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses im Gemeenshaus über professionelle Jugendarbeit diskutierten, kreisten vor dem derzeit geschlossenen Jugendhaus die Schoppen.

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Wegen Verstößen gegen die Regeln bleibt der Jugendraum Mardorf dicht.Fotos: Lerchbacher

Mardorf. Die Stadt Amöneburg hat den Jugendraum in Mardorf geschlossen, weil es Fälle von Vandalismus gab, weil darin gesoffen und geraucht wurde und weil einige Jugendliche dort übernachteten. Am Montagabend trafen sich einige junge Männer dann eben vor dem Gebäude - und das, während keine 200 Meter entfernt die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses das Thema „professionelle Jugendarbeit“ auf die lange Bank schoben.

Die Rollen in der Diskussion waren klar verteilt: Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg (parteiunabhängig) will dem Marburger Verein bsj für drei Jahre und jährlich 35000 Euro die Jugendarbeit übertragen. Die SPD um Winfried Kaul unterstützt ihn, die AWG um Hartmut Weber ist ebenfalls für professionelle Jugendarbeit - wollte aber noch kein grünes Licht geben. Die FWG um Rudi Rhiel stört sich an den finanziellen Aspekten, und die CDU um Jan-Gernot Wichert will erst einmal den Bedarf abklopfen, da schließlich die Vereine schon ein großes Angebot für Jugendliche machten.

Und so entwickelte sich eine ausgiebige Diskussion: „In unseren Dörfern gibt es viele Vereine, die etwas für die Jugendarbeit machen. Natürlich gibt es Jugendliche, die sie nicht erreichen. Außerdem ist bei den Jugendräumen etwas mehr als Vereinsarbeit notwendig“, sagte Rhiel und betonte: „Ich kann mich aber nicht mit den hohen Kosten anfreunden.“

Ähnlich sieht das Reinhard Franke (CDU), der sich über die „wenig effektive Zeit“ ärgerte - der bsj hatte von den rund 20 Wochenstunden 10 für Organisation und Planung vorgesehen: „Dass dann noch die Fahrtzeit abgehen soll, überzeugt mich nicht.“

„Es ist von Ortsteil zu Ortsteil sehr unterschiedlich, was für Jugendliche läuft“, sagte Kaul und betonte, dass er eine professionelle Jugendarbeit für absolut notwendig halte, schließlich sei die Großgemeinde ein Ort, der für junge Familien attraktiv sein wolle - und das auch auf die Zukunft gesehen. „Das wäre wichtig für unsere Infrastruktur.“

Wichert, seines Zeichens Lehrer an der Stiftsschule und Vater von vier Kindern, kommentierte, er habe im Gespräch mit Jugendlichen aus seinem Umfeld erfahren, dass sie aufgrund schulischer Verpflichtungen und Vereinsarbeit keine Zeit für den Besuch eines Jugendraums hätten und keinen Bedarf für eine Jugendpflege sehen würden. Er monierte, dass nicht alle Ortsbeiräte sich der Thematik angenommen hätten. Zudem kritisierte er, dass eine Sozialraumanalyse erst nach Vertragsunterschrift erfolgen solle. „Ich soll also einen Mittelklasse-Mercedes kaufen und mich danach fragen, ob ich ihn überhaupt brauche.“ Der CDU-Fraktionsvorsitzende gab an, sich zeitlich nicht unter Druck setzen lassen zu wollen. Noch dazu seien keine intensiven Diskussionen geführt worden.

Das wiederum brachte Richter-Plettenberg auf die Palme: Seit Sommer 2011 stehe das Thema Jugendarbeit auf der Agenda. Schon im April dieses Jahres hatte sich der Kinder- und Jugendbeirat mit dem Thema befasst: „Der Magistrat ist durch die Jugendräume gezogen und hat das Gespräch gesucht. Fakt ist, dass sich Jugendliche eigentlich nicht äußern. Den Vorwurf, ich wolle die Jugendarbeit durchpeitschen, weise ich zurück.“

Weber wiederum erinnerte sich an Jugendfreizeiten aus seiner Kindheit - also einer Zeit, in der es noch kommunale Jugendarbeit in Amöneburg gab. Er erinnerte an den Jugendraum Mardorf, in den viel Geld investiert wurde: „Und nun ist er fast kaputt. Wir kommen nicht drumherum, professionelle Jugendarbeit zu machen.“ Noch dazu gelte es, mit guten Angeboten „die Kinder von den Teufelsapparaten“ (Anmerkung der Redaktion: Computern) wegzuholen.

Die Ausschussmitglieder diskutierten kurz über die von Wichert geforderte „Bedarfsanalyse“, fragten sich, wer selbige machen solle und ärgerten sich über die Kosten in Höhe von 5000 bis 7000 Euro (ein von Kaul aufgebrachter Schätzwert), die ein solches Projekt auffressen würde.

Letztendlich waren sich die Ausschussmitglieder nach Abwägen der Argumente einig, das Thema Jugendarbeit nicht einfach abzulehnen. Sie beherzigten einen Aufruf von Jochen Splettstößer aus dem Ortsbeirat Mardorf, der „Jugendarbeit“ in seinem Gremium beraten will - warum dies bisher wie in einigen anderen Beiräten nicht geschehen ist, ließ sich nicht klären. Die Ausschussmitglieder sprachen keine Empfehlung aus, das Thema bleibt also auf ihrer Tagesordnung.

Sie forderten den Magistrat auf, Stellungnahmen von den Ortsbeiräten einzuholen - eine entsprechende Aufforderung verschickte der Bürgermeister gestern an die Ortsvorsteher.

Die Stadtverordnetenversammlung muss sich in ihrer nächsten Sitzung am Montag also nicht mit dem Thema auseinandersetzen und somit auch nicht mit der Frage, ob die Kommune den Jugendraum Rüdigheim von der Kirchengemeinde übernimmt.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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