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Bambi lebt - mitten in Stadtallendorfs Altstadt

Tierfreund Bambi lebt - mitten in Stadtallendorfs Altstadt

Harald Weitzel gibt in seinem Garten inmitten der Stadtallendorfer Altstadt Tieren, die ihre Eltern verloren haben, eine zweite Chance. Inzwischen tollt sogar ein Rehkitz über die Wiese.

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Harald Weitzel gab einem jungen Reh und einem Turmfalken in seinem Garten ein neues Zuhause. Zudem wohnen dort unter anderem zwei Schneeeulen – die allerdings keine „Waisenkinder“, sondern ein Geschenk von Tochter Verena sind.Fotos: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. Harald Weitzel hat das Herz am rechten Fleck. Der 60-Jährige liebt die Menschen und die Tiere, ist hilfsbereit, freundlich, zuvorkommend und einfach für jeden da. Im Frühling stellt er ein Osternest auf einer Grünfläche vor seinem Haus auf, im Winter eine Krippe. Er organisierte zahlreiche Krippenausstellungen, „diente“ dem Stadtallendorfer Hessentagspärchen als Fahrer und so weiter und so fort.

Noch dazu ist der Mitarbeiter des Stadtallendorfer Bauhofs Vogelschutzbeauftragter der Stadt Stadtallendorf. Da wundert es nicht, dass in seinem Garten neben Zwerghühnern, Kanarienvögeln und Schneeeulen auch ein Turmfalke lebt. Dieser war im Sommer aus dem Nest gefallen. Weitzel fand ihn, gab ihm ein neues Zuhause und rettete dem Vogel so das Leben. Dass sich das Tier dessen bewusst ist, bleibt natürlich Spekulation. Fakt ist allerdings, dass sich der Turmfalke unfassbar freut, wenn sein Adoptivvater zu ihm in die Voliere kommt - und am liebsten auf dem Kopf des 60-Jährigen sitzt. „Am höchsten Punkt fühlt er sich eben am wohlsten“, erklärt dieser. Bei aller Liebe könne er dem Tier diesen Gefallen aber nicht tun: Die Fänge seien schlicht viel zu scharf für seine Kopfhaut.

Bussarde, Fasane, Rebhühner und sogar einen Marder, der ihn einst gar zum Bauhof begleitete, zog Weitzel bei sich zuhause bereits auf. Seit dem Sommer hat er nun allerdings eine ungewöhnliche Mitbewohnerin auf dem Gelände: Ein junges Reh - das neugierig angelaufen kommt, wenn jemand den Garten betritt, sich dann jedoch an seine von Natur aus eigentlich scheue Art erinnert und sich in vornehmer Zurückhaltung übt, wenn Weitzel einen Fremden im Schlepptau hat. Aber gleichzeitig irgendwie dabei sein will.

Bambi heißt das Rehlein, zu dem Weitzel wie die Jungfrau zum Kind gekommen war. Im Sommer habe er einen Anruf erhalten, dass ein Kitz durch die Haartsiedlung irre. An der neugestalteten Bundesstraße verlören die Tiere oftmals die Orientierung, erklärt der Stadtallendorfer. Wahrscheinlich sei das Muttertier weitergezogen, während Bambi zurückblieb.

Nach Anrufen beim Jagdpächter und bei Hessenforst stand Weitzels Entscheidung fest: Das damals vier bis sechs Wochen alte Kitz solle bei ihm bleiben und werde im Garten leben. Zunächst musste als Kinderstube jedoch die Waschküche herhalten und es hieß, alle zwei Stunden lang das mit Schafsmilch gefüllte Fläschchen zu geben und danach das Bäuchlein zu reiben, um die Verdauung anzuregen - Tochter Verena unterstützte ihren Vater dabei, was dieser besonders in den Nachtstunden zu schätzen wusste. Und ohne die Hilfe und die Beratung von der Kirchhainer Tierarztpraxis Vogel wäre es ihm auch nicht möglich, all die Tiere aufzuziehen und zu versorgen, hebt Weitzel hervor.

Inzwischen wird Bambi mit Spezialfutter, Müsli, Äpfeln und Möhren ernährt und durfte in den Garten umziehen, den der Stadtallendorfer davor natürlich Reh-gerecht umgestaltet hatte, zum Beispiel, indem er den Zaun erhöhte und einen Unterschlupf baute. Nun überlegt er sogar, ein zweites Reh aufzunehmen, damit Bambi nicht so einsam ist. Zwar interessiert es sich dafür, was in den Volieren vor sich geht und wer in den Garten zu Besuch kommt: „Aber einen Artgenossen neben sich zu haben, wäre wahrscheinlich ganz nett“, sagt Weitzel. Auswildern jedenfalls komme nicht in Frage: „Ich befürchte, dass es sich in der freien Wildbahn nicht zurechtfinden würde und keine Überlebenschance hätte. Also bleibt es bei mir.“

Dass die Pflege all der Tiere sehr zeitaufwändig sei, stört den 60-Jährigen nicht im Geringsten: „Es macht mir Spaß. Und es ist einfach schön, etwas für Tiere zu tun. Ich freue mich natürlich auch, wenn sie zutraulich sind und hinter mir herlaufen.“ Eine Sorge hat er allerdings: Explodierende Böller werden Bambi an Silvester wohl in Angst und Schrecken versetzen. Dafür hat er zwar keine Lösung, aber zumindest einen Plan: „Ich werde im Garten bleiben und versuchen, Bambi zu beruhigen.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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