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Bald verschwinden die Bunkerreste

Altlastensanierung Bald verschwinden die Bunkerreste

Im September werden die ersten Bagger auf dem der Bundeswehr gehörenden Teil des Wasag-Geländes anrollen. Dann wird zunächst die Baustelle für die Sanierung der früheren Füllstelle I des Sprengstoffwerks eingerichtet.

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Teilweise zugewachsen ist dieses entkernte Gebäude der Füllgruppe I.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Was 2004 im Wohngebiet begann, wird nun, elf Jahre später, auf Bundeswehrgelände fortgeführt. Dienstagabend informierten sich zehn Anlieger, deren Häuser direkt an das Sanierungsgebiet angrenzen, über die geplanten Arbeiten. Eingeladen hatte das Hessische Bauma-nagement, das für den Bund die Arbeiten leitet.

Mit dem Beginn der Sanierung der Füllstelle I fällt der Startschuss für ein Projekt, das bis zu zehn Jahre dauern könnte. Jetzt verschwinden die Reste jener Produktionsstätte des Werkes Herrenwald der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-Aktiengesellschaft (Wasag), das am längsten in Betrieb war. Rund 16 Hektar ist das Gelände groß. Bis Anfang 2017 verschwinden die unter Erde und Bewuchs liegenden Reste gesprengter Schmelz- und Gießhäuser einschließlich aller Schächte und Fundamente. Dort wurde Sprengstoff verfüllt, vor allem für die Kriegsmarine des Dritten Reiches. Bei der Erkundung des Geländes vor mehr als 15 Jahren wurden Teile jener Halden schon einmal genauer erkundet. In früherenGießkanälen und verschütteten Aufzugsschächten fanden die Experten noch kristallinen Sprengstoff. Ganz offensichtlich wurde bei Sprengung der Produktionsgebäude nicht allzu sehr darauf geachtet, was man dort hinterließ.

"Einen Torpedo finden wir sicherlich nicht"

Das entspricht den Sanierungserfahrungen aus dem DAG-Gebiet. Die Anwohner aus Finkenweg und Scharnhorststraße sollen so weit wie möglich von Belastungen durch die große Baustelle verschont werden. Das betonte Karl-Wilhelm Schütz, Projektleiter des Baumanagements am Dienstag immer wieder. Sämtliche Baustellenfahrzeuge fahren durch die Artilleriestraße, die Zufahrtsstraße zur Hessen-Kaserne. Bei allen anstehenden Abrissarbeiten wird der Bauschutt nur auf Transportgröße verkleinert, aber nicht durch eine Brecheranlage vor Ort geschickt.

Die Arbeiten beginnen laut dem vorläufigen Zeitplan bei den Standorten von zwei früheren Schmelz- und Gießhäusern, die am weitesten von den Anwohnern entfernt liegen. Läuft alles, wie jetzt vorgesehen, dann kommt die Baustelle den Wohnhäusern von April bis etwa Oktober nächsten Jahres am nächsten. Dann wird auch ein kleines Stück Zivilgelände noch saniert.

Vor elf Jahren, als das Land die Wohngrundstücke von Altlasten befreite, war das wegen der Örtlichkeiten nicht möglich. Ab Herbst nächsten Jahres beginnt dann der Abbruch der alten Gebäude, die noch stehen. Dazu zählen neben den Überresten der Gießhäuser auch vier andere Gebäude. Teilweise wurden sie nach dem Krieg noch als Lagerstätten genutzt, bis 1960 die Bundeswehr das Gelände übernahm.

Ein Anlieger äußerte Sorgen wegen Blindgängern und Munitionsresten, die sich bei der Sanierung finden könnten. Volker Gebhardt vom Baumanagement beruhigte unter Hinweis auf frühere Absuchen nach Munitionsresten: „Große Überraschungen sind nicht zu erwarten. Einen Torpedo finden wir dort sicherlich nicht.“ Gegenüber der OP ergänzte Gebhardt, dass das gesamte Sanierungsgebiet vor Beginn von Arbeiten noch einmal von Experten auf Munition untersucht wird.

Angst vor verseuchtem Wasser

Wo Baugruben entstehen, soll es tiefergehende Untersuchungen geben. In der Wasag wurden unter anderem auch Torpedosprengköpfe gefüllt, neben Granaten, Seeminen und auch Sprengköpfen für die von der Nazi-Propaganda „Vergeltungswaffe I“ genannten Flugbomben. Einen Bewohner der Scharnhorststraße beschäftigte die Frage, ob Wasser, das aus dem Gebiet der Füllstelle I auf sein Grundstück lief, belastet sein könnte. 2004 wurde sein Areal saniert. „Ist bei mir jetzt alles wieder verseucht?“, fragte er.

Davon gehen die Experten des Baumanagements wie auch ein Vertreter des Regierungspräsidiums Gießen nicht aus. Es handele sich um Oberflächenwasser, an der Oberfläche befänden sich nach sieben Jahrzehnten keine Schadstoffe mehr. Das Regierungspräsidium hat den Sanierungsplan für die Füllstelle genehmigt. Darin ist auch festgelegt, dass dieses Mal nicht an der Grenze zwischen Bundeswehrflächen und Wohngebäuden gestoppt werden darf.

Kanalsystem wird erkundet und saniert

Wenn sich bei Bodenuntersuchungen in den Baugruben noch Belastungen finden, müssen sie entfernt werden. Die Belastungen befinden sich in bis zu drei Metern Tiefe. Es handelt sich um sogenannte „sprengstofftypische Verbindungen“, aber auch Reste der Sprengstoffe TNT und Hexogen oder „polyaromatische Kohlenwasserstoffe“. Anders als im DAG-Gebiet rechnen die Sanierer bei der Füllstelle nicht mit Mononitrotoluolen (MNT), die bei ihrer Freilegung in die Luft gelangen. Deshalb gibt es bei der Füllstellen-Sanierung auch keine „Einhausungen“, sprich Zelte über den diversen Baugruben. Außerdem wird jetzt auch das Kanalsystem der Füllstelle I erkundet und saniert. Schächte und Rohrleitungen werden gereinigt und dann stillgelegt, wo möglich mit Spezialzement gefüllt.

Nach Ende der Arbeiten rund um die Füllstelle sollen dort wieder Bäume wachsen. Ein Stück Wald wird entstehen, geeignet als Erholungsgebiet. Auf diese neue Nutzung sind auch sämtliche Schadstoffwerte für den Boden ausgelegt.

von Michael Rinde

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