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Ausgegrenzt durch Sprachlosigkeit

Aphasie Ausgegrenzt durch Sprachlosigkeit

In Hessen sind rund 8000 Menschen an Aphasie erkrankt- einer Sprachstörung infolge von Hirnerkrankungen. In Stadtallendorf feiert der Aphasie-Landesverband sein 25-jähriges Bestehen.

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Michael Goetz im Büro des Aphasie-Landesverbandes in seiner Anwaltskanzlei. Das Gesicht mit herausgebrochenem Puzzleteil am Mund symbolisiert die Erkrankung.

Quelle: Peter Gassner

Stadtallendorf. Ein schicksalshafter Tag vor 17 Jahren, veränderte das Leben des Ehepaars Goetz für immer. Ein Schlaganfall führt bei der Ehefrau von Michael Goetz zu schwerwiegenden Folgen: eine halbseitige Lähmung, epileptische Anfälle, eine Sehbehinderung. Und eine Erkrankung, die nur wenigen geläufig ist. Aphasie - eine Sprachstörung, bei der die Fähigkeit zur Wortfindung verloren geht. Betroffene können - je nach Schwere der Erkrankung - nicht mehr sprechen, haben Probleme beim Verstehen und verlieren die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben.

Nicht einmal die Namen der Kinder waren präsent

Seine Frau hat sich bis heute wieder recht gut erholt, doch Michael Goetz weiß dennoch ganz genau, wie sich Aphasie für die Erkrankten anfühlt. Der Stadtallendorfer Rechtsanwalt ist Vorsitzender des Aphasie-Landesverbandes Hessen. „Meine Frau hat anfangs nicht einmal mehr die Namen unserer Kinder richtig herausbekommen“, erinnert er sich. „Die Worte sind zwar noch im Kopf, doch die Aphasiker können sie nicht mehr richtig zuordnen“. Es fällt schwer, einen einfachen Satz zu bilden. Mittendrin brechen die Erkrankten oft ab - können nicht mehr artikulieren, was ihnen auf dem Herzen liegt. Und auch andersherum gibt es Schwierigkeiten - zuhören fällt schwer. „Alles ist eine große Anstrengung“, sagt Goetz.

Das Wiedererlernen dieser Fähigkeiten dauert - wenn es überhaupt von Erfolg gekrönt ist - zumeist sehr lange. „Das ist nicht einfach wie Vokabeln üben bei einer Fremdsprache“, erläutert Goetz.

Außenstehende wissen damit meist nicht umzugehen - und grenzen Aphasiker ungewollt aus. „Die Leute sind dann verunsichert und ignorieren die Menschen. Sie sprechen eher den Betreuer daneben an“, so Goetz. Dabei sind Aphasiker nicht geistig behindert, sondern bei vollem Verstand. Viele aber schämen sich, haben Angst zu sprechen. Sie trauen sich zum Teil nicht mehr aus dem Haus und vereinsamen.

„Gerade deshalb ist es wichtig, Kontakt zu haben und rauszukommen“, sagt Goetz. Genau das ist das Ziel der Selbsthilfegruppe in Stadtallendorf. Einmal monatlich, jeweils am ersten Mittwoch, trifft sie sich. Am Samstag, 3. September, richtet sie nun außerdem eine Feier zum 25-jährigen Jubiläum des Landesverbandes aus. Betroffene und Interessierte aus ganz Hessen werden in der Stadthalle erwartet.

Informationen, Hilfen und Mitmach-Aktionen

Ab 13.30 bis 17 Uhr gibt es dort Informationen, Mitmach-Aktionen und Ausstellungen rund um das Thema Aphasie und den Umgang mit der Erkrankung. Präsentiert werden Aktionen einzelner Selbsthilfegruppen, aber beispielsweise auch in leichter Sprache verfasste Bücher und Spezialfahrräder (viele Aphasiker sind aufgrund von Unfällen auch körperlich eingeschränkt). Zudem tritt der neue „AphaSinger“-Chor auf. „Es gibt Fälle, in denen die Menschen nicht mehr oder kaum noch sprechen können, singen geht aber noch - das ist ein anderes Zentrum im Gehirn“, erläutert Goetz.

Der Landesverband zählt 220 Mitglieder, Fälle von Aphasie gebe es in Hessen aber rund 8000. Bei vergangenen Feiern seien jeweils rund 80 Menschen gekommen, Goetz hofft diesmal aber auf einen höheren Zuspruch - etwa aus Altenheimen.

Um Anmeldung bis zum 25. August unter (06428) 44 89 11 oder per E-Mail an verband@hessenaphasie.de wird gebeten. Die Pauschale für Essen und Trinken beträgt für Nichtmitglieder 5 Euro.

von Peter Gassner

Hintergrund
Aphasie ist eine Sprachstörung, die aus Hirnerkrankungen resultiert (beispielsweise Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Tumor). Von der Union Europäischer Phoniater (UEP) wird es als ein „Teil- oder Vollverlust einer oder mehrerer linguistischer oder nonlinguistischer, bereits ausgebildeter kommunikativer Fähigkeiten“ definiert. Je nach Art und Schwere der Sprachstörung können Spontansprache, Nachsprechen, Sprachverständnis und Wortfindung betroffen sein.
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