Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Aus dem Dorf für das Dorf

Großseelheim gänzt beim Landesentscheid Aus dem Dorf für das Dorf

Am Ende strahlte Evelyn Leukel über das ganze Gesicht und sagte: „Beide Daumen hoch für Großseelheim. Unser ganzes Dorf hat heute sehr gewonnen - egal was die Jury entscheidet.“

Voriger Artikel
Freude an Musik, Spaß am Vermitteln
Nächster Artikel
Gefeiert wird mit Blasmusik und einem Musical

Heimspiel für Horst Barthel: Am Beispiel von Hamersch Hob erläutert er die Umnutzung der großen Höfe in Großseelheim für Wohnzwecke für Menschen und 204 von Hand gezählte Fledermäuse und für gewerbliche Nutzung.

Quelle: Matthias Mayer

Großseelheim. Nach der einfach hinreißenden Präsentation Großseelheims zum Landesentscheid des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ war auch Günter Böth „einfach nur stolz auf das, was wir gemeinsam für Großseelheim erreicht haben und auf die Art und Weise, wir wir das heute der Wettbewerbskommission näher gebracht haben.“ Und Ortsvorsteher Helmut Hofmann sagte: „Ich bin überaus zufrieden mit der Präsentation und der großen Beteiligung aus dem Dorf“, sagte er unter Hinweis auf die bis zu 300 Großseelheimer, die den Rundgang begleiteten. „Das ist für uns Lohn genug, unabhängig von der Jury-Entscheidung“, sprach Hofmann für den 30-köpfigen Arbeitskreis.

Landesentscheid "Unser Dorf" in Großseelheim: Die Jury besichtigte am Donnerstag rund zwei Stunden lang den Ort.

Zur Bildergalerie

Wenige Augenblicke zuvor hatte die Jury-Vorsitzende Hiltrud Schwarze im Werkhof in ungewöhnlicher Weise ihr Lob über den Großseelheimern ausgeschüttet. „Ich bin überwältigt über die Vielfalt Ihrer Angebote und Ideen, über Ihre Kreativität, Ihre Visionen und die Tatkraft, mit der Sie diese auch umsetzen. Das ist sehr beeindruckend“, lobte sie.

Zukunftsgestaltung ohne Förderprogramm

Die Jury-Vorsitzende würdigte besonders den Umstand, dass die Großseelheimer ohne Dorferneuerung und ohne ein anderes Förderprogramm ihre Zukunftsgestaltung mit großer Macht vorangebracht haben. „Aus Ihrem Kreis wurde mir gesagt: ,Das brauchen wir gar nicht, das schaffen wir auch alleine.‘ Das ist schon sehr speziell, das ist etwas Besonderes“, spürte Hiltrud Schwarze das Großseelheim-Gen auf, in dem die Worte „Aus dem Dorf für das Dorf“ implementiert sind.

Spätestens zu diesem Augenblick lachte über Großseelheim die Sonne, obwohl es gerade wieder einmal regnete.

Nach einem glückhaften Tag für den mit 2000 Einwohnern größten Kirchhainer Stadtteil und den zahlenmäßig größten Wettbewerbsort hatte es zunächst nicht ausgesehen. Dunkle Wolken und ein Landregen drückten die Stimmung im Bürgerhaus. Und dann ließ die Jury zwölf Minuten lang auf sich warten. Der Zeitplan geriet früh ins Wanken.

Das alles war vergessen, als die Jüngsten ihren großen Auftritt hatten. Grundschüler trugen das von Brigitte Wenz geschriebene Begrüßungsgedicht charmant und offensiv in breitester Großseelheimer Mundart vor. Ein Kracher! Riesenbeifall, der Bann war gebrochen.

Helmut Hofmann gab zum Wettbewerbsziel „Allgemeine Entwicklung“ einen Überblick über den in den vergangenen 65 Jahren um 650 Einwohner gewachsenen Ort mit einer gesunden Altersstruktur. Er verwies auf die komplette Infrastruktur aus Kita, Grundschule, Arztpraxen, zwei Banken, Apotheke, Supermarkt, Tankstelle, Bäckereien, Metzgerei, Postfiliale, Nahwärmenetz, Direktvermarktern, Feinkost und Bioläden. Großseelheim sei ein wichtiger Standort für kreative Köpfe, mit innovativen Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben und 13 landwirtschaftlichen Betrieben. Insgesamt gebe es im Ort 380 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze.

Großseelheim hat alles - nur keinen Leerstand

Die passende „Software“ zu dieser „Hardware“ präsentierte Evelyn Leukel, die zum Wettbewerbsthema „Bürgerschaftliche und wirtschaftliche Aktivitäten“ sprach. Sie schilderte ein lebendiges Gemeinwesen, für das allein schon die evangelische Kirchengemeinde mit ihren Angeboten von der Krabbelgruppe bis zum Mittagstisch für Senioren alle Altersgruppen erreiche. Mehr als 50 Bürger pflegten ehrenamtlich den Friedhof und ein Verein gewährleiste die Grundschulbetreuung inklusive der Mittagsversorgung. Für fast alle Interessensgebiete gebe es Angebote der knapp 30 Vereine.

Horst Barthel, seit 20 Jahren engagierter Wahlgroßseelheimer, brachte der Jury das Großseelheimer Credo „Aus dem Dorf, für das Dorf“ näher, indem er die Ergebnisse dieses Denkens vorstellte: ganz neu das Luthergärtchen, das auf einer ehemaligen Brachfläche mit heimischen Pflanzen, unter diesen Gewürz- und Heilkräuter, im Vorfeld des Wettbewerbs angelegt wurde. Auf eine Anregung aus dem Regionalentscheid gehen Konzeption und Umsetzung des Geschichts- und Kulturpfades zurück. Auf aufwändig gestalteten Tafeln werden, so Horst Barthel, „verborgene Schätze wieder sichtbar gemacht.“ Die Tafeln erzählen in Wort und Bild deren Geschichte. Auf ähnliche Initiativen gingen die Schaffung des Heimatmuseums, die Etablierung des mit 6000 bis 7000 Besuchern so erfolgreichen Adventsmarkts und die Reaktivierung und Pflege der Streuobstwiese zurück, deren Obst von Jugendclub und Kita geerntet und gekeltert würden.

40 Baudenkmäler

Ein ganz wichtiger Teil der Großseelheimer Erfolgsgeschichte ist der Erhalt der ortsbildprägenden großen Höfe, nachdem diese ihren ursprünglichen Zweck verloren haben. Christian Spitzner stellte das Großseelheimer Modell der Umnutzung vor, das entscheidenden Anteil daran hat, dass es zur Verwunderung der Juroren bis heute keinen Leerstand im Ort gibt. Innenentwicklung gehe vor Außenentwicklung, nannte der Architekt eine Voraussetzung für den Erhalt des Ortskerns, in dem es 40 gelistete Baudenkmäler gibt.

Jürgen Wenz stellte Grüngestaltung und Grünentwicklung in Großseelheim vor. Und er tat das, dem Anlass angemessen, in der stattlichen Marburger Festtracht. Träger der innerörtlichen Flora und Fauna seien Die Bach und die typischen Haus- und Nutzgärten. An den Rändern werde der Ort durch ortsübliche Gehölze eingefasst. Wesentlicher Bestandteil der Gemarkung sei das Natura-2000-­Schutzgebiet und Vogelschutzgebiet mit der renaturierten Wirft und der hohen Storchenpopulation.

Dann hörte es auf zu regnen, und die Großseelheimer machten sich auf den Weg, um der Jury und den Ehrengästen mit Landrätin Kirsten Fründt, dem Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow, Stadtrat Reinhard Stöber und Stadtverordnetenvorsteher Willibald Preis ihre Schätze zu zeigen. Kirchhains Bürgermeister war nicht dabei.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr