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Aufbauhelfer fürchtet um Afghanistans Zukunft

Vortrag Aufbauhelfer fürchtet um Afghanistans Zukunft

14 Monate lang arbeitete und lebte Brigadegeneral a. D. Volker Bescht in Afghanistan. Sein persönlicher Ausblick auf die Zukunft des Landes am Hindukusch ist eher pessimistisch.

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Volker Bescht sprach am Dienstagabend zwei Stunden über seine Arbeit in Afghanistan.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Volker Bescht stand als Offizier immer für klare Worte und deutliche Bewertungen, zuletzt als stellvertretender Kommandeur der Division Spezielle Operationen (jetzt Division Schnelle Kräfte). Das hat sich nicht geändert. Am Dienstagabend sprach er über seine Erfahrungen als Regionalmanager der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Afghanistan in Stadtallendorf. Das Interesse war groß, knapp 100 Zuhörer folgten Beschts Vortrag.

Er machte gleich zu Beginn klar, dass seine Bewertungen naturgemäß vom subjektiven Erleben geprägt seien. Ein Schwerpunkt Beschts in Afghanistan lag bei Projekten, staatliche Organisation aufzubauen und zu unterstützen und bei Wirtschaftsförderung.

Kontrastreiche und aktuelle Bilder verdeutlichen Lebensverhältnisse

Es gelang ihm, die Lebensverhältnisse in dem Land am Hindukusch ein Stück seinen Zuhörern näherzubringen, vor allem durch kontrastreiche, aktuelle Bilder. Ein beeindruckendes Gegensatzpaar waren Fotos von zerlumpten Kindern, die Lebensmittel verkauften, und glanzvollen Kaufhäusern in Kabul. „Da sind allerdings kaum Leute anzutreffen“, merkte Bescht an. Einige Zahlen zur Lebenswirklichkeit in Afghanistan: Aktuell leben dort rund 30,5 Millionen Menschen. Die einstmals für etwa 500 000 Bewohner gedachte Hauptstadt Kabul ist mit derzeit mehr als 3 Millionen Einwohnern völlig überbevölkert. Bei Männern liegt die statistische Lebenserwartung bei 46 Jahren, bei Frauen bei 49 Jahren.

Vor einem Jahr, in einem OP-Interview, hatte Bescht, was die Entwicklung Afghanistans angeht, noch viel Optimismus verbreitet. Dem Optimismus ist offensichtlich viel Nachdenklichkeit gewichen, in Summe fürchtet der pensionierte General jetzt, dass Afghanistan „wieder in Richtung Burka tendiert“. Volker Bescht hatte seinen Vortrag mit der Frage „Burka oder Minirock“ betitelt.

Ausdrücklich lobte der Regionalmanager, der schwerpunktmäßig im Norden des Landes arbeitete, Projekte zur Unternehmensgründung. Mittelständische Unternehmen im deutschen Sinne erhielten eine Anschubfinanzierung.

Auf eine Stelle 324 Bewerber

Jeder Interessent muss dabei die Hälfte seines Startkapitals selbst aufbringen. Das stieß auf viel Akzeptanz und zeitigte auch Erfolge. Solche Erfolge sieht Bescht auch im Bildungswesen. Doch: „Es muss für die Menschen, die erfolgreich studiert haben, anschließend auch Arbeit geben.“ Auf die Stelle eines Teamleiters, die er in Afghanistan ausgeschrieben hatte, gab es 324 Bewerber, zum großen Teil hochqualifizierte Kandidaten. Symptomatisch nennt Bescht das für die Situation im Land. Das Hauptproblem, das er nach 14 Monaten Arbeit sieht, ist die Korruption bis in die Staatsspitzen hinein. Ein Beispiel: Im Auftrag der GIZ entwickelte Bescht mit seinem Team ein Konzept für die technische Ausstattung des Informationsministeriums. Ihm gelang es, eine Förderung von der Weltbank zu bekommen. Aber den Zuschlag, den bekam am Ende eine britische Agentur.

Der leitende Beamte des Ministeriums war zunächst begeistert vom Konzept. „Doch dann fragte er mich, was für ihn dabei herauskommt.“ Als Bescht ihm klarmachte, dass Bestechung nicht Teil der Arbeit der GIZ ist, war das Projekt erledigt. Eine britische Agentur hat den Zuschlag bekommen, das ließ der frühere General unkommentiert. „So lange wir westlichen Staaten nicht einig sind, wie wir eine No-Corruption-Politik durchsetzen“, haben wir keine Chance“, so Beschts Einschätzung. Der Vortrag war eine Veranstaltung des Fördervereins der Division Schnelle Kräfte. Öffentlichkeitsarbeit ist eines der Vereinsziele, wie Vorsitzender Frank Hille erläuterte.

  • Am 20. Mai ab 19.30 Uhr gibt es eine Buchlesung mit Gregor Weber. Der frühere Tatort-Kommissar berichtet über seine Afghanistan-Erfahrungen.

von Michael Rinde

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