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Auf der Suche nach der Freiheit

50 mit 50 Auf der Suche nach der Freiheit

1964 war ein Jahr, in dem sowohl in West- als auch in Ostdeutschland viele Kinder geboren wurden. Eines davon war Simone Ehrlich-Brock. Sie flüchtete kurz vor dem Mauerfall vor einem System, in dem Unangepasste nicht weiterkamen.

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Wirklich frei fühlt sich Simone Ehrlich-Brock nur auf ihrem Motorrad. „Gesellschaftliche Freiheit gibt es nicht. Diese Erfahrung habe ich in meinen 50 Jahren gemacht“, sagt die in der ehemaligen DDR geborene Rauschenbergerin.Foto: Katharina Kaufmann

Rauschenberg. Freiheit, das ist für Simone Ehrlich-Brock etwas ganz besonderes. Freiheit, das ist - und das hat die 50-Jährige in ihrem bisherigen Leben erfahren - auch etwas schwer zu erlangendes. „Freiheit“ wird im Lexikon definiert als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. „Freiheit ist etwas, das es so in der Gesellschaft nicht gibt“, sagt die Rauschenbergerin: Irgendwelchen Zwängen unterliege man immer.

Was ist das für eine Frau, die solche Thesen in den Raum stellt, die so hart mit der Gesellschaft ins Gericht geht? Es ist eine Frau des Widerstandes, der Rebellion und der Selbstbehauptung.

Aus dem Erzgebirge ins thüringische Altenburg

Im Februar 1964 kommt Simone Ehrlich in einem kleinen Dorf im Erzgebirge zur Welt. Im Winter gibt es Berge von Schnee, im Sommer leuchtend grüne Wiesen. Als Tochter eines Bergmannes wächst sie in einem System heran, das sie als Kind noch nicht begreifen kann.

„Bei uns war immer etwas los, wir waren immer draußen. Ansonsten hat man ja auch nichts mitbe­kommen“, berichtet die heute 50-Jährige. Die Gemeinschaft in der DDR sei immer allgegenwärtig gewesen.

In ihrer Jugend zieht die Familie mit den vier Kindern nach Altenburg in Thüringen. „Da musste ich mich das erste Mal in meinem Leben behaupten“, schildert Ehrlich-Brock diesen Schritt. Schließlich sei sie vom Dorf in eine Stadt gekommen und habe noch dazu einen ganz anderen Dialekt gesprochen als die anderen.

„Die Klassen waren proppenvoll, alles unterlag einer gewissen Gruppendynamik und die gesamte Jugendförderung war politisch geprägt“, erinnert sich die Rauschenbergerin. Von nun an musste sie sich fast täglich behaupten. Denn entweder man war gehorsam, oder man war ein Außenseiter.

Politische Freiheit zählt im System der DDR nichts

Simone Ehrlich-Brock wird eher zu letzterem. „Ich wollte einfach nicht bei allem mitmachen“, berichtet sie. Als guter Schüler der DDR gibt es in dieser Zeit eine Urkunde vom Ministerrat, wenn der Notendurchschnitt unter 1,5 liegt. Ehrlich-Brock steht die Urkunde zwar zu, sie bekommt sie aber nicht, weil sie nicht in die FDJ eintreten will. „Deshalb war sogar der Schuldirektor bei meinen Eltern und fragte, was mit mir los sei“, erklärt sie: „Ich wollte politisch frei sein.“

Dass politische Freiheit im System der DDR nichts zählt, erfährt das junge Mädchen nur wenig später: Wer nicht linientreu ist, der kann nicht studieren. Aus ist also der Traum vom Studium der Kunst in Dresden. Was bleibt, ist der Traum von der Freiheit - und eine Ausbildungsstelle zur Friseurin.

"Das Ausbildungssystem war top"

„Wenn ich der DDR schon nichts anderes zugute halten kann, das Ausbildungssystem war wirklich top“, so Ehrlich-Brock beim Blick zurück. Grundsätzlich dauerte die Ausbildung in der DDR zwei Jahre, ein Jahr davon war intensives Training am Kunden in der Friseurfachschule. Im ersten Ausbildungshalbjahr gab es 100 Mark, im vierten Ausbildungshalbjahr 140 Mark.

Die junge Frau heiratet früh, denn nur verheiratete Paare bekommen vom Staat eine eigene Wohnung zugeteilt. Es folgt die Geburt eines Sohnes - und zwei Jahre später der Wunsch, die DDR zu verlassen. „Ich kam beruflich nicht weiter. Die Meisterschule konnte man nur besuchen, wenn man ein Parteibuch besaß“, berichtet die 50-Jährige.

Wieder einmal sah sie sich in ihrer Freiheit beschnitten, so wollte sie nicht weitermachen, kurzerhand beantragte sie mit ihrem damaligen Mann die Ausreise. „Das war eine Erfahrung, die wünsche ich niemandem“, sagt sie heute. Monatelang habe sie mit der Angst leben müssen, dass ihre kleine Familie auseinandergerissen wird.

Flucht in den Westen über die Tschechoslowakei

Dann kam im Herbst 1989 die Nachricht, dass die Grenzen der Tschechoslowakei zur Bundesrepublik geöffnet wurden. Hunderttausende verließen die DDR, darunter auch Simone Ehrlich-Brock mit Mann, Kind und vier Koffern im Trabbi. Bei Schirnding in Bayern ging es über die Grenze. Dahinter warteten schon fleißige Helfer in riesigen Zeltstädten auf die Flüchtlinge.

Wer nach Hessen wollte, kam unter anderem in der Kaserne in Wildflecken unter, musste sich dann in Gießen registrieren lassen und erhielt schließlich eine Zuweisung für eine Stadt in der zuvor ausgewählten Gegend. „Diese Erfahrungen damals haben mich stark gemacht. Ich möchte sie nicht missen und weiß heute: Egal was kommt, es geht immer weiter“, so Ehrlich-Brock.

Und es geht weiter für sie und ihre Familie: nach Hofgeismar. Dort lebt die heutige Rauschenbergerin bis zum Jahr 1993. Die Ehe zerbricht zwar, doch man trennt sich im Guten. Nachdem sie ihren jetzigen Mann Wieland Brock kennenlernte, zieht Ehrlich-Brock zu ihm nach Rauschenberg. „Wir haben dann den Ost-West-Konflikt im Kleinen aufgearbeitet“, schildert sie diese Zeit: „Und festgestellt, dass wir gar nicht so unterschiedlich waren.“

Auch im Osten hatte die Jugend am Samstagabend frisch gebadet „Disco“ mit Ilja Richter geschaut, war mit Freunden und dem Moped losgezogen, die Welt zu entdecken. „Vom politischen Dogma abgesehen, gab es keinen Unterschied“, betont Ehrlich-Brock.

Nach Meisterstudium kommt der eigene Salon

Von Rauschenberg aus erfüllt sie sich dann ihren Traum vom Meisterstudium, arbeitet eine Zeit lang als freie Dozentin am Berufsbildungszentrum in Kassel und eröffnet schließlich einen eigenen Friseursalon. „Jetzt mit 50 Jahren kann ich sagen, dass ich angekommen, gleichzeitig aber immer noch offen für Neues bin“, erklärt sie.

Simone Ehrlich-Brock ist eine Frau, der Ehrlichkeit und Gerechtigkeit wichtig sind, die nicht gleich klein beigibt und die Dinge kritisch hinterfragt. „Ich war nie ein angepasster Mensch und will es auch in Zukunft nicht werden“, betont sie.

Und sie weiß, dass sie damit ein Ziel nie erreichen wird: Freiheit. „Denn die Freiheit, nach der ich gesucht habe damals, die gibt es nicht“, ergänzt sie. Und: „Wirklich frei fühle ich mich heute nur auf meinem Motorrad und wenn ich tauche.“

von Katharina Kaufmann

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Von Redakteur Katharina Kaufmann

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