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Auf der Schnellstraße: 146 PS vs. 265 PS

Aus dem Amtsgericht Auf der Schnellstraße: 146 PS vs. 265 PS

Am 9. April 2016 lieferten sich zwei Autofahrer auf der Schnellstraße B62 „ein kleines Scharmützel“, wie sich Rechtsanwalt Swen Friauf ausdrückte. Die strafrechtliche Aufarbeitung erfolgte vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

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Kirchhain. Angeklagt war ein 31-jähriger Monteur aus dem Ostkreis, der sich wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, versuchter gefährlicher Körperverletzung und Nötigung verantworten musste. Amtsanwältin Julia Schmid warf dem Angeklagten vor, auf der Bundesstraße 62 in Höhe von Niederwald das Auto einer Kirchhainer Familie auf der schraffierten Sperrfläche überholt zu haben. Laut Anklagesatz zog der Mann sein Fahrzeug nach rechts auf die in Richtung Kirchhain einspurige Fahrbahn und legte mit vier qualmenden Reifen eine Vollbremsung hin. Der Fahrer des überholten Autos musste ebenfalls eine Vollbremsung hinlegen, um einen Auffahrunfall zu meiden.

Der Angeklagte stieg aus und stellte den konsternierten Fahrer zur Rede. Dessen Ehefrau rief die Polizei, so die Feststellungen der Staatsanwaltschaft. Da in diesem Fall das Auto als „gefährliches Werkzeug“ eingesetzt wurde, habe sie den 31-Jährigen auch wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung angeklagt, erläuterte Julia Schmid.

Der Angeklagte erklärte dem unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug tagenden Gericht, dass es zu dem spektakulärem Showdown bei Niederwald eine Vorgeschichte gegeben habe. Nach seiner Schilderung kam er aus Marburg und fuhr bei Wehrda auf die Stadtautobahn auf. Vor der Ausfahrt in Richtung Ginseldorf/Kassel sei er auf linke Spur gewechselt, die allein Richtung Kirchhain führe.

Der Döner flog insArmaturenbrett

An dieser Stelle sei der Kirchhainer rechts neben ihm auf der schraffierten Fläche aufgetaucht und sei dann über die durchgezogene Linie auf die linke Spur gewechselt. Nur weil der Überholer Vollgas gegeben und er selbst eine Vollbremsung bis in den Stand hingelegt habe, sei ein Unfall vermieden worden. „Ich gebe zu, dass ich während der Fahrt einen Döner gegessen habe. Der ist bei der Vollbremsung ins Armaturenbrett geflogen. Das ABS wurde aktiviert und bremste so heftig, das die Start-/Stoppautomatik den Motor abstellte“, schilderte der ­Angeklagte die Aktion.

Das weitere Geschehen stellte sich aus Sicht des Angeklagten so da: Er setzte die Fahrt in einen Audi A4 fort. Unterwegs stieß er zweimal auf das Auto des Kirchhainers. Der bremste zweimal provokant auf einspurigen Abschnitten auf 50 km/h und auf 40 km/h ab, um dann wieder mit hoher Geschwindigkeit davonzufahren.

Überholen auf der Sperrfläche

Nach dem zweiten Manöver reichte es dem Mann. Er setzte zum Überholen an. „Dabei habe ich mich verschätzt und bin auf die schraffierte Sperrfläche geraten. Erst da habe ich ihn überholen und nach rechts einscheren können“, bekannte der Angeklagte. Er habe das nachfolgende Auto im Rückspiegel gesehen und erkannt, dass er gefahrlos habe rechts rüberziehen und anhalten können, erklärte er auf Nachfrage von Edgar Krug. Er habe den Fahrer zur Rede stellen wollen, begründete der Angeklagte das waghalsige Manöver. Doch dazu sei es nicht gekommen. Die Beifahrerin habe ihr Handy gezückt und habe die Polizei gerufen.

Der als Zeuge geladene Kirchhainer hatte ebenfalls eine lebendige Erinnerung an das Geschehen auf der B62. Der 31-Jährige sei ihm schon auf dem Parkplatz des Wehrdaer Obi-Parkplatzes aufgefallen. Er erinnerte sich daran, dass der ihm unbekannte Mann am Steuer einen Döner aß.

Korrekte Fahrweiseein Motiv?

Später habe er auf Höhe der Ausfahrt bei Bürgeln auf Tempo 80 abbremsen müssen. Dabei sei der Angeklagte gefährlich dicht aufgefahren. Daraufhin habe er Vollgas gegeben und sei davongefahren - im Wissen, dass an der Straße gerade keine Blitzer stehen, wie der Zeuge schelmisch bekannte. Und mit ein wenig Besitzerstolz konstatierte er mit Blick auf die 265 PS seines Autos: „Der hatte keine Chance“. Damit hatte der Zeuge zweifellos Recht, denn der Audi mit Dieselmotor brachte lediglich 146 Pferdestärken auf die Straße.

„Ich bin bei Bürgeln vorschriftsmäßig 80 gefahren. Das hat ihn wohl gestört“, nannte der Zeuge aus seiner Sicht das Motiv für das haarsträubende Manöver des Angeklagten. Er bestritt ausdrücklich, diesen durch Bremsmanöver unterwegs provoziert zu haben.

Julia Schmid sah in diesem alltäglichen Geschehen keinen Auslöser für die gravierende Tat und hakte nach. Ob er vielleicht doch durch ein Ausscheren nach links seinen Hintermann zu der Vollbremsung gezwungen habe, wollte die Amtsanwältin von dem Zeugen wissen. „Eigentlich nicht“, sagte dieser, um später zu ergänzen, dass er dies nicht völlig ausschließen könne.

Ganz sicher erinnerte sich der Zeuge, dass der Angeklagte auf der Sperrzone „mit vier qualmenden Reifen“ neben ihm auftauchte, auch wenn Richter Edgar Krug darauf hinwies, dass er bestenfalls zwei Reifen aus seiner Warte habe sehen können und dass qualmende Reifen bei moderner ABS-Technologie nicht mehr möglich sind.

Dafür entlastete der Zeuge den Angeklagten in einem entscheidenden Punkt: Er habe während der haarigen Situation bei Niederwald genügend Zeit gehabt, sein Fahrzeug normal ­abzubremsen. Eine Vollbremsung sei nicht notwendig gewesen. Im Übrigen wolle er dem Mann nichts Böses. Er habe sich über das Überholmanöver und das Anhalten auf der Schnellstraße erschrocken, habe geglaubt, der Mann stehe unter Drogen- oder Alkoholeinfluss, begründete der Zeuge den Anruf bei der Polizei.

„Es bleibt in diesem Fall die Nötigung, aber die Vorstrafen werden zum Problem“, stellte Edgar Krug zum Schluss der Beweisaufnahme fest. Der Angeklagte war wegen Betrugs, schweren Diebstahls, Betäubungsmittel-Besitzes und falscher Verdächtigung verurteilt worden und hatte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten voll verbüßt.

„Sie lassen nichts aus. Das muss sich dramatisch ändern“

Julia Schmid wertete das Teilgeständnis, die Vorstrafen und die hohe Rückfallgeschwindigkeit zwei Monate nach der letzten Verurteilung gegen den Angeklagten. Da der Zeuge nicht zu einer Vollbremsung, sondern „nur“ zum Anhalten auf der Schnellstraße gezwungen worden sei, entfielen die Anklagepunkte gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und versuchte gefährliche Körperverletzung. Die Anklagevertreterin beantragte, den 31-Jährigen wegen Nötigung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 60 Euro zu verurteilen.

Rechtsanwalt Swen Friauf sprach von einer zutreffenden Würdigung durch die Staatsanwaltschaft und schloss sich deren Antrag an.

Edgar Krug setzte den Antrag im Urteil um. „Sie hangeln sich kreuz und quer durchs Strafgesetzbuch und lassen nichts aus. Das muss sich dramatisch ändern“, gab Edgar Krug dem Angeklagten mit auf den Weg. Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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