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Auf der Jagd nach dem großen Geld

Reportage zu Glücksspiel Auf der Jagd nach dem großen Geld

Die digitale Roulette-­Kugel wird immer langsamer. Fast schon kommt sie zum Stehen, als sie sich meiner Zahl nähert. Ist es doch noch der große Wurf? Oder habe ich das gesamte Geld an diesem Abend verzockt?

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Greift nach dem großen Geld: OP-Volontär Peter Gassner spielte einen Abend lang in Stadtallendorfer Spielhallen.

Quelle: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. Kein Schimmer Tageslicht dringt in die dunkle Halle. Hell erleuchtet wird sie lediglich von den grellen, bunten Lichtern der Spielautomaten, die von allen Seiten her aufleuchten. Eindringliche, schrill aufheulende Geräusche tönen aus den Geräten. Ein wenig überfordert stehe ich in dem verqualmten Raum und suche nach dem geeigneten Platz, von dem aus meine Tour an diesem Abend starten wird. Es ist etwa halb acht - noch ist recht wenig los in dieser Spielhalle, die zwar etwas abseits der Straße, doch aber im Zentrum Stadtallendorfs liegt. Mehr oder weniger wahllos steuere ich auf einen der Automaten zu, versuche mir dort einen Überblick zu verschaffen.

Mit einem Budget von 50 Euro mache ich an diesem Abend den Test in Stadtallendorfer Spielhallen. Im Selbstversuch will ich herausfinden, welche Impulse ein Mensch beim Glücksspiel verspürt und wie es in den von außen nicht einsehbaren Hallen zugeht. In Stadtallendorf gibt es davon sieben, aber auch in anderen Städten des Ostkreises existieren gleich mehrere dieser Glücksspielhäuser. Sollte ich an diesem Abend etwas gewinnen, dient es dem guten Zweck. Ein etwaiger Gewinn, so ist es in der OP-Redaktion vereinbart, käme der Sucht- und Drogenberatung im Landkreis zugute.

Scheinbar unzählige Spielvarianten stehen mir in der Spielhalle zur Auswahl. Sie haben Namen wie „Treasure Hunt“, „Glorious Kings“ oder „Knockout wins“ - das Spielprinzip ist im Endeffekt aber fast immer das Gleiche. Meist fünf nebeneinander liegende Rollen mit Symbolen werden gedreht. Ziel ist es, wenn sie zum Stehen kommen, möglichst viele gleiche Symbole nebeneinander zu haben. Für jedes Mal drehen werden Punkte eingesetzt, die man sich zuvor mit Geld erkaufen muss. Zehn Euro investiere ich gleich in den ersten Automaten. Der Schlitz, in den man den Schein einsteckt, ist zentral an dem Automaten positioniert, also kaum zu übersehen. Dass es auch die Möglichkeit zum Münzeinwurf gibt, entdecke ich erst später. Der Schlitz ist ebenso wie der Auszahlknopf seitlich und weit oben an dem Automaten angebracht.

Einsätze in Sekundenschnelle

Los geht‘s also mit den ersten Spielen - ich wähle den Mindesteinsatz von 10 Punkten (also umgerechnet 10 Cent). Doch innerhalb weniger Minuten sind die ersten Euro bereits verzockt. Langsam versuche ich mich, mit dem Spielgerät vertraut zu machen, doch in unüberlegten Momenten geht es plötzlich sehr schnell. Immer und immer wieder drücke ich den Start-Knopf, oft in Sekundenschnelle. Und tatsächlich fahre ich immer wieder kleinere Gewinne ein. Mal 20 Punkte, mal 50, einmal sogar 120 Punkte. Wie oft ich dafür drücken muss, lässt sich schnell nicht mehr zählen.

Die schnelle Spielabfolge zählt zu den wichtigsten Faktoren dafür, dass ein Spiel hohes Suchtpotenzial bietet. Auch die gelegentlichen Gewinne bergen diese Gefahr. „Natürlich gibt es zwischendurch immer mal wieder Phasen, in denen man gewinnt - und das sind die Erlebnisse, die sich unser Gehirn merkt“, erläutert Holger Schmidt, Glücksspielberater beim Diakonischen Werk Marburg-Biedenkopf. „Die vielen Reize an den Automaten erzeugen außerdem ein Gefühl von Spannung - ähnlich wie bei anderen Suchterkrankungen haben viele Spieler während des Spiels das Gefühl, ein wenig high zu sein“, beschreibt der Diplom-Pädagoge.

Für mich hingegen wirken diese Reize zunächst irritierend. Warum ich gewinne, ist mir nicht sofort klar. Offenbar müssen die Symbole nicht direkt nebeneinander liegen, die Gewinnlinien können auch kreuz und quer über den Bildschirm gezogen werden. Doch ganz egal was kommt: Mehr als der Einsatz für ein paar Runden springt dabei nicht heraus. Rings um mich herum scheinen sich die anderen Spieler nicht an den undurchsichtigen Gewinnmöglichkeiten zu stören. Stumpf starren sie auf ihre Bildschirme und betätigen den Startknopf in ständiger Wiederholung. Geredet wird in der Spielhalle nicht.

Verluste wieder zurückgewinnen zu wollen, ist Zeichen von Spielsucht

Mir ist das Ganze zu hektisch. Ich beschließe auf Spiele umzusteigen, die mir vertraut erscheinen. Beim Roulette läuft es so, wie aus Hollywood-Filmen im Casino bekannt. Nur digital eben. Eine virtuelle Kugel rollt über die Scheibe und stoppt bei einer der roten oder schwarzen Zahlen. Kurzfristig gelingt es mir, aus zwei Euro wieder acht zu machen. Bald darauf habe ich auch die aber bei anderen Spielen wieder aufgebraucht.

Im richtigen Moment aufzuhören fällt schwer - so ergeht es auch denen, die die Kontrolle über ihre Einsätze verlieren. „Der Versuch, Verluste wieder zurückgewinnen zu wollen, ist typisches Anzeichen von Spielsucht“, sagt Schmidt.

Nächster Stopp auf meiner nächtlichen Reise ist ein Wettbüro. Grell und bunt ist das Licht hier zwar nicht, doch auch in diesem unscheinbaren Ladenlokal blinkt es unentwegt. Sekündlich ändern sich die Quoten bei den Sportereignissen, auf die man hier setzen kann - auf mehreren Monitoren wird das dem Wettkunden angezeigt.

Besonders spannende Fußballspiele finden an diesem Abend aber gar nicht statt. Auf einem mittleren Monitor läuft gerade die Übertragung des aktuellen „Topspiels“ zwischen den Nationalmannschaften aus dem Sudan und Gabun. Weitere Highlights sind spanische Amateurligen und die erste irische Liga. Einige Tipper hält der Mangel an interessanten Partien jedoch keineswegs ab.

"Immer fehlt ein Spiel"

Da ist zum Beispiel Marek (Name von der Redaktion geändert), vermutlich zwischen 40 und 50 Jahren alt, der in seiner Jogginghose erst einmal so wirkt, als würde er die Spiele entspannt verfolgen. Die dazu passende Flasche Bier hält er in seiner Hand. Hin und wieder murmelt er etwas vor sich hin, in einer vermutlich slawischen Sprache.

Ich verstehe ihn jedenfalls nicht. Erst als Marek immer unruhiger wird, beginnt er auch auf Deutsch zu reden. „Ein Tor, nur ein Tor“, sagt Marek an mich gewandt. Immer verzweifelter wiederholt er diesen Satz. Auf einem Tisch hat Marek mehrere Wettscheine ausgebreitet - bei einem davon ist es offenbar spannend. Bei fünf Partien seiner Kombiwette sieht es gut aus, das sechste Spiel bereitet Marek jedoch Sorgen.

Es spielt die U21-Nationalmannschaft Rumäniens gegen die U21 von Luxemburg. „Luxemburg gute Quote“, sagt Marek. Tatsächlich gibt es für einen Euro, den man kurz vor Schluss des Spiels auf ein Tor der Luxemburger setzt, gleich 400 Euro zurück. „Nur ein Tor, dann ist super“, erklärt Marek. „Sonst Scheiße.“ Der ersehnte Treffer fällt nicht mehr, „Immer fehlt ein Spiel“, klagt Marek. Er war ganz nah dran am großen Gewinn. In der Zwischenzeit hat er aber schon zwei weitere Wettscheine mit jeweils 20 Euro abgegeben.

„Sportwettbüros sind eigentlich verboten, bewegen sich aber in einer gesetzlichen Grauzone“, berichtet Schmidt. Aufgrund der Gewerbesteuern seien viele Kommunen froh über die Einnahmen. „aber gerade Livewetten erhöhen natürlich die Chance, in kurzer Zeit viel zu verlieren“.

Ich habe es allerdings etwas vorsichtiger angehen lassen, nur auf eine Partie gesetzt. Rot-Weiß Essen, ein Verein mit klangvollem Namen, empfängt den Dorfverein SV Rödinghausen in der Regionalliga West - ein klarer Heimsieg, eigentlich. Doch auch mein Tipp geht nicht auf - RWE verliert das Spiel mit 0:1. „Was ist da los?“, regt sich Marek auf. Auch er hat seinen nächsten Tipp verloren.

"Mythisches Denken" unter Spielern

Es geht in die nächste Spielhalle. Auch dort hoffen zwei Spieler auf einen großen Coup. „Ein Kollege hat mal seine letzten vier Euro gesetzt und damit 10000 Euro gewonnen - da hat‘s richtig geknallt“, behauptet der eine. „Davon hat er sich dann gleich ein neues Auto gekauft.“ Tatsächlich „knallt‘s“ wenig später auch in diesem Raum. Minutenlang ertönt das Klirren von Münzgeld. Doch niemand hat gewonnen. Eine Angestellte der Spielhalle repariert lediglich einen defekten Automaten.

Die beiden Männer glauben jedoch weiterhin an ihre Chance. „Du hast ja gesehen, ich war ein paar Mal auch schon ganz nah dran“, sagt der eine. „Wenn wir hier heute abräumen, dann gehen wir danach noch zusammen weg“, entgegnet der andere. Optimistisch setzen die beiden ihre Spiele fort. Wie Marek glauben sie offenbar, der große Gewinn stehe kurz bevor.

„Es gibt unter Spielern so eine Art mythisches Denken - sie glauben, die Automaten überlisten zu können“, sagt Schmidt. „Oft steht ein größerer Gewinn am Anfang der Sucht. Die Erinnerung daran ist prägend.“

Wie zuvor auch in den anderen Spielhallen, wird auf der letzten Station der Tour am Eingang mein Ausweis kontrolliert.

13 000 Spieler in Hessen gesperrt

„Da werden keine persönlichen Daten gespeichert“, versichert mir der Angestellte. Es werde nur geprüft, ob ich für das Glücksspiel gesperrt sei. „Allein in unserer Spielhalle sind 500 Personen gesperrt“, erklärt er mir. Mein Ausweis aber ist in Ordnung - ich darf das restliche Geld in den Automaten lassen.

Hessenweit sind rund 13000 Spieler gesperrt - die allermeisten davon aus eigener Einsicht heraus. Seitens der Spielhallen hingegen bestehe kein Interesse daran, die Menschen vor sich selbst zu schützen, sagt Schmidt. „Jeder zweite Euro wird mit den suchtkranken Spielern verdient“, so der Berater. Das Spielen an sich sei noch nicht verwerflich, schließlich könne man dies auch bewusst tun. „Was ich aber verwerflich finde ist, dass die Spielhallen Geld mit kranken Leuten verdienen.“

Um diesen Erkrankten zu helfen, würde ich gerne etwas an die Glücksspielhilfe spenden. Kurz vor halb 2 in der Nacht bleiben mir aber nur noch neun Euro übrig. Ich beschließe, alles auf eine Karte zu setzen - hat ja schon einmal ganz gut geklappt beim Roulette.

Kommt die 23, wird mein Einsatz versechsunddreißigfacht. 324 Euro wären zum Spenden da. Wie beim echten Roulette am Casino-Tisch wird die Kugel auf dem Bildschirm Stück für Stück langsamer - die Spannung ist hoch. Gerade als ich mich freuen will, dass es tatsächlich die 23 wird, rollt die Kugel dann aber doch noch ein Feld weiter. Am Ende ist es die 35 und ich stehe mit null Euro da. Aber ich war ganz nah dran am großen Gewinn...

von Peter Gassner

Hintergrund

Seit 2006 hat sich nicht nur die Anzahl der Spielhallen, sondern auch die Zahl der Spieler – also potenzieller Suchtopfer – vervierfacht. Über 100 Menschen sind bei der Suchtberatungsstelle in Betreuung – doch das sind nur die, die aus eigenen Stücken kommen. Bundesweit, so hat eine Erhebung der Bundeszentrale für Gesundheit und Aufklärung im Jahr 2014 ergeben, sind unter den 18- bis 65-Jährigen rund 436 000 Menschen (0,82 Prozent) pathologisch süchtig nach Automatenspielen. Bei weiteren 362 000 Menschen (0,67 Prozent) ist das Spielverhalten als problematisch einzustufen. Abzüglich aller Kosten für die Betreiber, machten 2014 allein im Landkreis Spieler einen Nettoverlust von 13 Millionen Euro.

  • Die Glücksspielsuchtberatung des Diakonischen Werkes Marburg-Biedenkopf veranstaltet am Mittwoch, 28. September, von 11 bis 14 Uhr einen Informationstag auf dem Marburger Marktplatz. Dort soll unter anderem über gesetzliche Änderungen im Spielschutz ab dem 1. Januar 2017 informiert werden.
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