Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Auch Erdogan bekommt einen mit

Kabarett Auch Erdogan bekommt einen mit

"Satire ist gefährlich momentan", wissen Edgar und Irmi. Ein Besuch bei zwei Kabarettisten, die mit der Meinungsfreiheit ihr Geld verdienen. Die aber auch finden, dass Satire Grenzen haben muss.

Voriger Artikel
Gerüst stürzt um, drei Arbeiter verletzt
Nächster Artikel
Gegensätze machen gemeinsame Sache

Edgar und Irmi (Wolfgang und Silvia Klösel) diskutieren in ihrem Programm stets die aktuellen politischen Themen.Foto: Yanik Schick

Neustadt. Die beiden Protagonisten haben die Bühne fast schon verlassen, das Publikum applaudiert. Da dreht sich Edgar noch einmal um. „Ich hoffe, es hat euch besser gefallen als bei Böhmermann“, sagt er. Es ist der letzte Satz eines mehr als zweistündigen Kabarettprogramms im Neustädter Haus der Vereine. Und ein bedeutender. Das Gedicht Jan Böhmermanns hat schließlich in den vergangenen Tagen vieles losgetreten. Juristische Debatten, politische Debatten. Vor allem aber die Frage, wo „Satire“ aufhört und wo „Schmähkritik“ beginnt. Und damit die Frage, wie weit der Berufssatiriker ausholen darf, wenn er zum verbalen Rundumschlag ansetzt.

Edgar und Irmi, mit bürgerlichen Namen Wolfgang und Silvia Klösel, sparen jedenfalls nicht mit Spott. De Maizière („Deutschlands hyperaktivste Schlaftablette“), Dobrindt („schwarze Null der CDU“) und Erdogan („Sandkastenpascha“) kommen unter die Räder des Kabarettduos. Ja, auch Erdogan. „Selbstverständlich erwähne ich das, was da gerade läuft“, sagt Edgar später im Gespräch mit der OP, „die Aktualität im Programm ist uns da schon wichtig.“ Zurückschrecken vor der aktuellen Debatte um die Grenzen der Meinungsfreiheit, das gliche für beide einem Verstoß gegen die eigenen Grundsätze. Man müsse etwas Unangenehmes aussprechen dürfen, auch wenn die Zuhörer mal schlucken, so Edgar. Und dennoch: „Es gibt Grenzen. Die deutsche Sprache ist so gehaltvoll, da kann man die Dinge anders formulieren.“

Anders als Böhmermann, meint er. Der hatte in seiner ZDF-Sendung den türkischen Präsidenten unter anderem als „dumme Sau“, „pervers, verlaust und zoophil“ bezeichnet.

Von einer anderen Seite betrachtet: Was macht für das Ehepaar aus Franken eigentlich gute Satire aus? Sie solle etwas anstoßen, erklären die beiden. Das Publikum zum Nachdenken bringen, zum kritischen Denken anregen. So übt das Duo in Neustadt auch Gesellschaftskritik: Als Wolfgang Klösel in der Rolle des Edgar gerade über das aus seiner Sicht wenig intellektuelle Nachmittagsprogramm mancher Privat-Fernsehsender herzieht, stellt er fest, dass in Wahrheit die Zuschauer die „wirklich Bekloppten“ seien. Sie interessiere es nicht, wann beispielsweise die Polkappen schmelzen, dafür aber umso mehr, ob sich Ottfried Fischer noch die Fußnägel schneiden könne. „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen sogar Zwerge lange Schatten“, bilanziert Edgar.

Der 56-Jährige ist im Programm von Edgar und Irmi, die schon zum dritten Mal in Neustadt spielten, der Dominantere. Lebendig steht er auf der Bühne, reißt im Sekundentakt Themen wie den Berliner Flughafen, die VW-Affäre und den Fifa-Skandal ab, spielt am Keyboard und baut auch den Austausch mit den Zuhörern in seine Vorstellung ein. Immer wieder tritt dann von hinten Hausfrau Irmi hervor und diskutiert mit Edgar am Esszimmertisch die bedeutenden Themen dieser Welt. Bis sie plötzlich am imaginären Fenster steht und im rhönfränkischen Dialekt aufgeregt feststellt, dass die Nachbarn neue Möbel bekommen. Naja, manchmal polarisieren eben auch die weniger bedeutenden Themen.

von Yanik Schick

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr