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Anwohner sorgen sich um ihre Gesundheit

Zoff Anwohner sorgen sich um ihre Gesundheit

Zwei Fachmänner versuchten während der Bürgerversammlung, die Anwohner der Siedlung von der Sicherheit einer Lackieranlage zu überzeugen. Die Bedenken der Bürger blieben jedoch.

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Amöneburg. Die rechtlichen Gegebenheiten habe er nun verstanden, trotzdem könne er nicht verstehen, dass sich eine Kfz-Werkstatt mit einem Lackierbetrieb an einer Stelle ansiedele, die inzwischen eher ein Wohn- als ein Mischgebiet sei, fasste ein Anwohner nach mehr als anderthalb Stunden Diskussion zusammen und betonte: „Wir haben doch ein ausgewiesenes Industriegebiet.“ Ob die Stadt die Grenzen nicht anders ziehen und aus dem Misch- ein Wohngebiet machen könne, wollte er wissen. Doch erneut erhielt er nicht die Antwort, die ihn oder andere Anwohner glücklich gemacht hätte. Diesmal war Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg der Überbringer der schlechten Nachricht: „Wenn man sich festgelegt hat, gilt die Einteilung auf Dauer.“ Veränderungen seien nur schwierig erreichbar.

„Wir dürfen doch die formalen Gesichtspunkte nicht überbewerten. Es geht um unsere Gesundheit“, ärgerte sich ein anderer Anwohner, den die Erklärungen und Versicherungen der Experten nicht zufriedenstellten.

Otfried Engelbach, der Leiter der Bauaufsicht beim Landkreis, hatte zunächst über die Vorgaben informiert, die ein Lackierbetrieb einhalten müsse: Auch wenn der Abluftkamin der Anlage bereits stehe - eine Baugenehmigung gebe es noch nicht. Ein Verstoß gegen Vorschriften sei dies jedoch aufgrund der geringen Größe des Betriebes nicht. Wenn die Genehmigung nicht erteilt werde, müsse der Eigentümer den Kamin eben wieder zurückbauen.

Allerdings sieht Engelbach bisher keinen Grund, warum die Bauaufsicht die Genehmigung nicht erteilen sollte. Zwei unabhängige Gutachter hätten keine ausschlaggebenden Bedenken zu Abläufen, Lärm oder Abluft geäußert. Der Abluftschacht müsse gemäß den Vorschriften jedoch noch erhöht werden. Laut TÜV habe die Anlage aufgrund der hohen Luftwechselrate und der Filter keinen Einfluss auf die Umgebung.

Die Anwohner müssten sich nicht fürchten, ergänzte Manfred Seitz, Sachverständiger auf dem Gebiet Luftreinhaltung beim TÜV: Er könne „sicher ausschließen“, dass die Emissionsrate gefährlich sei. Eine mögliche Geruchsbelästigung sei indes nicht ausschließbar: Eine schädliche Umwelteinwirkung liege vor, wenn die Anwohner mehr als zehn Prozent der Jahresstunden Geruch erdulden müssten. Die Marke von 876 Stunden könne aber gar nicht überschritten werden, da der Besitzer die Anlage maximal 750 Stunden im Jahr betreiben wolle.

Nach den ausführlichen Erläuterungen der Experten stellten sie sich zur Diskussion, die Kirchhains Stadtverordnetenvorsteher Willibald Preis mit für ihn ungewohnter Schärfe eröffnete. Der eigentlich für Diplomatie bekannte Himmelsberger sprach für seine Schwester, die in der Siedlung wohnt, und blies aggressiv zur Attacke: Der Betreiber habe ursprünglich nur eine Werkstatt mit Reifenlager beantragt, dann aber mit Einbau der Lackierwerkstatt Tatsachen schaffen wollen. „Er hat die kleinere Variante mit Absicht gewählt, um die Behörden zu täuschen, und dann etwas anderes gebaut, als genehmigt war. (...) Das war Pfusch von hinten bis vorne.“ Stadt und Kreis wollten nun nichts unternehmen, um einen jungen Unternehmer nicht zu vergraulen, lautete seine Analyse.

„Das ist rein spekulativ“, entgegnete Richter-Plettenberg und zeigte sich enttäuscht vom Auftritt Preis‘ und betonte: „Es macht keinen Unterschied, ob der Abluftschacht bereits da ist. Wenn der Kreis entscheidet, dass die Anlage nicht betrieben werden darf, dann muss sie zurückgebaut werden.“

Alle anderen Fragensteller traten weitaus gemäßigter auf - auch wenn ihnen die Verärgerung deutlich anzumerken war. Der Vater einer jungen Familie kritisierte, dass die Anlage auf dem letzten Gelände des Mischgebietes gebaut worden sei. Er gehe von einer erheblichen Belastung aus. Das Gleiche galt für eine Chemikerin, die zu bedenken gab, dass organisch-chemische Lösungsmittel, die in allen Lacken enthalten seien, durch Türen und Fenster diffundieren könnten. Dass laut Berechnungen alle Grenzwerte eingehalten würden, beruhige sie nicht: „Die Werte werden doch auch verändert. Was vor 20 Jahren noch galt, wurde bis heute aufgrund neuer Erkenntnisse gesenkt.“

Sie ergänzte, auch Bedenken wegen Metallstaub zu haben, der beim Abschleifen der Autos freiwerde. Jahrelang habe sie im Garten ohne Insektizide und Pestizide gearbeitet: „Das können wir jetzt vergessen.“ Wie solle sie ohne Angst in einen frisch gepflückten Apfel beißen?

„Wenn es wirklich so ist, dass in der Umgebung der Anlage Staubniederschläge zu verzeichnen sind, dann wird sie geschlossen“, entgegnete Engelbach - die Anwohner müssten ihn nur informieren, wenn sie Unregelmäßigkeiten verzeichneten.

„Sie wollen unsere Sorgen und Ängste nicht wahrnehmen. Das verstehe ich nicht“, sagte ein weiterer Anwohner. Dem widersprach Richter-Plettenberg in seinem Schlusskommentar, der Stadtverordnetenvorsteher habe schließlich eine Bürgerversammlung zu dem Thema initiiert, bei der auch noch Experten aufträten. Noch dazu habe der Betreiber der Anlage einer Offenlegung seiner Unterlagen zugestimmt - was er auch nicht hätte tun müssen. „Es gibt für alles strenge Gesetze und Vorschriften. Vertrauen Sie darauf“, appellierte er an die Amöneburger.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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