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Anstößig, aber nicht strafbar

Rentner wird vom Vorwurf des Missbrauchs zweier Kinder freigesprochen Anstößig, aber nicht strafbar

Ein Rentner, der ihm unbekannte elf bis zwölf Jahre alte Mädchen mit Komplimenten bedenkt, sie betatscht und zu sich nach Hause einlädt, macht sich höchst verdächtig. Ein heute 70-jähriger Stadtallendorfer landete deshalb vor Gericht.

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Stadtallednorf. Die Anklage warf dem Mann vor, im Zeitraum zwischen Januar 2011 und Juni 2011 auf einer Parkbank in Stadtallendorf in zwei Fällen zwei Mädchen im Kindesalter jeweils einmal über der Kleidung an die Scheide gefasst zu haben. Eine solche Haltung gilt als sexueller Missbrauch eines Kindes und wird nach Paragraf 176 des Strafgesetzbuches mit Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren geahndet. Der von Oberamtsanwalt Reinhard Hormel vorgetragene Anklagesatz stützte sich auf das Vernehmungsprotokoll einer Polizeibeamtin. Gegenüber dieser hatten die beiden mutmaßlichen Opfer so ausgesagt. Allerdings erfolgte die Anzeige mit einem erheblichen zeitlichen Abstand zum Tatgeschehen - mit der Folge, dass sich die Tat-Zeiten nicht genau bestimmen ließen.Der heute 70-jährige Angeklagte wies den Tatvorwurf empört zurück. „Ist alles frei erfunden. Ich habe sie weder berührt noch sonst was“, sagte er und gab an, das angebliche zweite Opfer nicht zu kennen. Er sei nur von einem Mädchen auf der Parkbank besucht worden zu. „Die kam immer und spielte mit meinen Hunden. Wir saßen praktisch jede Woche ein- bis zweimal zusammen. Einmal hat sie sich bei mir ausgeheult. Wegen ihrer familiären Verhältnisse. Mehr war nicht, mehr weiß ich nicht über sie“, sagte der Angeklagte. Die heute 14-Jährige sagte ohne Öffentlichkeit aus. Diese hatte den Saal auf ihren Wunsch freiwillig verlassen. Wie später der Urteilsbegründung zu entnehmen war, schilderte sie den ersten Vorfall, bei dem sie alleiniges Opfer war, im Vergleich zu ihrer polizeilichen Vernehmung völlig anders. Danach soll es eine Berührung der Scheide nicht gegeben haben. Ihre gleichaltrige Freundin brachte dann im Zeugenstand noch ein drittes Tatgeschehen ins Spiel. Sie sei dem Mann zweimal in Begleitung ihrer Freundin begegnet. Beim ersten Mal habe der Angeklagte sie zur Bank gerufen und ihrer Freundin mehrfach die Hand zwischen die Beine gelegt, begleitet von Komplimenten wie „Du hast so schöne Haare“. Auf Nachfrage von Richter Joachim Filmer sagte sie, dass sie die Handlungen des Mannes als sexuell motiviert wahrgenommen habe. Der Angeklagte habe sie und ihre Freundin mehrfach aufgefordert, ihn nach Hause zu begleiten. „Das haben wir nicht getan“, erklärte die Zeugin, der das Verhalten des Mannes höchst merkwürdig vorkam. Ihre Freundin habe dazu geschwiegen und lediglich konstatiert: „Der ist halt so.“ Eine Woche später kam es nach der Erinnerung der Zeugin zu einem gleichartigen Vorfall auf der Parkbank. Nach ihrer Schilderung wurde sie diesmal mit Komplimenten bedacht: „Du hast schöne Augen, Du hast schöne Haare.“ Dazu streichelte der Angeklagte ihr für etwa 20 Sekunden einen Oberschenkel, um bei ihrer Freundin „weiter zu machen“. Was der Angeklagte genau mit ihrer Freundin machte, wusste sie nicht zu sagen. Damit hatte die Beweisaufnahme nicht den Nachweis für die beiden angeklagten Tatvorwürfe, die intensive Berührung der Scheiden beider Mädchen, nicht erbracht. Reinhard Hormel fasste das Ergebnis mit klaren Worten zusammen: „Das ist ein Tatort, an dem jedem Tag Besoffene rumlungern. Man sagt den Kindern: Bleibt da weg. Da ist ein Angeklagter, der sich dort täglich mittelschwer ins Delirium trinkt. Unter Alkohol kommt es zu solchen Handlungen. Es hat körperliche Berührungen gegeben“, stellte Hormel fest, der keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Mädchen aufkommen ließ. Letztlich seien es bei Zeugen im Kindesalter verständliche Erinnerungslücken, an denen die entscheidende Beweisführung gescheitert sei. Der Anklagevertreter beantragte Freispruch. Dem folgte Richter Joachim Filmer im Urteil. „Es ist etwas gewesen, auch wenn sich der erste Vorfall nicht bestätigt hat und die Schilderungen für den zweiten Fall weit auseinandergehen“, sagte der Richter. Er bezeichnete die Handlungen des Angeklagten als „im hohen Maße anstößig“, aber nicht im Sinne des Paragrafen 176 strafbar. Gleichwohl warnte er den Angeklagten vor der von diesem lautstark angekündigten „Gegenanzeige gegen die Mädchen“. „Das kann Ihnen in Ihrer Situation leicht auf die Füße fallen“, erklärte der Richter.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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