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Anklage: Die eigene Tochter 106 mal missbraucht

Gericht Anklage: Die eigene Tochter 106 mal missbraucht

Emotionen und zwei hochdramatische Momente prägten den ersten Verhandlungstag um insgesamt 106 Fälle von Missbrauch und Kindesmissbrauch vor der 3. Großen Jugendkammer des Marburger Landgerichts.

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Marburg/Stadtallendorf. Die gestrige Hauptverhandlung brachte die Konfrontation zwischen der jungen Frau, die als Kind und Jugendliche mutmaßlich von ihrem Vater missbraucht wurde, und dem Angeklagten. Vater und Tochter saßen sich genau gegenüber; der Vater auf der Anklagebank, die Tochter als Nebenklägerin neben ihrer Anwältin auf der Bank der Nebenklage. Der Vater wirkte äußerlich ruhig und gefasst, die Tochter völlig aufgelöst.

„Ich möchte mich tausendmal bei Dir entschuldigen, dass es so weit gekommen ist. Vielleicht wirst Du mir nie verzeihen“, richtete der Angeklagte das Wort an seine Tochter. Die schwieg mit gesenkten Kopf und geschlossenen Augen, mied jeden Blickkontakt. Und als Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier den Anklagesatz verlas, weinte die junge Frau leise vor sich hin.

Was die Staatsanwältin vortrug, war schwer zu ertragen. Zwischen 1997 und 2002 soll der Angeklagte in mindestes 106 Fällen mit seiner Tochter den Beischlaf verübt oder ähnliche sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen haben. Und dies einmal alle zwei Wochen, manchmal auch zweimal pro Woche. 60 Fälle liegen zeitlich vor dem 14. Geburtstag des Mädchens im Jahr 2000, wurden folglich an einem Kind verübt.

Kissen auf Gesicht, "damit sie es nicht sehen muss"

Der Ablauf war laut Anklage fast immer gleich. Gegen 5.30 Uhr verließ die Mutter des Mädchens die Wohnung, um zur Frühschicht zu gehen. Der Vater rief seine Tochter, die sich ein Zimmer mit ihrem jüngere Bruder teilte, ins elterliche Schlafzimmer, schloss dieses ab, entkleidete seine Tochter, drückte ihre Beine auseinander, hielt sie fest und verging sich an ihr. Dabei legte er ein Kissen auf ihr Gesicht.

„Sie sollte das nicht sehen“, begründete der Vater den Einsatz des Kissens gegenüber der unter Vorsitz von Dr. Thomas Wolf tagenden Kammer. „Weil er das Gesicht seiner weinenden Tochter nicht sehen wollte“, erklärte später eine Tante des Mädchens dieses Handlungsmuster.

Von diesem Geschehensablauf gab es wenige Abweichungen. Drei Fälle ereigneten sich laut Anklage während der Spätschicht der Mutter, zwei im Badezimmer. Dabei solle der Vater vaginal und anal in seine Tochter eingedrungen sein.

"Weil ich sie gerufen habe"

Wie Kerstin Brinkmeier ausführt, habe der Mann die Schutzlosigkeit seiner Tochter ausgenutzt. Wenn sie ihn verrate, werde er ihrer Mutter und ihrem Bruder etwas antun. Diese Drohung wirkte bis ins Jahr 2012. Erst zehn Jahre nach der letzten Tat vertraute sie sich ihren Tanten und ihrer Mutter an - auch auf Druck ihres damaligen Freundes, der gestern als Zeuge aussagte. Dieser war es, der mit einem Hinweis an die Polizei das Verfahren gegen den Angeklagten ins Rollen brachte. Im Juni 2013 wurde dieser kurzzeitig verhaftet.

Ob er eine Ahnung habe, warum seine Tochter immer wieder das schreckliche Geschehen im elterlichem Schlafzimmer erduldet habe, wollte Dr. Thomas Wolf von dem Angeklagten wissen. „Weil ich sie gerufen habe“, antwortete der Gefragte.

Mit diesem schlichten Satz lässt sich vielleicht die ganze gestrige Beweisaufnahme versiegeln. Weil dieser Satz so viel über den Angeklagten und sein großes Ego aussagt. Er ruft, und alle haben zu folgen. Das gilt auch für ein kleines verängstigtes Mädchen, für das die elterliche Wohnung kein Schutzraum, sondern ein Ort der Pein ist. Es muss sich vom eigenem Vater vergewaltigen lassen. Inzest mit einem Kind - der wohl größte Tabubruch, den die zivilisierte Gesellschaft kennt.

Angeklagter "stets schlecht gelaunt"

Und über das Ego des Angeklagten lassen sich drei Zeuginnen aus der Familie eindeutig aus. „Er war nie ein guter Vater und auch kein guter Ehemann. Wir waren ständig seinen Drohungen und seinem Gebrüll ausgesetzt. Die ganze Familie hatte Angst vor ihm; sogar sein eigener Vater“, urteilte die 51-jährige Ehefrau des Mannes. Einmal sei sie vor den Kindern von ihrem Mann geschlagen worden. Besorgte Nachbarn hätten wegen des Lärms die Polizei gerufen. Im Übrigen habe ihr Mann die Wohnung wie ein Hotel genutzt. Er sei nur zum Schlafen gekommen.

„Er hat immer nur gebrüllt und geschimpft. Man konnte kein vernünftiges Wort mit ihm wechseln. Wir hatten zuhause alle Angst vor ihm. So ist er auch mit seinen Kindern und seiner Frau umgegangen. Er war stets schlecht gelaunt“, beschrieb die 39-jährige Schwester des Angeklagten ihren Bruder.

Übereinstimmend berichteten die beiden Frauen sowie die 45-jährige Schwester des Angeklagten davon, dass sie im März 2012 von der aus Stadtallendorf verzogenen Geschädigten telefonisch und später auch in persönlichen Gesprächen über die Ereignisse zwischen 1997 und 2002 in Kenntnis gesetzt worden seien. Auf Nachfragen von Gericht und Staatsanwaltschaft erklärten sie, dass von Vergewaltigungen und regulärem Geschlechtsverkehr die Rede gewesen sei.

"Vergewaltigt und dann zur Schule gebracht"

Der Angeklagte hatte angegeben, nie in seine Tochter eingedrungen zu sein. „Wenn ich Frühschicht hatte, hat er meine Tochter vergewaltigt und dann zur Schule gebracht“, fasste die Mutter die Schilderungen ihrer Tochter zusammen. Nachfragen zu Details seien nicht möglich gewesen, weil ihre Tochter dann regelmäßig Nervenzusammenbrüche erlitten habe.

Und dann nahm ihre Aussage eine dramatische Wende. Zu einer klärenden Aussprache mit ihrem Mann in der Wohnung ihrer Schwägerin habe sie ein Messer mitgebracht. Als ihr Mann die Taten leugnete, habe sie das Messer gezückt, mit dem Ziel, ihn zu töten, bekannte sie.

Noch dramatischer verlief die Aussage der 45-jährigen Schwester des Angeklagten. „Ich weiß sicher, dass er das gemacht hat“, urteilte die Zeugin über ihren Bruder, um im gleichen Satz in Tränen auszubrechen. Sie gab dann die Schilderung ihrer Nichte wieder, wie diese im Bett von ihrem Vater mit einem Messer bedroht wurde. Der Angeklagte, der die Verhandlung sonst nahezu regungslos mit gefalteten oder nach oben geöffneten Händen verfolgte, reagierte, machte eine abwehrende Handbewegung. „Du brauchst gar nicht die Hände heben“, fauchte ihn seine Schwester an.

Missbrauch auch an Schwester

Der wahrscheinliche und schockierende Hintergrund dieser Reaktion trat wenige Augenblicke später ans Tageslicht. Auf inständige Bitte von Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier sprach die Zeugin doch über einen aktenkundigen Sachverhalt, über den sie eigentlich nicht reden wollte. Der Dialog:

„Hat Sie der Angeklagte als Kind missbraucht?“

„Ja.“

„Was hat er Ihnen getan?“

„Er hat mich dann aus dem Bett geholt.“

„Was geschah dann?“

„Er hat mich ausgezogen, und ich musste die Augen schließen.“

Unter Tränen schilderte die Zeugin, dass sich ihr Bruder offenbar auf die Tat vorbereitet hatte. Er hatte Handtücher zum Beseitigen der Spuren mitgebracht.

Der Angeklagte räumte diese nicht angeklagte, rohe Tat indirekt ein, als er fast entschuldigend anmerkte, er sei sich sicher, weder in seine Tochter noch in seine Schwester eingedrungen zu sein.

"So ein perverses Schwein bin ich nicht"

Die Übergriffe gegenüber der eigenen Tochter endeten nach dem Geständnis des Angeklagten, als diese 16 Jahre alt war und sich gegen einen Annäherungsversuch zur Wehr setzte. Dass das Geschehen so lange unentdeckt blieb, ist auch der Angst vor dem Vater geschuldet. Der Bruder des mutmaßlichen Opfers sagte im Zeugenstand, dass ihm das frühmorgendliche Verschwinden seiner Schwester schon aufgefallen sei.

Er habe es aber aus Angst vor dem Vater nicht gewagt, seine Schwester zu suchen. Eines Morgens sei er auf die Idee gekommen, aufs Klo zu gehen. Den Gang über den Flur nutzte er, um das Wohnzimmer und die Küche zu inspizieren. Seine Schwester war nicht dort. Und die Schlafzimmertür war zu. „Die war sonst immer angelehnt“, sagte der Sohn, der sich wie seine Mutter und seine Schwester vom Vater losgesagt hat.

„Die sitzen alle in einem Topf und ich stehe draußen davor“, bewertete der Angeklagte die Aussagen seiner Familie. Und er wiederholte, nicht in seine Tochter und seine Schwester eingedrungen zu sein: „So ein perverses Schwein bin ich nicht.“ Der Angeklagte legte seine Zukunftspläne offen. Er wolle weiter arbeiten, seine Familie unterstützen sowie seine Verwandten, seine Schulden abbezahlen.

Er sei kein schlechter Mensch, habe seinen Kindern Handys und einen Führerschein finanziert und beim Einkaufen Wünsche erfüllt. „Wo andere zwei Körbe nach Hause brachten, waren es bei mir fünf“, sagte er. Und er bekannte, dass es „keine schöne Sache ist, die da passiert ist. Am besten Grund, Boden und weg.“

Die Verhandlung wird am Mittwoch ab 9 Uhr im Saal 104 fortgesetzt.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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