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Anja Niedringhaus: Eine von Menschen besessene Kollegin

Ausstellung Anja Niedringhaus: Eine von Menschen besessene Kollegin

Rund 200 Besucher erlebten die Vernissage zur Ausstellung „Leben zwischen Fronten“ mit 76 
Bildern der Kriegsfotografin Anja Niedringhaus.

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Ein Besucher machte ein Handyfoto von einem Bild von ameri­kanischen Soldaten.

Quelle: Nadine Weigel

Stadtallendorf. Ein verletzter 
 US-Marineinfanterist greift im Hubschrauber, der ihn ausfliegt, zu seinem Rosenkranz. Kinder spielen auf einem vom Krieg zerstörten Riesenrad. Ein italienischer Soldat steht im Irak einsam zwischen Ruinen. Der Schmerz nach dem Tod von Kameraden durch einen Anschlag ist ihm anzusehen.

Das sind drei Bildmotive in der Ausstellung „Leben zwischen Fronten – Fotografien aus Krisengebieten 2001 bis 2014“. Bis zum 9. Juni ist die Ausstellung in der Stadtallendorfer Stadthalle zu sehen.

Vernissage zur Ausstellung der verstorbenen Kriegsfotografin Anja Niedringhaus. Foto: Nadine Weigel

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Bei der Vernissage am Freitagabend sprach Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi von einem „Highlight der 24. Kunst- und Kulturtage“. Generalmajor Andreas Marlow, Kommandeur der heimischen Division Schnelle Kräfte (DSK), betonte in seinem Grußwort, dass die Ausstellung auch die Chance sei, den Dialog zwischen Bürgern und Soldaten zu fördern.

Genau das ist das Ziel, das der Förderverein DSK als Veranstalter mit dieser Ausstellung seit Beginn der Vorbereitungen vor einem Jahr verfolgt. Das hob auch Vorsitzender Oberstleutnant Frank Hille bei der Eröffnung hervor.
Landrätin Kirsten Fründt zielte auf die persönliche Seite von Anja Niedringhaus, die im April 2014 bei einem Anschlag in 
Afghanistan ermordet wurde.

Reichelt arbeitete mit Niedringhaus zusammen

Sie erinnerte an Niedringhaus’ Anspruch, über ihre Bilder zu informieren. Während der Vernissage zeichnete der Chefredakteur von „bild.de“, Julian Reichelt, ein Bild der mehrfach und hoch ausgezeichneten Fotografin. Reichelt hat mit Niedringhaus zusammengearbeitet. 
Zehn Jahre lang war er selbst Kriegsberichterstatter.

Er charakterisierte Anja Niedringhaus als „eine von Menschen besessene Kollegin“. Reichelt charakterisierte den „kleinen Club“ der Kriegsberichterstatter: Sie seien eben keine „Adrenalin-Junkies“, ein gerne verwendetes Klischee über Journalisten, die unter Lebensgefahr Wirklichkeiten an Fronten und zwischen Fronten abbilden.

Aus Reichelts Erfahrung ist es die „enorme menschliche Bereicherung“, die Bilder und zwischenmenschlichen Erlebnisse jenseits von Krieg und Gewalt, die Kriegsberichterstatter immer wieder motivieren. Fotografen wie Anja Niedringhaus „übersetzen die Zumutung, die Krieg darstellt, in die deutschen Wohnzimmer“.

Fotos als „Bilder der Aufklärung“ charakterisiert

Die Marburger Kunsthistorikerin Sigrid Hofer ist Kuratorin der Ausstellung. Sie gliederte 
die Bilder nach Kriegsgebieten, in denen die Pulitzer-Preisträgerin Niedringhaus arbeitete. Sie charakterisierte die Fotos der mit 48 Jahren gestorbenen Journalistin als „Bilder der Aufklärung“. 
Sie zwängen den Betrachter dazu, selbst Partei zu beziehen.

Bei den in der Stadtallendorfer Stadthalle zu sehenden Bildern fehlen die von manchem vielleicht erwarteten „Actionfotografien“ mit aufspritzendem Staub, Fotos getöteter Soldaten inmitten von Bombentrichtern. Sie wären eben auch nicht typisch für diese Fotografin. Professorin Sigrid Hofer verwies auf ein anderes Foto, mit dem sich Niedringhaus dem Tod nähert.

Darauf sammelt ein Afghane Stiefel Getöteter auf. Nur die Fußsohlen der erschossenen Taliban sind zu sehen. Wie bei vielen Niedringhaus-Fotos erklärt sich auch dort die Wirkung durch die Beachtung der Details. Bereichert wurde der für viele bewegende Abend durch die Musik der Band „Frankfurt Hotel“.

Der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Allerdings hofft der Förderverein auf Spenden. Der Verein konzentriert sich auf die Hilfe für in Not geratene Soldaten und deren Angehörige und die Öffentlichkeitsarbeit. Beim Aufbau bekam der Verein Hilfe von den Reservistenkameradschaften aus Stadtallendorf und Schwalmstadt.

von Michael Rinde

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