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Angriff nach dem Blasiussegen

Bizarrer Fall vor Gericht Angriff nach dem Blasiussegen

Ein ebenso trauriger wie bizarrer Fall von Körperverletzung endete vor dem Kirchhainer Amtsgericht für den Angeklagten mit der Verurteilung zu einer Geldstrafe.

von Matthias Mayer

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In der katholischen Kirche wird der Blasiussegen vom Priester hinter gekreuzten Kerzen erteilt. Der Segen soll vor Halserkrankungen schützen. Archivfoto

Kirchhain / Ostkreis. Der 2. Februar ist ein besonderer Tag im Jahr. Früher wechselten an diesem Tag Mägde und Knechte sowie Hausbedienstete die Stellung. Er markierte zugleich Ende und Anfang eines Arbeitsjahres. Zugleich hat der 2. Februar für das Kirchenjahr Bedeutung. Es ist Mariä Lichtmess, und an diesem Tag endet der Weihnachtskreis.

Und an den Gottesdiensten zu Mariä Lichtmess wird in katholischen Gemeinden häufig der Blasiussegen gespendet. Die Aussicht auf diesen Segen war es, die am 2. Februar einen 43-jährigen Mann aus dem Ostkreis zum Kirchgang motivierte.

Er trat diesen durchaus mühselig und beladen an, denn er fühlte sich zu dieser Zeit durch einen Wohnungsnachbarn belästigt und schikaniert. Insbesondere der Lärm aus der unter seiner Wohnung gelegenen Hobbywerkstatt des Nachbarn - verursacht durch Musik in „Disko-Lautstärke“ und den Einsatz von Werkzeugen und Maschinen - wuchs für den seit 20 Jahren erwerbsunfähigen Handwerker zu einem Riesenproblem, für das er keine Lösung fand.

Diese Ausgangslage führte an jenem zweiten Februar in der Kirche und vor dem Gotteshaus zu einer Reihe irrationaler Handlungen und Erwartungen.

Das Unheil nahm seinen Lauf, als der Angeklagte unter den Gottesdienstbesuchern seinen „Peiniger“ mit dessen Ehefrau entdeckte. Der Pfarrer predigte gerade, als der 43-Jährige klagende Worte an die Adresse seines Wohnungsnachbarn richtete. Seine erste Erwartung, der Pfarrer werde seine Predigt unterbrechen und sich seines Anliegens annehmen, erfüllte sich nicht. Seine zweite Erwartung, der Pfarrer werde nach dem Gottesdienst kommen, um den Konflikt zu schlichten, blieb ebenfalls unerfüllt.

Wutentbrannt lief der enttäuschte Gottesdienstbesucher aus der Kirche, wo er sich einen schlimmen Ausraster leistete. Er bemerkte die Ehefrau seines Nachbarn, die gerade ins Auto gestiegen war, riss die Tür auf, versetzte der konsternierten Frau einen Faustschlag, zog sie auf dem Auto und stieß sie zu Boden. Dann trat er gegen den Oberkörper seines Opfers.

Der Einsatz eines zur Hilfe gerufenen Gottesdienstbesuchers verhinderte möglicherweise Schlimmeres. Das Opfer erlitt bei dem Sturz ein tagelang schmerzendes Hämatom am linken Oberschenkel und von dem Faustschlag eine Schwellung an der linken Augenbraue.

Der Angeklagte räumte die angeklagte Tat ein, betonte aber, jeweils nur einmal zugeschlagen und getreten zu haben. „Das war ein Fehler, das hätte ich nicht tun dürfen, das sehe ich ein“, erklärte der äußerst introvertiert, aber nicht unsympathisch wirkende Angeklagte. Beim Anblick der offenen Autotür habe er gedacht: „Das ist die Gelegenheit, jetzt verpasse ich ihr einen Denkzettel.“ Warum die Frau als schwächstes Glied unter dem Wutanfall leiden musste und nicht der Mann, wusste der Angeklagte Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug nicht zu erklären.

Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme hatte der Angeklagte seinen Kleinkrieg gegen die Eheleute stets über Dritte geführt: den Hausverwalter und die Polizei. Der Angeklagte rede weder mit ihr noch mit ihrem Mann, sagte das Opfer im Zeugenstand. Die Frau zeigte sich zudem überzeugt, dass die Lärmquelle woanders zu suchen sei. Ihr Mann sei Bastler, benötige für sein Hobby weder Hammer noch Bohrmaschine. Gleichwohl werde in dem Mehrfamilienhaus abends gelegentlich gebohrt und gehämmert. Sie berichtete dem Gericht, dass inzwischen wieder Frieden im Haus eingezogen sei. Gleichwohl habe sie noch immer ein ungutes Gefühl, wenn sie die Wohnungstür des Angreifers passiere.

Richter Edgar Krug wertete die Kontaktscheue des Angeklagten und dessen Unfähigkeit zu einer direkten Problemlösung als Wurzel des Übels. Er verurteilte den Angeklagten wegen einer vorsätzlichen Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen a 30 Euro und blieb dabei knapp unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Strafmildernd berücksichtigte der Richter das Fehlen von Vorstrafen, das Geständnis und die tätige Reue des Angeklagten, der seinem Opfer Schmerzensgeld bezahlt und Anwaltkosten beglichen hat.

Die Verteidigerin hatte eine Geldstrafe auf Bewährung beantragt. Sie sprach von einem einmaligen Ausrutscher ihres Mandanten, der in einer für ihn ausweglos erscheinenden Situation ungewöhnlich und falsch reagiert habe.

Ein ebenso trauriger wie bizarrer Fall von Körperverletzung endete vor dem Kirchhainer Amtsgericht für den Angeklagten mit der Verurteilung zu einer Geldstrafe.

von Matthias Mayer

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