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Angreifer auf Asylbewerberheim verurteilt

Prozess Angreifer auf Asylbewerberheim verurteilt

Der Angriff von vier jungen Männern verbreitete am 12. Januar Angst und Schrecken unter den Bewohnern des Wohrataler Asylbewerberheimes. Am Montag fällte das

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Nach den Ereignissen am und im Asylbewerberheim in Wohra stand am 13. Januar ein Polizeifahrzeug vor der Tür.

Quelle: Matthias Mayer

Marburg. Vier Männer im Alter von 18 und 19 Jahren haben in den Morgenstunden des 12. Aprils am und im Wohrataler Asylbewerberheim randaliert und dabei allein 10 000 Euro Schaden angerichtet. Das Marburger Jugendschöffengericht hat die geständigen Täter gestern nach Jugendstrafrecht verurteilt. Dabei wandte das Gericht eine Sonderregelung im Jugendstrafrecht an: Amtsgerichtsdirektor Cai-Adrian Boesken stellte formell die Schuld fest. Sollte sich einer der Männer in den nächsten zwei Jahren Bewährungszeit noch einmal etwas zu Schulden kommen lassen, so droht ihm Jugendhaft. Außerdem verurteilte das Gericht die Männer zu jeweils zwei Wochen „Warnschuss“-Arrest und 30 Arbeitsstunden.

Heimbewohner litten Angst und Panik

Ein Jahr lang werden sie von Bewährungshelfern betreut. Mit diesem Urteil ging das Gericht über die Anträge von Anklage und Verteidigung hinaus. Heimbewohner berichteten vor Gericht noch einmal über die Ereignisse jener Nacht. Sie schilderten, dass sie bis zu eine Stunde lang Angst und Panik ausgesetzt waren. Die Männer hatten im stark alkoholisierten Zustand Türen zu Wohnungen eingetreten. Richter Boesken bescheinigte ihnen eine „radikale Gesinnung“ und vermutete fremdenfeindliche Motive bei den Männern.

Was sich in den frühen Morgenstunden des 12. Januars vor und im Gebäude des Asylbewerberheimes abgespielt hat, hatte weitreichende Folgen für die Bewohner. Ein 31 Jahre alter Heimbewohner, er stammt aus dem Irak, berichtete, dass seine Kinder weiterhin unter dem Erlebten leiden. Als sich einer der Angeklagten mit einer Entschuldigung an den 31-Jährigen wandte, fand der Iraker klare Worte: „Auch wenn sie sich bei mir entschuldigen, sie hatten nicht das Recht, uns das anzutun“. Ein sehr gut deutsch sprechender 16-Jähriger schilderte, wie ihn das ständige Schreien der betrunkenen Männer in Angst versetzte. Ständig habe er das Wort „deutsch“ gehört. Knapp vier Stunden dauerte die Verhandlung vor dem Marburger Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Cai-Adrian Boesken.

Extrem voll, extrem aggressiv

Gleich zu Beginn hatten die Angeklagten über ihre Verteidiger erklären lassen, dass sie ihre Geständnisse in vollem Umfang aufrechterhalten. Allerdings wollten nur zwei der Angeklagten Nachfragen beantworten. Die beiden anderen machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Das machte es dem Gericht deutlich schwerer, die Motive der Männer zu ergründen. Sie waren zur Tatzeit 18 und 19 Jahre alt, darum auch die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht. Am Ende wurden die Heranwachsenden auch nach Jugendstrafrecht beurteilt. Dazu hatte nicht zuletzt die Jugendgericht-Hilfe in ihrer Stellungnahme geraten.
Von den beiden Männern, die sich zu Details der Tat vor Gerichten äußerten, war über Motive nur wenig zu hören. „War das ein ausländerfeindlicher Akt“, fragte Staatsanwalt Christian Laubach einen der redebereiten Angeklagten. „Nein, war es nicht“, kam als kurze Antwort. Ein Kriminalbeamter, der die Ermittlungen zu weiten Teilen geleitet hatte, brachte etwas mehr Licht ins Dunkle. Er schilderte, dass die Angeklagten in jener Nacht zunächst eine Geburtstagsfeier in einer Kneipe besucht hatten. Dort müssen sie massiv Alkohol getrunken haben. Einer der Angeklagten beschrieb auf Nachfrage Boeskens seinen Zustand als „extrem voll“. Er hatte unter anderem verschiedene Sorten Schnaps und allein 20 Bier getrunken.

Angeklagter im Besitz eines USB-Sticks mit rechten Liedern

Auf dem Heimweg zu einem der vieren, bei dem die Männer übernachten wollten, kam es dann zum Umweg über das Asylbewerberheim. Dort zerstörten die Männer allein neun Innentüren, Rolladen und Fenster. Ein Fenster wurde dabei so traktiert, dass es mitsamt Rahmen auf die Straße fiel. Richter Boesken sprach später von einem  „Wüten“ der Angeklagten in dem Gebäude.
Dank Hinweisen kam die Polizei dem Quartett schnell auf die Spur, ermittelte zunächst auch wegen Landfriedensbruch, der deutlich schärfer bestraft werden kann. Die Wohnungen der Männer wurden durchsucht, sie wie auch Bewohner des Asylbewerberheimes vernommen. Auch dem Kriminalbeamten stellte das Gericht die Frage nach rechten Hintergründen der Angeklagten. Der 58-jährige Polizist bezeichnete die Angeklagten als „rechtskonservativ, aber nicht rechtsextrem oder verfassungsfeindlich.“ Später ergänzte er, dass es im Hintergrund latente Fremdenfeindlichkeit bei den Männern gebe. Die Polizei hatte die Vier nach ihren Geständnissen auch über das Programm „Ikarus“ informiert, ein Programm, dass den Ausstieg aus einer rechtsextremen Szene erleichtern soll. Alle vier haben keinen Bedarf für sich gesehen. Bei einem der Angeklagten fanden die Polizei einen USB-Stick mit indizierten, weil rechten Liedern. Staatsanwalt Laubach forderte in seinem Plädoyer Arreststrafen für die Männer. Die Verteidiger plädierten dafür, Freizeitarrest zu verhängen. Das begründeten sie mit den laufenden Ausbildungen ihrer Mandanten. Einer der Angeklagten ist bereits berufstätig.  „Echte, ehrliche Reue haben wir deutlich vermisst“, sagte Richter Boesken letztlich in seiner Urteilsbegründung und bewertete damit auch die Entschuldigungen der Angeklagten. Die Sozialprognose der Männer seien „zumindest zweifelhaft“. Vor diesem Hintergrund hat sich das Gericht auch dafür entschieden, von einer Sonderregelung im Jugendstrafrecht Gebrauch zu machen.

Kundgebung der Antifa

Während der Verhandlung schlossen die Männer auch einen Vergleich mit dem Hausbesitzer. Sie werden ihm rund 9 000 Euro Schaden ersetzen,
Vor dem Gerichtsgebäude hatte die Marburger Antifa sich in einer Kundgebung mit den Bewohnern des Asylbewerberheimes solidarisch erklärt. Zu der Kundgebung kamen rund 50 Teilnehmer, die teilweise auch  als Zuschauer an der Verhandlung teilnahmen.

von Michael Rinde

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Prozessbeginn
Nach den Ereignissen am und im Asylbewerberheim in Wohra stand am 13. Januar ein Polizeifahrzeug vor der Tür.

Heute morgen hat der Prozess gegen die vier jungen Männer begonnen, die einen Anschlag auf das Asylbewerberheim in Wohratal verübt haben sollen. Alle vier gestanden die Tat in vollem Umfang.

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