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Angekommen im Gemeindehaus

Besuch Angekommen im Gemeindehaus

Am Samstag feierten rund 50 Spätaussiedler mit dem evangelischen Bischof Martin Hein einen Gottesdienst - der Ortdafür war für viele ein ganz besonderer.

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Der Chor der Spätaussiedler sorgte beim Gastspiel von Bischof Martin Hein im Gemeindehaus für die Musik.Fotos: Yanik Schick

Stadtallendorf. Sie sind angekommen. Für die Spätaussiedler in Stadtallendorf ist das zwar keine ganz neue Botschaft. Aber dennoch ist sie eine enorm wichtige, die es für die sogenannten Russlanddeutschen immer wieder neu zu betonen gilt.

So auch beim alljährlichen, vorweihnachtlichen Treffen mit dem Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. Der 60-Jährige hatte die Spätaussiedler schon in seiner Zeit als Dekan betreut. Viele der Menschen kennt er seit nunmehr 17 Jahren, und mit vielen fühlt er sich verbunden. Deswegen schaute Hein auch in diesem Jahr wieder in Stadtallendorf vorbei - allerdings nicht wie gewohnt in der Herrenwaldkirche, die im vergangenen Jahr entwidmet wurde, sondern im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde in der Liebigstraße.

„Natürlich ist es nicht einfach“, sagte der Bischof in seiner Begrüßungsrede. Er wisse, dass die Schließung der Herrenwaldkirche aus Kostengründen für viele Menschen im Raum ein schwerer Schlag war. „In der Kirche wurden viele von uns getauft und konfirmiert. Sie war eine Heimat für uns“, erklärte der Leiter der Spätaussiedler-Gemeinschaft, Richard Kotke.

Mit Entweihung ging wichtiger Anlaufpunkt verloren

Um den Inhalt dieser Aussage vollends verstehen zu können, muss man die Geschichten der Betroffenen kennen, die sich dahinter verbergen: Nach dem Mauerfall vor 25 Jahren waren zehntausende Deutsche aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gezogen. Eine nicht unerhebliche Anzahl fand in Stadtallendorf Notunterkünfte. Auch deswegen, weil sich die evangelische Kirchengemeinde um die Integration dieser Spätaussiedler bemühte. Die Neuankömmlinge bekamen Orientierung, Hilfe beim Weg zu den Ämtern oder in die Schule, wie Dr. Gudrun Neebe darlegte. Sie war damals die Aussiedlerbeauftragte.

Zahlreiche Menschen fanden also ein neues Zuhause und rund um die Herrenwaldkirche einen Halt. Mit der Entweihung vor rund einem Jahr (die OP berichtete) ging für die Russlanddeutschen ein wichtiger Anlaufpunkt verloren. „Ich glaube schon, dass die meisten gesehen haben, dass dieser Schritt notwendig war und die Entfernung hier zum Gemeindehaus auch nicht allzu groß ist“, sagte Bischof Hein. Von Richard Kotke erntete er dabei Zustimmung. „Es gibt absolut keine Probleme mehr“, beteuerte er. Die Spätaussiedler hätten sich gut in den neuen Räumlichkeiten eingewöhnt.

Kotke selbst war 1989 aus Tadschikistan nach Deutschland gekommen. Insgesamt achtmal musste er einen Ausreiseantrag bei den dortigen Behörden einreichen, bis er endlich die Genehmigung erhielt. „Sie haben mich gefragt: Was willst du noch mehr?“, erzählte der Gemeinde-Leiter. Bereits in Tadschikistan hatte er als Biologe an einem Institut für Gesundheitserziehung gearbeitet. „Ich habe gut gelebt.“

Von Ausgrenzung und Unterdrückung, wie es so viele deutsche Minderheiten nach dem Zweiten Weltkrieg in den Ländern des früheren Ostblocks erfahren mussten, bekam Kotke nicht mehr viel zu spüren. „Das war eher noch bei meinen Vorfahren so, ich habe viele positive Erfahrungen gemacht“, berichtet er. Heute wird die Gemeinde der Spätaussiedler, die sich einerseits in den christlichen Kirchengemeinden einbringt, andererseits die eigene Tradition zu wahren versucht, immer kleiner.

„Die Enkelkinder der Zuwanderer leben eben schon als Deutsche“, deutete Hein. Auf konkrete Nachfrage betonte er, dass die Integration der Spätaussiedler aus seiner Sicht inzwischen komplett gelungen sei. Umso erfreulicher, dass die Menschen also nicht nur in Deutschland, sondern jetzt auch endgültig im Gemeindehaus angekommen sind.

von Yanik Schick

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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