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Angeklagter filmt heimlich Prozess

Gefängnis für Diebstahl einer Yuccapalme Angeklagter filmt heimlich Prozess

Was sich am Dienstagmittag im Kirchhainer Amtsgericht abspielte, wird nie in den Gerichtsshows privater TV-Sender zu sehen sein. Die Zuschauer würden den Regisseuren diese tolldreiste Geschichte nicht abnehmen.

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Kirchhain. Die Hauptakteure: ein geradezu vogelwilder Angeklagter und eine Yuccapalme. Genauer gesagt: ein 2,30 Meter hohes Prachtexemplar dieser Pflanze im Wert von 150 Euro, die der Angeklagte laut Anklageschrift mit einem unbekannten Komplizen am 23. September 2013 in Stadtallendorf aus einem Hauseingang gestohlen haben soll. Doch zur Hauptverhandlung kam es zunächst nicht, da es der Angeklagte aus dem Ostkreis bereits zum zweiten Mal in dieser Sache vorgezogen hatte, nicht vor Gericht zu erscheinen. Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug erließ darauf einen polizeilichen Vorführungsbefehl. Zwei Stunden vergingen, ehe es einer Polizeistreife gelang, den Ausbleiber bei Gericht vorzuführen. Das bedeutet: Für den Vorsitzenden Richter Edgar Krug, Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel, einen Rechtsreferendar und die Protokollführerin wurden je zwei Stunden Arbeitszeit vernichtet. Das ist in der Summe ein ganzer Arbeitstag für die personell ohnehin unterbesetzten Strafverfolgungsbehörden - sponsored by Steuerzahler. Nicht eingerechnet die Wartezeit der drei Zeugen und die zwei Stunden Arbeitszeit, die die Streifenpolizisten mit der Suche und der Überstellung des Angeklagten verbracht hatten.Dessen ungeachtet betrat der Angeklagte bester Laune den Gerichtssaal. „Hallo, schönen guten Tag zusammen. Darf ich was fragen? Ich weiß nicht, worum es geht. Ich schwör‘“, lautete die erstaunliche Antrittsrede des 33-Jährigen. Grund für die ausgelassene Stimmung des Delinquenten war möglicherweise der Promillewert von 1,28, den die Polizisten noch vor dem Gerichtssaal ermittelt hatten. „Ich habe in Marburg ein Bierchen getrunken. Vielleicht war auch im Döner Alkohol drin. Sie können mich vernehmen, denn mir geht‘s gut“, versicherte er fröhlich. Auch die Verlesung des Anklagesatzes, in der auch von einer zweiten entwendeten Zierpflanze die Rede war, die im weiteren Verfahren keine Rolle spielen sollte, war offenbar nicht dazu angetan, das Erinnerungsvermögen des Hartz-IV-Beziehers zu befördern: „Ich habe nichts verstanden. Ich habe nichts damit zu tun. Ende der Durchsage“, blökte er schon weniger freundlich das Gericht an. „Jetzt muss ich was für einen Penner ausbaden“ „Wie kommt die Palme dann in ihre Wohnung?“ wollte der Richter von dem Vater eines Kleinkindes wissen. „Das müssen sie den Hausmeister Fragen. Oder den Vormieter“, antwortete der Mann, den dann doch ein Erinnerungsblitz durchzuckte: „Aaaaaahhhhhh, war das ein großer Baum?Jaaaaaa, die war schon vorher drin“, sagte er und gab an, die Wohnung am 1. September 2013 bezogen zu haben. Auf die Feststellung des Richters, dass eine am 23. September gestohlene Pflanze sich nicht am1. September in seiner Wohnung befunden haben kann, ging er nicht ein. „Jetzt muss ich was für einen Penner ausbaden. Klasse, cool“, polterte er. „Die Pflanze war schon vorher in der Wohnung. Ich schwöre es ihnen hundertprozentig“, irrte der schwurfreudige Angeklagte fern logischer Gesetzmäßigkeiten durch Zeit und Raum.Die Laune des Angeklagten verfinsterte sich weiter, als ihn der erste Zeuge im Gerichtssaal als einen der beiden jungen Männer identifizierte, die dem Zeugen am Tattag aufgefallen waren. Der Grund für die Aufmerksamkeit: Die beiden Männer parkten ihr Auto mit geöffneter Heckklappe rückwärts vor der Haustür ein. Der Innenraum des Autos war mit Plastikfolie ausgelegt. Das erschien dem 45-jährigen Mann so verdächtigt, dass er sich das Kennzeichen notierte. Den eigentliche Diebstahl hatte der Zeuge nicht beobachtet. Es sollte sich zeigen, dass das fragliche Auto auf die Mutter des Angeklagten zugelassen war. Kommissar Zufall ebnete der Polizei den Weg zur vermissten Palme. Drei Tage nach deren verschwinden suchte ein Polizeibeamter die Wohnung des Angeklagten auf, um mit dessen Frau zu sprechen. Der Grund: zuvor hatte der Angeklagte sowohl seine Frau als auch seine Schwiegermutter geschlagen, was ihm zwischenzeitlich eine Verurteilung über einen mit 70 Tagessätze à 15 Uhr dotierten Strafbefehl eingebracht hat. Ein Umstand, der ihm bewusstseinsmäßig weggerutscht sein muss. Zumindest gab der Angeklagte an, weder von Verurteilung noch von Strafmaß etwas zu wissen. Bei diesem Besuch war dem Polizisten die ungewöhnlich große Palme aufgefallen, wie er im Zeugenstand aussagte. Die Ehefrau des Angeklagten habe keine Angaben zur Herkunft der Pflanze gemacht, wohl aber dessen gleichfalls anwesende Cousine. Ihr Cousin habe damit geprahlt, dass die Palme 320 Euro gekostet habe. Das sei ihr verdächtig vorgekommen, weil ihr Cousin ständig knapp bei Kasse sei. Deshalb habe er über die Wache die Eigentümerin der vermissten Palme in die Wohnung bestellt, die die Pflanze eindeutig als die ihre identifiziert habe. Das sollte die Frau als Zeugin später unter anderen unter Hinweis auf ein am Stamm angebrachtes Deko-Element bestätigen. „Meine nackte Fraudürfen sie nicht sehen“ Noch während der Aussage des Polizisten steuerte die Verhandlung auf ihren Kulminationspunkt zu. Der Angeklagte begann, die Verhandlung mit seinem Smartphone zu filmen, was nach Paragraf 169.2 des Gerichtsverfassungsgesetzes verboten ist. Den Großteil des Gerätes verdeckte er mit der linken Hand und schwenkte - gar nicht hollywood-like - hektisch zwischen Richter und Staatsanwalt hin und her. Das blieb Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel nicht verborgen. Bei der zweiten Nachfrage des Gericht gestand der Angeklagte, gefilmt zu haben, „um einen Beweis für ein anderes Gericht zu haben, wie schlecht ich hier behandelt werde.“ Die Staatsanwaltschaft kündigte daraufhin eine Strafanzeige wegen unerlaubter Bild- und Tonaufnahmen von einer Gerichtsverhandlung an und beauftragte den Polizeibeamten, das Handy in seine Obhut zu nehmen.Nach der Beschlagnahmung des Telefons rastete der Angeklagte völlig aus. „Meine nackte Frau dürfen sie nicht sehen. Geben sie mir mein Handy zurück“, brüllte er, um dann nachzulegen: „Jetzt haben sie einen richtigen Hass auf mich. Hihihi. Hahaha.“ Und zu Edgar Krug sagte er: „Ich zeige sie an, mein Freund.“ Krug: „Ich bin nicht ihr Freund!“. Angeklagter: „Das ist auch gut so, sonst müsste ich jetzt kotzen.“ Nachdem der Angeklagte furchtlos auf die nächste Straftat (Beleidigung) zugesteuert war, erörterte das Gericht das lange Vorstrafenregister. Auffällig: Der Mann hat bereits Jahre wegen Diebstählen hinter Gittern gesessen und die Strafen allesamt komplett abgesessen. Das bedeutet: Er hat nicht eine Bewährungszeit durchgestanden. Keine positive Prognose,keine Bewährung Wegen fehlender positiver Prognose sahen weder Anklage noch Gericht eine Chance, die fällige Freiheitsstrafe für den Wiederholungstäter zur Bewährung auszusetzen. Zudem zeigte sich Dr. Kurt Sippel von der Schuld des Angeklagten überzeugt. „Die Mosaiksteine passen zusammen“, würdigte er das Ergebnis der Beweisaufnahme. Er beantragte eine Verurteilung wegen Diebstahls zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung.Diesem Antrag folgte Richter Edgar Krug im Urteil. Krug rekapitulierte noch einmal die dichte Indizienkette. Trotz des relativ geringen Werts der Palme seine eine Freiheitsstrafe unumgänglich. Wegen der zahlreichen Vorstrafen bewege sich das Strafmaß am unteren Rand des Möglichen, sagte Krug. Der fassungslose Angeklagte kündigte an, in Berufung zu sehen.

von Matthias Mayer

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