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Angeklagter bricht Schweigen bei Zeugenaussage

Gericht Angeklagter bricht Schweigen bei Zeugenaussage

Der Stich in den Hals mit einer abgebrochenen Flasche war gestern während einer Verhandlung vor dem Marburger Amtsgericht eigentlich nicht das Thema - kam aber mehrfach zur Sprache.

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In einer Kneipe in der Niederkleiner Straße kam es im Februar zu einer Attacke, bei der ein junger Mann – dem es inzwischen wieder gut geht – lebensgefährliche Verletzungen erlitt.

Quelle: Archivfoto

Stadtallendorf. Ein 28 Jahre alter Asylbewerber aus Nordafrika wollte vor dem Marburger Amtsgericht zunächst nicht aussagen. Er wisse nicht, was ihn erwarte, erklärte Pflichtverteidiger Sascha Marks und erinnerte an die Ermittlungen rund um den Stich mit einer abgebrochenen Flasche in den Hals eines Gegenübers: „Da wurden zig Leute gehört - und jeder sagte etwas anderes.“

Der Hauptbelastungszeuge habe beispielsweise mehrere unterschiedliche Versionen geschildert: „Am Ende war alles völlig anders und keiner wusste mehr, was war.“ Bis heute sei nicht einmal bekannt, ob es bei dem Streit in einer Stadtallendorfer Kneipe um eine Frau, die Auseinandersetzung ums Bezahlen einer Flasche oder einen vermeintlichen Handydiebstahl ging, betonte der Anwalt gegenüber dieser Zeitung.

Der Vorwurf des versuchten Totschlags habe sich bei den Ermittlungen nicht bestätigt und „eine Notwehrsituation ließ sich nicht ausschließen“, so Marks. Entsprechend kam dieser Teilaspekt des Abends nie zur Verhandlung - wohl aber gestern zur Sprache.

Der Angeklagte, der seit dem blutigen Februarmorgen in Untersuchungshaft sitzt, fing jedenfalls erst an, Emotionen zu zeigen und sich aktiv am Geschehen zu beteiligen, als der einzige zur gestrigen Verhandlung geladene Zeuge seine Aussage machte. Der 25 Jahre alte Neustädter, dem der 28-Jährige eine Flasche auf dem Kopf geschlagen haben soll, berichtete, eine durchzechte Nacht habe morgens um 6 Uhr in einer Stadtallendorfer Kneipe geendet.

Angeklagten zweifelsfrei als Täter identifiziert

Er habe eine Runde „Jacky Cola“ ausgegeben, woraufhin vier oder fünf Männer an den Tisch gekommen seien und gefragt hätten, ob sie auch Drinks spendiert bekämen. Ein „Nein“ vom Tisch hätten sie akzeptiert, und er sei dann zur Toilette gekommen, berichtete der Neustädter. Als er das stille Örtchen verließ, habe ihm jemand eine Flasche auf den Kopf geschlagen, ergänzte er und betonte, dass er während eines Termins bei der Polizei den Angeklagten zweifelsfrei als Täter identifiziert habe.

Gleich mehrfach kam während der Verhandlung dann das sogenannte „Hörensagen“ ins Spiel: Ein Kumpel habe den Täter dann in die Toilette verfolgt, die Tür einer Kabine, in der sich der Mann versteckte, eingetreten und sei dann mit der Flasche lebensbedrohlich am Hals verletzt worden.

Hörensagen interessiere ihn nicht, stellte Richter Cai Adrian Boesken fest - der gleich mehrfach Kritik an den Ermittlungsunterlagen und den überwiegend „ungeschickten Zeichnungen“ des Tatorts äußerte. Noch dazu sei dieser Teil nicht Thema der Verhandlung, ergänzte der Amtsgerichtsdirektor.

Nach Zeugenaussage bricht Angeklagter das Schweigen

Die Zeugenaussage jedenfalls brachte den Angeklagten dazu, sein Schweigen zu brechen. Er behauptete, der Zeuge sei sturzbetrunken gewesen und habe zwei dunkelhäutige Männer vor der Kneipe geschlagen - und auch ihn später attackiert. Noch dazu distanzierte er sich von der Anschuldigung, selber mit einer Flasche zugeschlagen zu haben. Er verwies auf eine Frau aus Neustadt, die seine Version bezeugen könne.

Richter, Staatsanwalt und Verteidiger, die den Anfang der Verhandlung zu einer Art Sondierungsgespräch umfunktioniert hatten, zogen vor Ende der Sitzung noch eine kurze Bilanz. Er halte angesichts einer Vorstrafe wegen Raubs und Diebstahls eine Strafe von sieben bis neun Monaten Haft für realistisch, sagte der Staatsanwalt - allerdings nur bei einem Geständnis.

Auch er halte den Zeugen für „nicht völlig unglaubwürdig“, ergänzte Boesken. Marks erläuterte dies seinem Mandanten - der an ein Geständnis aber keinen Gedanken verliert: Er habe die Tat schließlich nicht begangen.

Die Verhandlung wird nun am Montag, 25. Juli, ab 9 Uhr im Raum 152 des Marburger Amtsgerichts fortgesetzt. Auf der Tagesordnung steht dann die Vernehmung von den ersten von mehr als 20 Zeugen.

von Florian Lerchbacher

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