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Angeklagter altert um acht Jahre

Verhandlung der etwas anderen Art Angeklagter altert um acht Jahre

Bei dem Strafprozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht ging es am Freitag um ein ernsthaftes Thema. Gleichwohl besaß die Hauptverhandlung zum Teil tragikomische Züge.

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Mit einem Küchenmesser soll ein Afghane in Neustadt einem Landsmann vor den Augen herumgefuchtelt haben.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain / Neustadt. Das fing damit an, dass der Angeklagte und dessen als Zeuge geladenes Opfer das Gericht zunächst mit ihrer Abwesenheit beehrten. Richter Joachim Filmer hatte zuvor aus seiner Erfahrung vorsichtig angedeutet, dass ein in Frankfurt gemeldeter Asylbewerber nicht unbedingt zu einem ersten Verhandlungstermin in Kirchhain erscheine. Zur hohen Stunde waren Richter, Anklagevertreter, Protokollantin und Dolmetscher unter sich.

Für solche Fälle erlaubt die Strafprozessordnung bis zu einem bestimmten zu erwartenden Strafmaß, den Angeklagten im Strafbefehlsverfahren zu verurteilen. Das geschah auch. Aber die Tinte auf dem Antrag der Staatsanwaltschaft war noch nicht trocken, da war das Papier ein Fall für den Papierkorb.

Der Angeklagte betrat den Gerichtssaal in Begleitung eines Freundes. Ein großer Auftritt. Der Mann machte einen agilen, geradezu geschäftigen Eindruck, taxierte das Gericht, sah sich in aller Ruhe um und wirkte so, als würde ihm der ganze Laden gehören. Über den Dolmetscher ließ er mitteilen, dass der Zeuge sich mangels Deutschkenntnisse und Orientierungssinn verspäten werde. Im übrigen habe er mit dem Mann kein Problem. Das Ganze könne abgeblasen werden, versicherte er selbstbewusst.

Seinen nächsten großen Auftritt hatte der inzwischen in einer Asylbewerberunterkunft in Hofheim lebende Mann bei der Feststellung seiner Personalien. Zwischen ihm und dem Dolmetscher entfachte ein lebhafter Wortwechsel. Der Angeklagte bestreite, am 1. 1. 1995 in Kabul geboren zu sein (der1. 1. 1995 ist ein von Schleusern 2015 für die Identität von Flüchtlinge tausendfach genutztes fiktives Geburtsdatum, die Redaktion).

Keine Probleme mehr miteinenader

Der Man gab 1987 als sein Geburtsjahr an und legte zum Beweis eine vorläufige deutsche Aufenthaltserlaubnis vor. Die erkannte das Gericht an, womit der Angeklagte binnen Sekunden amtlich um acht Jahre alterte.

Rechtsreferendar Timo Ide klagte als Sitzungsvertreter den nun 29-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan an, am 9. Januar 2016 in einem Waschraum der Neustädter Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge gegen 15 Uhr einen Landsmann mit einem Küchenmesser bedroht und dabei mehrere Stiche angedroht zu haben. Dabei soll er gesagt haben, dass es ihm egal sei, wenn er dafür für zehn Jahre ins Gefängnis komme.

„Wir haben kein Problem mehr miteinander. Ich habe ihn nicht bedroht, es gab nur einen Wortwechsel. Wir wohnten zu fünft in einem Zimmer. Die Security kam und holte ein Messer aus dem Kühlschrank. Ich wusste nicht, worum es ging“, übersetzte der Dolmetscher die Aussage des Angeklagten.

Richter Joachim Filmer versuchte vergeblich, dem Mann auf die Sprünge zu helfen, indem er die Aussage eines Augenzeugen vor der Polizei auszugsweise verlas. Danach hat der Angeklagte seinem Opfer das Messer vor den Kopf gehalten und sehr stark angedeutet, diesem ins ­Auge zu stechen. Der Zeuge näherte sich von hinten dem mutmaßlichen Aggressor und entwandt diesem das Messer. Das mutmaßliche Opfer habe große Angst gehabt und geweint. Der mutmaßliche Angreifer sei, wie fast immer, betrunken gewesen, zitierte der Richter aus dem Vernehmungsprotokoll.

Das Opfer, der Zeuge und der Security-Mann seien miteinander befreundet. Deshalb träten diese gemeinsam gegen ihn auf. Es habe nur ein Gespräch über religiöse Fragen gegeben. Das könnten zwei seiner Freunde bestätigen, die allerdings wieder im Iran seien, gab der Angeklagte an.

Tragischerweise strandete das mutmaßliche Opfer als Leidtragender des Busfahrerstreiks vor dem Marburger Hauptbahnhof. Die Fortsetzung der Hauptverhandlung mit dann drei Zeugen setzte das Gericht für den 3. März, 11 Uhr, an. „Da kann ich nicht kommen. Ich habe heute schon 40 Euro ausgegeben“, kündigte der Angeklagte an. Das interessierte das Gericht nicht. „Und was ist, wenn ich kein Problem mehr mit ihm habe?“, hakte der Angeklagte unbeirrt nach. Der Termin blieb. Wenig überraschend.

von Matthias Mayer

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