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Angeklagter: "Ich bin verrückt"

Gericht Angeklagter: "Ich bin verrückt"

Kommt Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht zur Anwendung? An diese Frage erinnerte Rechtsanwalt Carsten Dalkowski während des bisher kürzesten Verhandlungstages noch einmal.

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53 Minuten dauerte der kürzeste Verhandlungstag vor der großen Jugendkammer des Landgerichts Marburg.

Quelle: Archivfoto

Stadtallendorf. „Meine Nerven sind nicht so funktionsfähig, dass ich mich äußern möchte“, sagte ein 21-Jähriger, der gemeinsam mit einem 19-Jährigen in der damaligen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Stadtallendorf einen weiteren Bewohner - wie die beiden ein Afghane - vergewaltigt haben soll. Gestern fand der vierte und mit einer Länge von 53 Minuten mit Abstand kürzeste Verhandlungstag vor der großen Jugendkammer des Landgerichts Marburg statt.

Dabei warf Carsten Dalkowski, der Anwalt des älteren der beiden Angeklagten, noch einmal die Frage auf, ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angemessen sei. Zum Tatzeitpunkt Ende Mai 2016 ­galten beide als Heranwachsende, befanden sich also im Alter zwischen 18 und 21 Jahren.

Was macht eine mehrere Tausend Kilometer lange Flucht aus einem Krisengebiet aus einem jungen Mann? Wird er dadurch zum Erwachsenen oder ist genau das Gegenteil der Fall? „Das ist nicht einfach. Dabei ist immer der Einzelfall zu betrachten“, kommentierte Richter Dr. Thomas Wolf, der Vorsitzende der Kammer.

Mit "Pauschalhammer“ an den Fall

Dalkowski erläuterte den Hintergrund seiner Erinnerung: Seiner Ansicht nach war die Jugendamts-Mitarbeiterin, die mit seinem Mandanten und dem seines Kollegen Arik Thaye Bredendiek gesprochen hatte, mit dem „Pauschalhammer“ an den Fall herangegangen.

Die Jugendamtsmitarbeiterin hatte während des dritten Verhandlungstages die Empfehlung an das Gericht gegeben, bei beiden Männern Erwachsenenstrafrecht anzuwenden, weil keine Entwicklungsstörung feststellbar gewesen sei und sie gefestigt und zielstrebig gewirkt hätten und konkrete berufliche Absichten in Deutschland verfolgten. Dalkowski stellte heraus, dass er zum Bruder seines Mandanten Kontakt aufgenommen habe.

Dieser habe angegeben, dass der 21-Jährige weder drei Jahre in Indien studiert noch dort geboxt hatte. Noch dazu habe er über das Familienleben berichtet und dabei betont, dass sein jüngster Bruder sich vernachlässigt gefühlt und von seinen Eltern nie bekommen habe, was er wollte.

Psychische Probleme während Untersuchungshaft

„Er erzählte schon immer Storys, die nicht stimmten. Er wollte bewundert werden“, berichtete Dalkowski über den Inhalt der E-Mail des Bruders - die er in ausgedruckter Form an die Prozessbeteiligten verteilte. An vorangegangenen Verhandlungstagen hatte er bereits erklärt, dass in der über sechsmonatigen Untersuchungshaft bei seinem Mandaten psychische Probleme aufgetreten seien und dieser Selbstmordversuche unternommen habe (was in der Verlegung in eine andere Haftanstalt resultierte).

Wolf sprach den jungen Mann entsprechend auf dessen Jugend in seiner Heimat und die Umstände in der Familie an. Doch dieser reagierte nur mit einem Heben der Augenbrauen, einem Schulterzucken, verwies auf seine strapazierten Nerven und resümierte letztendlich: „Ich bin verrückt.“

Bevor die Prozessbeteiligten auf dieses Thema zu sprechen kamen, hatte ein Kriminalpolizist über seine Vernehmung des jüngeren der beiden Angeklagten gesprochen. Im Mittelpunkt stand, was der 19-Jährige am „Tattag“ getan haben will. Der Beamte resümierte, dass es zu Widersprüchen gekommen sei - so wollen beide Angeklagte unabhängig voneinander den Abend mit einem weiteren Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung verbracht haben.

Zeuge will nicht aussagen

In Sachen „Kontakt“ zum 26-Jährigen, der vergewaltigt worden sein soll, berichtete der 19-Jährige, dass er einmal mit ihm Streit hatte und zu dessen Klärung auf seinem Zimmer war. Im Gespräch mit der Polizei bezeichnete er ihn als „erfindungsfreudigen Drogensüchtigen und Schwätzer“, der sogar einmal ­einen anderen Flüchtling erpressen wollte.

Kurioser Nebenschauplatz: Der Kriminalbeamte berichtete von einem Mitarbeiter der Stadtallendorfer Erstaufnahmeeinrichtung, den er als Zeugen hatte vernehmen wollen: „Er lehnte es aber partout ab, zur Polizei zu kommen.“ Und das, obwohl er - wie der Kriminalpolizist herausstellte - mehrere Gespräche von Bewohnern mitbekommen hatte und „etwas gehört haben muss“.

Rechtsanwalt Bredendiek erkundigte sich daraufhin, ob ihm das nicht komisch vorgekommen sei. „Doch“, sagte der Zeuge. Ein solches Verhalten sei aber nicht unbedingt ungewöhnlich: Er gehe davon aus, dass der Mann in der Vergangenheit strafrechtlich in Erscheinung getreten sei und deswegen die Aufforderung der Polizei ignoriert habe.

Am Freitag um 9 Uhr steht der fünfte und wahrscheinlich letzte Verhandlungstag mit den Plädoyers und der Urteilsverkündung an.

von Florian Lerchbacher

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