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Brücker Mühle: Zurück zu den Wurzeln

Kraftakt Brücker Mühle: Zurück zu den Wurzeln

61 Jahre ist es her, dass die Mahlsteine in der Brücker Mühle abgebaut wurden. Nun dreht Müllermeister Thomas Kleinschmidt die Zeit zurück - aber nicht, weil er das große Geld im Blick hat.

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Martin Zecher (Mitte) baut derzeit in der Mühle von Thomas Kleinschmidt und Sabine Walter die neuen Mahlsteine ein.

Quelle: Tobias Hirsch

Amöneburg. „Erhaltung durch Nutzung“ gibt Thomas Kleinschmidt als Motto der historischen Brücker Mühle aus. Das gilt für die bisher zu Demonstrationszwecken angewandte Walzentechnik, aber auch für die Mahlsteine, die Mühlenbauer Martin Zecher aus Schwerin derzeit in dem Amöneburger Industrie- und Kulturdenkmal einbaut.

Gewerblich stellt Kleinschmidt seit dem Jahr 2001 schon kein Mehl mehr her. Er hat es sich aber zur Aufgabe gemacht, sein Wissen zu vermitteln und den Menschen den Weg vom Getreide zum Brot näherzubringen. Unterstützung bekommt er dabei vom Brücker Verein, der den Einbau der Mahlsteine mit Unterstützung des Arbeitskreises Dörfliche Kultur Kirchhain und einiger privater Spender finanziert. Rund 15000 Euro haben die Mitglieder dafür eingeplant. „Wir haben hier einen Bildungsauftrag. Wir möchten die Kultur und das Knowhow erhalten“, betont Vorsitzender Reiner Nau und freut sich, dass die Amöneburger alljährlich am Mühlentag teilnehmen und die Mühle öffnen, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten einen Einblick ins historische Handwerk geben. Zum Beispiel kommen immer wieder Schulklassen in das Gebäude an der Ohm.

Jenes Wissen vermitteln können Kleinschmidt und Sabine Walter bald noch besser. In den vergangenen Jahren demonstrierten sie die Herstellung von Mehl über die sogenannte Walzentechnik, mit der sich auf schnellere Art und Weise größere Mengen aus dem Getreide gewinnen lassen. Dabei wird das Korn geschnitten, im klassischen Handwerk indes zermahlen. „Das Mehl ist dann viel flauschiger“, erläutert der Müllermeister - der seinen Gästen diese Arbeitsweise bisher mit einer nachgebauten römischen Handmühle vorführen musste.

In dieser Woche vollziehen sie in der Mühle indes einen echten Kraftakt. Am Dienstag wuchteten sie mit Unterstützung ihres Nachbarn Horst Braun und dessen Gabelstapler die beiden Mahlsteine ins Gebäude. Der untere, der sogenannte Bodenstein, wiegt 700 Kilo, der „Läufer“, also der obere, sogar eine knappe Tonne. „Wir kehren damit eigentlich zu den Wurzeln des Handwerks zurück, der eigentlichen, historischen Müllerei“, freut sich Kleinschmidt und betont, dass er aber auch dann nicht gewerblich Mehl herstellen will. Er plant mit mindestens einem offiziellen Mahltag, will aber natürlich auch weiterhin Interessierten die Funktionsweise der Mühle und der Mahlwerke erklären.

Schon jetzt ist er sich allerdings sicher, dass er in Zukunft ein paar Aufträge für Spezialprodukte bekommen wird. So gebe es in Andreas Hanisch aus Langenstein sowie Reiner Mest und Manuela Größer aus Maulbach Landwirte, die mit allerlei alten Getreidesorten experimentieren und dabei vornehmlich auf solche setzen, die nicht mehr zu den klassischen Arten gehören: beispielsweise Rauhroggen, Emmer oder roter Dinkel. „Sie etablieren sich am Markt mit Nieschenprodukten. Daran sieht man, dass es eben auch anders geht“, sagt Kleinschmidt und knöpft sich die industrielle Herstellung von Mehl vor, die seit Ende des 19. Jahrhunderts quasi den Tod des Großteils historischer Mühlen bedeutet habe. „Die Industrie könnte ich mit meinem gemahlenen Mehl nicht beliefern. Das Mehl, das mit Walzen hergestellt wird, ist viel gleichmäßiger - und bleibt eben auch immer gleich.“

Motor soll eingebaut werden

Zwei Wochen dauert der Umbau in Handarbeit. Die Steine sind neu, der Rest des historischen Mahlwerks kommt aus einer ehemaligen Mühle in Werdorf bei Aßlar. Diese war bis Anfang der 80er-Jahre aktiv, dann kam es zum Stillstand. Der Hessische Landesverein für Mühlen rettete Anlage und Antrieb Anfang des 21. Jahrhunderts und stellte sie nun zur Verfügung. Am liebsten hätte der Müllermeister auch die alten Mahlsteine wiederverwertet: „Aber die haben Schäden. Man hätte sie zwar restaurieren können, aber das wäre nicht viel billiger gewesen - und die Halbwertzeit wäre kürzer gewesen.“ Und so baute Bernd That, ein neuer Mitarbeiter der Brücker Mühle, gestern das sogenannte Halslager aus der Mitte der alten Steine aus, um sie in die neuen einzusetzen.

Außerdem steht auf dem Plan noch der Einbau eines Motors, um das neue Mahlwerk zu betreiben. Die Energie gewinnt die Brücker Mühle ebenso wie für das Walzenmahlwerk ebenfalls aus der Wasserkraft. „Sollte sie mal nicht reichen, müssen wir eben Strom dazukaufen“, wirft Nau ein, woraufhin Kleinschmidt sich ärgert: „Die Wasserstände sinken. Das Rhein-Main-Gebiet pumpt uns leer.“ Derzeit sei die Ohm zwar gut gefüllt, aber bis August habe es um den kleinen Fluss doch sehr schlecht ausgesehen.

Ein Mühlenbauer bei der Arbeit – aufgenommen durch das Loch im Mahlstein.

Eine Kleinigkeit steht zudem auf der Agenda Kleinschmidts, der ja eigentlich selber ein Wissens-Vermittler ist: Zwar hatte er sie einst gelernt, doch so ganz hat er die Steinmahltechnik nicht mehr auf dem Schirm. „Da muss ich mich nochmal reinfuchsen“, gibt er zu und berichtet, Kontakte nach Niedersachsen zu pflegen. Dort gebe es zwei Steinwindmühlen, die noch in Betrieb seien. Mit deren Betreibern befindet er sich im Austausch, um in naher Zukunft eine Art Kurzpraktikum zu absolvieren und sein Wissen aufzufrischen.

Ansonsten soll der Weg der Brücker Mühle weiterhin in Richtung einer Stiftung führen. Kleinschmidt bezeichnet den Einbau der neuen Steine als deutliches Zeichen nach außen und als ersten Schritt. Walter betont, dass zentrales Ziel weiterhin die Restaurierung des Mühlentraktes ist: „Als erstes müssen wir die Transmission in Ordnung bringen und ein paar Riemen flicken und anpassen. Dafür hoffen wir auf Fördergelder der deutschen Denkmalstiftung.“ Des Weiteren stehen die beiden im Austausch mit der Uni Kassel, von der einige Studenten für ihre Abschlussarbeiten die Sanierung des Mühlentraktes begleiten wollen und dafür Studienprojekte konzipieren. „Dann haben wir aktuellere Daten als die aus dem Sanierungsgutachten aus dem Jahr 2003“, resümiert Walter.

von Florian Lerchbacher

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