Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Sprühregen

Navigation:
Besucher wollen das reine Wohngebiet

Diskussion Besucher wollen das reine Wohngebiet

Mehr als 100 Besucher kamen ins Bürgerhaus zur Informationsveranstaltung über die angedachte Umwandlung von Erfurtshausen-Süd in ein reines Wohngebiet.

Voriger Artikel
Abba-Musik für die Kapelle
Nächster Artikel
Unterm Bauamt wird persisch gerappt

Mehr als 100 Besucher verfolgten die Vorträge der Referenten. Im Anschluss gab es eine lebhafte ­Diskussion, in der es auch immer wieder um Windkraft ging.Foto: Heinz-Dieter Henkel

Erfurtshausen. Nachdem Bürgermeister Michael Plettenberg die Besucher begrüßt hatte ­stellte er etwas enttäuscht fest, dass nur rund 50 Prozent der Stadtverordneten zu der Veranstaltung gekommen seien - dabei war diese doch in erster Linie zur Meinungsbildung der Mandatsträger gedacht gewesen.

Hintergrund ist, dass im Ortsbeirat die Idee aufkam, Teile des Dorfes in ein reines Wohngebiet umzuwandeln, um den Schallimmissionsschutz zu verbessern, da dort niedrigere maximale Werte gelten.

Hausmann referiert als Erster

Als erster Referent berichtete Manfred Hausmann vom Planungsbüro Groß und Hausmann über den Bebauungsplan zur Umgestaltung des Gebiets „Erfurtshausen-Süd“ in ein reines Wohngebiet. Er beschrieb den Bereich der Wohnbebauung und ging detailliert auf die Bedenken der Träger öffentlicher Belange ein.

Sowohl die Einsprüche des Landkreises (Kreisbauamt und Untere Wasserbehörde) wie auch des Regierungspräsidiums in Gießen (Dezernate Regionalplanung, Bauleitplanung und Immissionsschutz) widersprächen in keinster Weise der Umwidmung in ein reines Baugebiet, fasste er zusammen. „Wir vollziehen lediglich nach, was bereits besteht.“

Jurist warnt vor Einschränkungen

Über die rechtlichen Aspekte des Paragrafen 3 der Baunutzungsverordnung berichtete anschließend Jurist Martin Hauter,­ der seit 26 Jahren als Fachanwalt für Verwaltungsrecht arbeitet. „Reine Wohngebiete sind selten und die Anforderungen hoch“, sagte er. Lediglich Wohnhäuser und Anlagen für Kinderbetreuung seien dort zulässig - ein Arzt könne sich dort beispielsweise nicht niederlassen und auch bei privaten Aktivitäten sei mit Einschränkungen zu rechnen. Und man dürfe sieben Jahre keine Änderungen vornehmen, was bei einem eventuellen Verkauf eines Wohnhauses sich durchaus negativ auf den Preis auswirken könne.

Auch die gesetzlich angestrebte Lärmschutzgrenze von 35 Dezibel (dB) in den Nachtstunden sei im Übergangsbereich der Wohnbebauung nicht automatisch gesichert. Plettenberg erläuterte im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die Lärmschutzgrenze im Außenbereich des Dorfes anders sei: „Gerichte bewerten die Außenbereiche oft als Mischgebiete - und dort gelten 45 Dezibel.“

Und da das Prinzip der gegenseitigen Rücksichtnahme bei den „Nachbarn“ in den unterschiedlichen Gebieten gelte, würde oftmals ein Zwischenwert gebildet - der dann bei 40 Dezibel liege: „Aber da wird eine Einzelfallprüfung notwendig, weil ein Übergangsbereich entsteht.“

Kompromissvorschlag steht auch noch im Raum

Am Runden Tisch vor einigen Wochen hatten die Firma Juwi, die auf der Mardorfer Kuppe weitere Windkraftanlagen errichten möchte, gemeinsam mit den Mardorfer Waldinteressenten eine „freiwillige Vereinbarung“ zum Thema „Schall­immission“ vorgeschlagen.

Dabei boten sie an, am südlichen Ortsrand von Erfurtshausen einen Grenzwert von 37,5 Dezibel (sowie im Ortskern von 35 Dezibel) einzuhalten. Einzige Bedingung: Der Verzicht auf die Umwandlung des südlichen Teils des Dorfes in ein reines Wohngebiet.

„Da ist nun also die Frage, was die bessere Lösung ist“, resümiert Plettenberg und betont, dass der Kompromissvorschlag von Juwi wahrscheinlich vom Tisch sei, wenn die Gebietsumwandlung doch kommt.

Er selbst hat jedenfalls noch einmal Kontakt zum Regierungspräsidium aufgenommen, um eine weitere Frage zu klären, beziehungsweise eine Einschätzung zu erhalten. Ist ein reines Wohngebiet groß, werden dort unter Umständen mehrere Zonen gebildet. Aus Gießen kam dazu bisher keine Auskunft.

Anwohner gegen Windkraft

Der Jurist ist laut des Bürgermeisters nicht der Meinung, dass der Bereich Erfurtshausens groß genug ist, um in mehrere Abschnitte unterteilt zu werden. Hauters Fazit: Angesichts der strikten Auflagen und der Einschränkung der Nutzung könne er kein Vorteil in einem reinen Wohngebiet sehen.

Das Bemühen Plettenbergs, die Diskussion auf den Bebauungsplan zu beschränken, scheiterte bereits bei der ersten Wortmeldung aus dem Publikum. Immer wieder kam es zur Sprache, dass sich eine Vielzahl der Bürger gegen den Bau weiterer Windkraftanlagen wehrt. Alle­ Diskussionsteilnehmer sprachen sich ausnahmslos für den neuen Bebauungsplan „Reines Wohngebiet Erfurtshausen-Süd“ aus.

Nur so, so der eindeutige Tenor, können die Lärmemissionen der neu beantragten Windräder rechtlich einklagbar beschränkt werden. Ortsvorsteher Wolfgang Rhiel monierte: „Nicht der Ort kommt zu den Windrädern, sondern die Windräder zu uns.“

Er habe verstanden, dass sie alle ein reines Wohngebiet wünschten, nahm einer der Stadtverordneten die Aussage des Abends mit in die Beratungen seiner Fraktion. Der Bebauungsplan gilt als beschlossen, wenn die Stadtverordneten dies in ihrer Sitzung am 13. November beschließen und im offiziellen Anzeigeblatt der Stadt veröffentlicht wird.

Die CDU jedenfalls hat schon eine klare Meinung, wie sie am Donnerstagabend in einer Pressemitteilung wissen ließ: Sie spricht sich für das „Reine Wohngebiet“ in Erfurtshausen aus.

CDU sieht sich in ihrem Vorgehen bestätigt

Die Amöneburger CDU-Frak­tion sieht sich in ihrem Vorgehen, bezüglich der Forderung nach Einrichtung eines reinen Wohngebietes in Erfurtshausen, um einen höheren Emissionsschutz vor geplanten Windrädern zu erhalten, bestätigt und spricht sich nach Erhalt der relevanten Informationen für die Einrichtung eines reinen Wohngebietes aus. Die Fraktion hatte im Vorfeld auch die Infoveranstaltung initiiert. Diese selbst auszurichten, sei nicht möglich gewesen, wie Vorsitzender Jan-Gernot Wichert berichtet: „Hierfür stand uns der Planer nicht zur Verfügung, weil er in einem Vertragsverhältnis mit der Stadt steht.“

Seine Fraktion habe sich dafür auch dem Vorwurf ausgesetzt gesehen, sie verweigere die Diskussion. Dem sei nicht der Fall: Es reiche einfach nicht, sich ­eine Meinung nach „Hören­sagen“ zu bilden und die ohnehin schon emotional aufgeladene Situation noch weiter anzuheizen, meint Mathias Lecher und hebt hervor, dass „fundierte Informationen“ unumgänglich seien. Diese lägen nun vor - daher sei die Meinungsbildung möglich gewesen.

von Heinz-Dieter Henkel und Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr