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Daumen hoch für „reines Wohngebiet“

Bebauungsplan „Erfurtshausen Süd“ Daumen hoch für „reines Wohngebiet“

Das zentrale Angebot, das am Ende zahlreicher Treffen am runden Tisch zum Thema Windenergie stand, kommt in die Tonne: Amöneburgs Stadtverordnete entschieden sich für ihren eigenen Weg.

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Die Erfurtshäuser wollen weitere Windräder möglichst weit von sich weg halten.

Quelle: Archiv

Amöneburg. Der südliche Teil von Erfurtshausen gilt künftig als „reines Wohngebiet“. Das legten Amöneburgs Stadtverordnete fest, indem sie am Montagabend den Bebauungsplan „Erfurtshausen Süd“ beschlossen. In dem entsprechenden Magistratsantrag steht, dass sich in dem Gebiet mit hohem Wohn- und Freizeitwert eine „homogene Struktur aus Wohngebäuden“ entwickelt habe. Dies solle nun auch festgehalten werden, um Unklarheiten zu beseitigen.

Hintergrund sind dabei natürlich die Pläne der Firma Juwi, die auf dem Gebiet der Mardorfer Kuppe weitere Windräder aufstellen möchte. Um diese unter dem Vorwand des Lärmschutzes möglichst weit vom Dorf wegzuhalten, war in Erfurtshausen die Idee rund um ein reines Wohngebiet entstanden.

Damit muss nach einer Umwandlung in zentraler Lage der Grenzwert von 35 Dezibel ­eingehalten werden. Bei einem städtebaulichen Vertrag mit ­Juwi, den das Unternehmen ­gemeinsam mit den Waldinteressenten Mardorf am runden Tisch zum Thema Windenergie angeboten hatte, wären es dort 36 Dezibel gewesen. Dies hatte­ Bürgermeister Michael Plettenberg noch einmal während einer Ausschusssitzung betont. Ein Dezibel gab also den Ausschlag, einen eigenen Weg einzuschlagen. Zum Vergleich: ­Atmen hat etwa zehn Dezibel, das Ticken einer Armbanduhr 30 Dezibel.

Die Firma Juwi hatte entsprechend im Vorfeld der Sitzung ­eine Stellungnahme abgegeben, in der sie sich gegen die Umwandlung des südlichen Teils von Erfurtshausen in ein reines Wohngebiet aussprach. Sie gab dabei an, dass keine Windkraftanlage den Richtwert von 35 Dezibel nachts einhalten könne. Am runden Tisch hatte das Unternehmen auch erklärt, dass ihr unterbreitetes Angebot hinfällig sei, wenn das reine Wohngebiet komme.

Rückzug

Relativ schnell vom Tisch war anschließend eine Vorlage, mit der die Stadtverordneten auch offiziell noch einmal auf den Abschluss des von Juwi angebotenen Kompromissvorschlages in Form eines städtebaulichen Vertrages verzichten sollten. „Mit dieser Vorlage wollte ich zur Friedensstiftung beitragen“, erklärte Plettenberg. Die Amöneburger müssten schließlich auch in Zukunft noch mit dem Unternehmen zusammenarbeiten. „Juwi ist keine Heuschrecke“, betonte der Bürgermeister, dem viel Wert daran lag, es sich mit der Firma nicht zu verscherzen: „Ein Dezibel ist ja auch keine Streitsumme.“
Plettenberg hat in der Vorlage den Waldinteressenten und Juwi für den Kompromissvorschlag sowie dem Land Hessen, der HessenAgentur und dem Moderationsbüro Ifok für den runden Tisch gedankt. Allerdings hatte keine Mitglieder der beiden Amöneburger Ausschüsse, die sich mit der Vorlage im Vorfeld auseinandergesetzt hatten, eine Beschlussempfehlung für die Vorlage ausgesprochen. Aus diesem Grund zog der Bürgermeister diese dann vor einer Abstimmung zurück und sprach seinen Dank eben mündlich aus.

Im Vorfeld waren alle Einwände abgeschmettert worden, so dass die Entscheidung in Händen der Stadtverordneten lag. 17 von ihnen stimmten dem Bebauungsplan zu, Winfried Kaul (SPD) enthielt sich, Rainer und Ewald Schick (beide FWG) stimmten dagegen. „Ich hoffe,­ dass dies die richtige Lösung für Erfurtshausen ist – ich bin mir jedenfalls nicht sicher“, hatte Rainer Schick seine Haltung begründet.

Mit ihrer Entscheidung würden die Stadtverordneten Fakten schaffen und sich die Verhandlungsbasis mit dem Projektierer und den Waldinteressenten entziehen: „Wir sind dann raus – müssen aber damit rechnen, dass die Windräder wie geplant kommen. Wenn sich die Technik weiterentwickelt und die Waldinteressenten und Juwi die Regelungen einhalten, können sie machen, was sie wollen.“

Jan-Gernot Wichert erläuterte, dass die Christdemokraten der Umwandlung zustimmten, weil dies der Wunsch vieler Erfurtshäuser sei – auch wenn die Veränderungen einige Einschränkungen mit sich brächten. „Probleme bei der Ansiedlung von Gewerbe oder Ärzten müssen sie dann hinnehmen“, erläuterte Bürgermeister Michael Plettenberg in seiner Stellungnahme. „Wir werden die Windkraftanlagen damit nicht komplett verhindern“, fügte Wichert hinzu, betonte aber gleichzeitig, dass dem Projektierer nun größere Anstrengungen abverlangt würden: „Optimal wäre gewesen, wenn wir am runden Tisch einen ­gemeinsamen Kompromiss gefunden hätten“, resümierte er.

„Ein bedeutender Teil der Bürgerschaft glaubt, dass die Umwandlung besser als der angebotene Vertrag ist“, sagte Winfried Nau (SPD) und ergänzte: „Bürgerinitiative und Ortsbeirat haben das manifestiert – und wir werden uns dem nicht entgegenstellen.“ Er glaubt auch nicht, dass das gesamte weitere Windkraftprojekt von Juwi­ an der ­Umwandlung scheitere. Vor allem appellierte er aber an das Unternehmen, sich an einst versprochene Abstände und Schallgrenzen zu halten und vor allem bessere Angebote für die Bürgerbeteiligung zu unterbreiten, als einen Windsparbrief.

Bürgermeister Plettenberg monierte, dass ihm im Dorf großes Misstrauen entgegengeschlagen sei – und das, obwohl er sich von Anfang an für die Umwandlung in ein reines Wohngebiet ausgesprochen und den Gedanken vorangetrieben habe: „Es ist ein riesen Dilemma: Glaubwürdigkeit in einem politischen Amt ist wichtig“, ärgerte er sich über den Gegenwind, der ihm immer wieder entgegengeschlagen war. Er freute sich, dass die Bürger zukünftig mehr vor der Lärmbelästigung durch Windräder geschützt würden, warnte aber auch, dass dies sie keinesfalls vor weiteren Anlagen an sich bewahren würde.

Lob bekam er von Winfried Kaul (SPD), der den Bebauungsplan grundsätzlich nicht für das richtige Mittel hält: „In diesem Fall aber schon – um etwas zu bewirken.“ Stadtverordnetenvorsteher Dr. Stefan Heck sprach beim Rückblick auf die vergangenen Monate von einer „außergewöhnlichen Situation“ und emotionalen Debatten, „die wir nun zu einem guten Ende gebracht haben“. Er sei nun guter Hoffnung, dass die Thematik das Dorf nicht spaltet.

von Florian Lerchbacher

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