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Die „Zankstelle“, die nur die Kirchhainer sehen

Bürgermeisterwahl Die „Zankstelle“, die nur die Kirchhainer sehen

Die Reizthemen Tank­stelle, Atmen-Projekt und Finanzen prägten am Donnerstagabend den zweiten Teil des OP-Wahlforums zur Bürgermeisterwahl in Amöneburg.

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Auf dem Podium des OP-Wahlforums zur Bürgermeisterwahl in Amöneburg von links: OP-Chefredakteur Christoph Linne, die Kandidaten Stefan Backhaus, Michael Plettenberg und Rainer Wiegand sowie OP-Redakteur Florian Lerchbacher.

Quelle: Nadine Weigel

Roßdorf. Die Kandidaten Stefan Backhaus, Michael Plettenberg (beide parteilos) und Rainer Wiegand (APPD) stellten sich dabei nicht nur den Fragen von OP-Chefredakteur Christoph Linne und OP-Redakteur Florian Lerchbacher,  sondern auch den Nachfragen aus dem Publikum.

Tankstelle

Stefan Backhaus deutete an, dass er sich noch keine endgültige Meinung zum Thema Tankstelle gemacht habe. Allerdings würden sich seine persönlichen Vorstellungen von der künftigen Nutzung der Erddeponie als Naherholungsgebiet mit einer nahegelegenen Tankstelle beißen. Passt die Tankstelle ins Landschaftsbild? „Für mich nicht“, sagte der Kriminalbeamte. Das Verfahren ist zurzeit noch in der Entscheidungsfindung und sei noch beeinflussbar, sagte er.
Bürgermeister Michael Plettenberg erinnerte daran, dass das Genehmigungsverfahren demokratisch und öffentlich erfolge. Die Pläne würden öffentlich ausgelegt und jeder Bürger könne gegen diese sein Veto einlegen. Wenn 400 Einsprüche eingingen, müsse sich die Stadt mit jedem einzelnen Einspruch befassen. Er sei, wie die Mehrheit der Amöneburger Stadtverordneten, für den Bau der Tankstelle am Standort Amöneburger Kreisel. Das grüne Dach der Tankstelle überrage das Geländeprofil nur um einen Meter und passe sich gut in das Landschaftsbild ein. Außerdem trage der Investor das komplette planerische Risiko.
Rainer Wiegand sprach zur „Zankstelle“ Klartext: „Die Diskussion über das Landschaftsbild und das grüne Dach geht mir auf den Senkel. Über welches Landschaftsbild reden wir denn? Alle Stadtteile liegen auf der anderen Seite des Berges und auch vom Berg aus wird man die Tanke nicht sehen“, erklärte er unter dem brüllenden Gelächter des Publikums. Man diskutiere hier allein über das Landschaftsbild der Kirchhainer, sagte der APPD-Kandidat unter dem Jubel des Publikums.

Atmen-Projekt

Der Betrieb der Erddeponie in eigener Regie durch die Stadt Amöneburg sei wirtschaftlich sehr erfolgreich gewesen. Diese Einnahmequelle werde aus Kapazitätsgründen versiegen. Die Eventhalle und die Lodges hielten viele Amöneburger für Spinnerei. Was soll das bringen?,  fragte Florian Lerchbacher den Bürgermeister.
„Die Eventhalle ist für mich derzeit kein Thema, denn wir werden vermutlich keinen Großinvestor bekommen“, bekannte Michael Plettenberg. Dafür gebe es viele Ideen für eine sanfte Entwicklung des Gebietes für Naherholung und touristische Zwecke. Das Atmen-Projekt solle helfen, strukturelle Lücken zu schließen, die nicht zuletzt am Marktplatz entstanden seien. „Die Touristen sollen wieder zahlreicher nach Amöneburg kommen und dort auch länger bleiben“, sagte Michael Plettenberg. Dazu dienten beispielsweise die Stellplätze für Wohnmobile, die auf dem Atmen-­Gelände geplant seien.
Allein aus Gründen der Landschaftspflege sei das städtische Engagement auf der Erddeponie richtig gewesen. Ursprünglich sei dort die Aufschichtung eines spitzen Erdhügels geplant gewesen. Zudem profitiere der aktuelle städtische Haushalt von einem Überschuss aus der Deponie in Höhe von 187 000 Euro, sagte der 50-Jährige.
„Das Atmen-Projekt findet in der Bürgerschaft zu fast 100 Prozent keine Akzeptanz“, konstatierte Stefan Backhaus. Gleichwohl befürwortet der Kriminalbeamte aus Hatzbach den Ausbau des Geländes und ist mit seinen Vorstellungen gar nicht so weit von den städtischen Plänen entfernt. Er wolle das Gelände in kleinen und überschaubare Schritten als Naherholungsgebiet und für den sanften Tourismus entwickeln. Er könne sich dort Attraktionen wie einen Hochseilgarten, ein Wildgehege und einen Vogelpark vorstellen, erklärte Stefan Backhaus.
„Ich bin der Einzige, der kein Spaßkandidat ist. Ein Freizeitgebiet auf einer Erddeponie – ich fall um. Da kann man gleich eine Artilleriestellung aufbauen, falls der Russe kommt. Hauptsache, es sieht nach etwas aus“, kommentierte Rainer Wiegand das Projekt.

Finanzen

Ausgeglichene Haushalte zu haben, gilt in Amöneburg fast schon zum Gewohnheitsrecht. Gleichwohl wollte Florian Lerchbacher von den Kandidaten wissen, was sie auf der Einnahmenseite für die Stadt erreichen wollen.
Für Michael Plettenberg ist von zentraler Bedeutung, auf die Bevölkerung zu achten. Über den Einkommensteuer-Anteil stünden die Bürger für 30 Prozent der städtischen Einnahmen. Keine andere Steuereinnahme oder Zuweisung bringe einen ähnlich hohen Betrag. Deshalb müsse Amöneburg als Wohnsitz attraktiv bleiben. „Wir brauchen Neubaugebiete zur Stabilisierung der Bevölkerungszahlen. Das ist ganz wichtig“, sagte der Bürgermeister und ergänzte, dass sich auch mit kleineren Projekten Geld verdienen lasse. Allein das Areal des Atmen-Projekts sei eine Million Euro wert.
Rainer Wiegand will mit seinem Patentrezept dafür sorgen, dass Amöneburg „künftig im Geld schwimmt“. Solarthermie in kommunaler Hand soll ganz Amöneburg mit umweltfreundlicher Nahwärme versorgen. Und in einer illegalen städtischen Spielbank wird dem zahlungskräftigen Publikum das mitgebrachte Geld abgenommen.
Stefan Backhaus beklagte, dass es in der Stadt derzeit zu viele Projekte gebe, die viel Arbeit machten. Es seien deren deutlich zu viel. „Die Bürger haben den Überblick verloren“, berichtete er von seiner Wahrnehmung aus vielen Gesprächen mit Amöneburgern. Für ihn besäßen die Projekte Atmen und Marktplatzbelebung höchste Priorität.

Publikumsfragen

Der ehemalige Amöneburger Ortsvorsteher Herbert Fischer  warf dem Bürgermeister vor, die Entwicklung auf dem Marktplatz mit der Schließung des Café Kliem, des Schloßcafés, des China-Restaurants und des
Brücker Wirtshauses verschlafen zu haben. Mit einem rechtzeitigen Einhaken hätte die Entwicklung verhindert werden können. Dem widersprach der Angesprochene. Es gebe bundesweit ein Gastronomie-Sterben, das durch die Kommunen nicht beeinflussbar sei. Die Aufgabe des Café Kliems sei für Amöneburg eine Katastrophe. Aber er könne verstehen, dass die Eigentümer keine fremden Betreiber in ihrem Haus haben wollten, sagte der Bürgermeister.
Eine Besucherin wollte von Stefan Backhaus wissen, wie die von ihm propagierte Bürgerbeteiligung in der Praxis konkret aussehen werde. „Ich will bestmöglich mit den Bürgern in Kontakt kommen – auch über die Ortsbeiräte. Ich brauche Informationen aus der Bürgerschaft. Das hat für mich oberste Priorität“, sagte Backhaus, ohne auf die Frage nach dem „Wie“ zu antworten.

Die Kandidaten

Warum sind Sie der beste Bürgermeister für Amöneburg? Michael Plettenberg führte an, dass er beste Voraussetzungen für das Amt mitbringe: „Hervorragende Ausbildung, großes Fachwissen, Fleiß, Ehrgeiz, Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit, konstruktiv und zielorientiert mit den Gremien zusammenzuarbeiten.“ Sein Schlusswort: „Wählen Sie Plettenberg. Da weiß man, was man hat.“
Rainer Wiegand verwies auf seine Alleinstellungsmerkmale als einziger Partei-Kandidat und als einziger Kandidat, der noch nicht aus der SPD ausgetreten ist. Für die Bürger soll sich seine Wahl auszahlen: „Ich schaffe die Kita-Gebühren ab und zahle die Gebühren Schritt für Schritt zurück. Und ab 80 Prozent Wählerstimmen werde ich katholisch“, versprach er.
Stefan Backhaus bezeichnete das Bürgermeisteramt als Traumberuf, in dem er sich stark für die Bürger engagieren wolle. Sein Ziel sei es, in Amöneburg ein neues Wir-Gefühl und eine neue politische Kultur zu entwickeln. Außerdem wolle er sichtbare Ergebnisse vorlegen, Brückenbauer und Ansprechpartner für die Bürger sein.
Am Sonntag, 19. März haben die Amöneburger Wähler das Wort. Die OP-Wahlparty findet an diesem Tag ab 18 Uhr im Bürgerhaus Mardorf statt.

10 Fragen, 30 Antworten

von Matthias Mayer

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