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Der „Henker“ und sein Thesenanschlag

Bürgermeisterwahl Der „Henker“ und sein Thesenanschlag

Im Luther-Jahr bietet es sich an, Schriftstücke an Türen zu nageln. Meint zumindest Rainer Wiegand, der an der Amöneburger Rathaustür am Dienstag Teilzeitkunst schuf.

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Symbolisch „nagelt“ der „Hessenhenker“ Rainer Wiegand das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland an die Eingangstür des Amöneburger Rathauses.

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. "Das Grundgesetz enthält die Thesen der heutigen Zeit“, sagt Rainer Wiegand und holt einen Hammer aus der Tasche, um das  kleine Buch symbolisch an die Tür des Amöneburger Rathauses zu nageln. „Das ist ein Gleichnis“, ergänzt er und erläutert den Hintergrund seiner Aktion: „Ich möchte zeigen, dass das Grundgesetz ein verletzliches, heiliges Gut ist, das immer wieder verletzt wird.“ Zum einen kritisiert er die Einsätze der Bundeswehr: „Sie soll der Verteidigung unseres Landes dienen. Aber die Freiheit mit Einsätzen am Hindukusch zu verteidigen ist Unsinn.“ Zum anderen werde gegen den Grundsatz „alle Menschen sind gleich“ auch immer wieder verstoßen.
Das Grundgesetz blute also, interpretiert Wiegand – der diesmal allerdings darauf verzichtete, rote Farbe aus dem Loch laufen zu lassen, in dem der Nagel steckt. Bei seinem Originalwerk „Die Kreuzigung“ – das er dem Kurzzeitkandidaten Anders Arendt vermachte, damit dieser nicht am Ringen um den Chefsessel im Rathaus teilnimmt – hatte er das Blut noch symbolisch dargestellt. Diesmal aber nicht: „Ich wollte Herrn Plettenberg ja nicht die Rathaustür kaputtkleckern“, erklärt er und betont, dass sein neues genageltes Grundgesetz das wahre Kunstwerk sei. Die Version, die Arendt sein Eigen nenne, sei wertlos – und zwar allein schon deshalb, weil dieser sich nicht an die Abmachung halte und ihn im Wahlkampf unterstütze, sondern stattdessen die Facebook-Seiten vollmülle.
Doch zurück zur „echten“ Kreuzigung – die er auch schon im Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters in Marburg an die Rathaustür schlug (damals allerdings in einem unbeobachteten Moment): Das Ziel Wiegands ist es, politische Kunst zu schaffen – ganz so wie Joseph Heinrich Beuys, den er eigenen Angaben zufolge in seiner Jugend traf und auf den er beim Erläutern seiner Werke gleich mehrfach verweist: „Er protestierte mit Aktionskunst gegen die Politik – und machte so Politik.“
Ähnlich will der 59-Jährige also ebenfalls in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Und so erinnert er an eine These Beuys‘, dass jeder Mensch ein Künstler sei in der Tätigkeit, die er ausübe: „Und ich eben in der Tätigkeit, Leute zu verwirren“, erläutert die selbsternannte Kunstfigur „Hessenhenker“ – die nach eigenem Bekunden gerne provoziert, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Ein Beispiel dafür sind seine Wahlplakate, die der Hessenhenker bisher allerdings nur in seiner Wohnung zu seinem Privatvergnügen aufgehängt hat – die aber vielleicht auch noch kurz vor dem Wahltag im Stadtgebiet zu sehen sein werden.Ansonsten hält sich Wiegand in Sachen Wahlkampf eher bedeckt: „Ich besuche öffentliche Veranstaltungen – aber ich werde bestimmt nicht bei den Menschen klingeln, um sie mit meinem Wahlprogramm zu belästigen und ihnen dabei den Kuchen wegzuessen. Ich dränge mich niemandem auf.“
Nein, letztendlich hofft er, dass die Bürger seine Kunst „verstehen“ – schließlich steckten dahinter jede Menge Gedanken und Ideen: „Wir brauchen also mehr Kunst in der Politik, mehr Kunst in den Rathäusern.“
Um dies zu erläutern und gleichzeitig den Bogen zu aktuellen Themen der Amöneburger Politik zu schlagen, ruft Wiegand erneut Beuys und dessen Projekt „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ in Erinnerung: „Die Kunst bei uns wäre es, den Wald einfach wachsen zu lassen, statt surrealistische Dinge reinzubauen.“
Wählen sei übrigens auch eine Kunst, resümiert Wiegand mit Blick auf den 19. März und erklärt: „Leider merken es die Menschen immer erst hinterher, wenn etwas schiefgegangen ist.“ Doch was, wenn die Amöneburger tatsächlich ihre Stimmen so abgeben, dass der „Hessenhenker“ am Ende die meisten Stimmen auf sich vereint und er am 1. September auf dem Chefsessel des Rathauses sitzt? „Dann weiß ich, wen ich fragen muss“, meint der „Hessenhenker“.
Am Donnerstag richtet die OP ab 19 Uhr in der Mehrzweckhalle Roßdorf ein Wahlforum mit allen Kandidaten aus.

von Florian Lerchbacher

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