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Als Beobachter durch die Adventszeit

OP-Serie Als Beobachter durch die Adventszeit

Das herannahende Weihnachtsfest ist für Muslime ohne jede religiöse Bedeutung - auch wenn Jesus im Islam als einer der Prophet angesehen wird.

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Muslime beten nach Abschluss des Fastenmonats Ramadan in der Stadtallendorfer Fatih-Moschee. Das christliche Weihnachtsfest ist für Muslime bedeutungslos. Archivfoto

Stadtallendorf. Nein, Alibigeschenke hat der gläubige Stadtallendorfer Muslime Serdar Özsoy als Kind nie bekommen. Er hat auch in der muslimischen Gemeinde von so einem Fall nie gehört.

Muslime nehmen die Adventszeit aus einer Beobachterrolle wahr. Für sie ist das Christfest ohne jedwede Bedeutung. Die höchsten muslimischen Feste sind der Fastenmonat Ramadan einschließlich des Fastenbrechens und das Opferfest. „Und da kommt bei mir auch schon mal Hektik auf, wenn ich ein Geschenk für meine Frau suche“, sagt Özsoy in Anspielung auf die „vorweihnachtliche Unruhe“, die er natürlich auch Jahr für Jahr hautnah miterlebt.

Ganz an Adventsmärkten und Lichterglanz vorbeigehen können aber weder Özsoy noch sein Freund Kadir Ardic. „Natürlich mag ich auch gebrannte Mandeln“, sagt Ardic mit einem Augenzwinkern.

So gänzlich ohne religiöse Bedeutung ist Jesus im Islam allerdings nicht, wie auch der Stadtallendorfer Hodscha, der Vorbeter, Hasri Okan im Gespräch mit der OP erläutert. Jesus gilt im Islam als einer der Propheten Allahs. Die Reihe der Propheten reicht dabei von Abraham über Moses und Jesus bis zum letzten und bedeutendsten, Mohammed. „Doch Geburtstage von Propheten werden im Islam nicht gefeiert“, sagt Okan. Propheten seien im Islam auch ausschließlich Menschen, die von Allah einen besonderen, göttlichen Auftrag bekommen hätten.

Genauso, wie Stadtallendorfer Pfarrern beispielsweise zum Fastenbrechen gratulieren, will Hodscha Okan an Weihnachten auch Glückwünsche an die christlichen Gemeinden überbringen. Denn: „Unsere Religion empfiehlt uns immer Toleranz und Respekt gegenüber anderen Menschen“, formuliert Okan. Zwangsläufig kommen muslimische Kinder mit dem Christentum und ganz besonders mit dem Weihnachtsfest schon im Kindergarten und in der Grundschule in Berührung.

Mitschüler waren mitunter neidisch

Die Mutter von Kadir Ardic hat ihrem Sohn schon sehr früh den Grundsatz nahegebracht, dass Muslime eben ihre eigenen Feste hätten und er nicht neidisch zu sein brauche.

„Als Kind bin ich wiederum von meinen Mitschülern beneidet worden, wenn ich beim Opferfest oder an Ramadan mehr Taschengeld oder ein schönes Geschenk bekam“,erinnert sich der Lehramtsstudent Özsoy zurück. Ardic wurde von seiner Mutter ermahnt, während der Weihnachtsfeiertage früher mit dem Spielen im Freien aufzuhören. „Sie hat mir gesagt, dass unsere Nachbarn schließlich in Ruhe feiern wollten“, denkt er zurück. Nur einen Punkt an der Vorweihnachtszeit sieht Kadir Ardic durchaus kritisch. Er kann nicht verstehen, warum viele Geschenkartikel mit aller Gewalt vor dem Fest verteuert werden. Er fürchtet, dass dadurch auch ein wenig der Sinn des Christfestes verloren gehen könnte.

Wie verbringen die beiden die freien Festtage? Serdar Özsoy hat sich für die Feiertage seine Schwester und ihren Mann eingeladen. Beide kommen aus Heidelberg. Ansonsten hat er keine besonderen Pläne für die Tage, an denen alles ruht. Ardic hat sich darüber, wie er die freie Zeit verbringen will, noch keinerlei Gedanken gemacht.

Natürlich richten sich beide beim Jahreswechsel nach dem in Deutschland üblichen Kalender. Im islamischen Mondkalender fand der Jahreswechsel vor rund drei Wochen statt. Er verlief völlig unaufgeregt und ohne Feiern für die Stadtallendorfer Muslime.

Ardic kann der Art, wie in Deutschland der Jahreswechsel begangen wird, dabei nicht viel abgewinnen. Er empfindet das Feiern am Silvesterabend als zwanghaft.

von Michael Rinde

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