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Alles da - nur kein Kuli

Gang über den Neujahrsmarkt Alles da - nur kein Kuli

Im Nebel sind die Gestalten, die am Freitagmorgen in Kirchhain stadtauswärts laufen, nur schemenhaft zu erkennen. Woher sie kommen verraten die ­Taschen, die sie in beiden Händen mit sich schleppen.

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Alles muss raus! An einige Textilständen hatte der Neujahrsmarkt Schlussverkauf-Charakter. Alle Fotos: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Kirchhain. Sie sind schwer beladen – nicht mit den Schätzen des Orients, sondern mit all dem, was der Kirchhainer Neujahrsmarkt seinen ersten Besuchern bei minus vier Grad zu bieten hat.

Neujahrsmarkt Kirchhain.

Foto: Tobias Hirsch

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Bis zum Mittag wird es die Sonne nicht schaffen, den Nebel über der Stadt und damit auch die Kälte zu vertreiben. Wer sich nicht passend angezogen hat, kann schon am Bahnhof nachrüsten. Ein großer Stand offeriert dicke Wollmützen, nebenan gibt es mit Lammfell gefütterte Hausschuhe – und Socken. Stützstrümpfe, Thermosocken, Diabetikersocken, Sportsocken, Socken mit Gummi, Socken ohne Gummi, Luxussocken, ABS-Socken . . .

Gegenüber bietet ein Schuhhändler aus Pirmasens Winterschuhe in allen Ausprägungen. „Immer kaufen, Ihr Leut‘, ich brauch‘ Geld! Immer raus mit der Kohle“, ruft der Pfälzer und macht deutlich, worum es jedem Händler geht: Geld.

Ehrenbürger Willibald Preis verschenkt Geld

Der Einzige, der an diesem Tag Geld verschenkt, ist der Kirchhainer Ehrenbürger Willibald Preis. Er bringt den Glückspfennig der Kirchhainer CDU unter die Passanten und die Händler, immer verbunden mit dem Dank fürs Kommen und dem Wunsch, auch im nächsten Jahr am Neujahrsmarkt teilzunehmen. Ein Ehrenbürger, der der Stadt zur Ehre gereicht.

Wenige Schritte weiter begegnet der Besucher einem vermeintlichen Phantom: Den Gemüsehobel Nicer Dicer, den zu nächtlicher Stunde ein solariengebräunter Koch in Endlosschleife auf Shopping-Kanälen anpreist, gibt es wirklich! Ein Propagandist führt dem zahlreichen Publikum vor, wie man mit diesem Teil eine Karotte derart atomisieren kann, dass sie sich lutschen lässt. Das Ganze gibt‘s im Set für 50 Euro. Frau schlägt zu und kauft. Mann schaut zu und staunt. Im Interesse der Mitbewerber sei gesagt: Es gibt jetzt auch formschöne Gemüsehobel in Trichterform und den ­Ultra-Schaber, die an der Gemüsehobel-Front auch ihre Käufer(innen) fanden.

Zu den Profiteuren des kalten Winterwetters gehören die TSV-Handballer und die Einsatzkräfte des zweiten Zugs der Freiwilligen Feuerwehr Kirchhain mit ihren Glühweinständen. Die sind schon lange vor dem Eintreffen der Partyfraktion dicht umlagert. Auch die Käuferfraktion braucht innere Wärme.

Gardinen Bender ist dienstältester Beschicker

Und dann gibt‘s natürlich die Klassiker. Ohne Wela-Suppen geht‘s nicht, und der Anhänger voller Reißverschlüsse ist natürlich auch wieder da. Wer viel Zeit zum Suchen hat, der findet das passende Stück für 50 Cent. Händler mit und ohne Vorwerk-Lizenz machen Kunden aus dem grün-weißen Staubsauger Universum glücklich, indem sie drei Ersatzteile zum Preis von zwei verkaufen.

Wer nie fehlen darf: Gardinen Bender, der dienstälteste Beschicker des Kirchhainer Neujahrsmarkts. Truck und Marktstand des Velberter Unternehmens beherrschen die ganze Stirnseite des Parkplatzes Brießelstraße. Kein Stand ist größer, und das hat seinen guten Grund: Schauleute sind hier in der Minderheit. Es wird gekauft. Und wie. Gern gehen auch mal 20 Meter Stoff auf einen Streich über den Verkaufstresen.

Der Neujahrsmarkt hat wieder fast alles geboten – vom Pferdebalsam bis zum chinesischen Gong zum Preis von 1399 Euro. Nur nach einem Kuli hält der Chronist vergeblich Ausschau. Den hätte er gut gebrauchen können, denn sein Schreib­gerät fror schon nach einer halben Stunde ein.

von Matthias Mayer

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