Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Alkohol, Beleidigung, Schläge

Treffen unter Kollegen eskalierte Alkohol, Beleidigung, Schläge

Es sollte ein gemütlicher Pokerabend unter Kollegen werden, doch letztlich lief der Abend vollends aus dem Ruder, und das brachte den Gastgeber vor Gericht.

Voriger Artikel
Der Ausländerbeirat ist zurück
Nächster Artikel
In zwei Chören singen vier Generationen

Chips liegen auf einem Pokertisch. Eine private Pokerrunde unter Kollegen endete mit einer handfesten Auseinandersetzung. Themenfoto: dpa

Quelle: Ym Yik

Kirchhain. Der 23-jährige Arbeiter hatte am 17. Januar dieses Jahres erstmals einen 29-jährigen Kollegen zu sich nach Hause eingeladen. Gemeinsame Verabredung: Jeder besorgt für diesen Abend eine Flasche Whiskey. Die übersichtliche To-do-Liste zeichnete den späteren Verlauf des Pokerabends präzise vor. Und ein Stück weit auch dessen strafrechtliche Aufarbeitung durch das Kirchhainer Amtsgericht. Suffgeschichten lassen sich nur selten mit den Instrumentarien der Strafgerichtsbarkeit restlos aufklären. Und dass es sich um eine Suffgeschichte handelte, zeigten gerichtsfest die von der Polizei in den frühen Morgenstunden festgestellten Promillewerte: Der angeklagte Gastgeber brachte es auf 1,01 Promille, der Gast sogar auf 1,86.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Angeklagten vor, gegen 0.45 Uhr in einer Gastarbeiter-Unterkunft seinen Gast zweimal grundlos geschlagen und dessen Handy entwendet und auf dem Dachboden des Hauses versteckt zu haben. Das stritt der Angeklagte entschieden ab.

Er sagte aus. Und wie. Fast eine Stunde benötigte der ernst und introvertiert wirkende Angeklagte, um die Geschehnisse des multikulturellen Pokertreffens mit romanhafter Detailversessenheit vor dem unter Vorsitz vom Joachim Filmer tagenden Gericht auszubreiten.

Im Zeitraffer lässt sich die Schilderung des Mannes so wiedergeben: Die frohe Runde pokert vor sich hin und spricht dem Alkohol zu. Je weiter die Zeit fortschreitet, um so mehr aggressive Tendenzen zeigt der geladene Gast. Er bezeichnet den Schwager des Gastgebers als „meine polnische Schlampe“ und einen Hassan nennt er „türkische Schlampe“. Der 29-jährige entschuldigt sich für seine Ausdrucksweise und erklärt, dass seine Worte nur scherzhaft gemeint seien. Die Runde spielt weiter, aber die Gespräche drehen sich noch länger um diese Beleidigungen, so die Aussagen des Angeklagten.

Gegen Mitternacht bekommt der Gastgeber einen Anruf von einem Bekannten aus der besagten Gastarbeiter-Unterkunft. Dieser lädt zu einer privaten Feier ein. Die Runde verlässt die Wohnung. Auch der 29-Jährige kommt mit zu der Party, obwohl der Gastgeber darüber nicht sonderlich begeistert ist. Und das liegt nach seinen Aussagen nicht nur daran, dass der Gast entgegen der Verabredung keinen Whiskey mitgebracht hat. Dagegen nimmt der Gastgeber seine noch nicht geleerte Flasche mit.

Die Party findet in der Küche der Unterkunft statt. Alsbald ist der 29-Jährige aus dieser verschwunden. Die Umstehenden fordern den Angeklagten auf, seinen Gast zu suchen. Sie vermuten diesen in einem Zimmer, in dem „drei bis vier Mädels“ nächtigen. Der Angeklagte trifft den Gesuchten in dem Zimmer an - auf einem oberen Etagenbett sitzend. Zunächst gilt sein Streben dem Verbleib seiner verschwundenen Whiskey-Flasche. Er findet sie versteckt hinter einem Sessel. Das Interesse an der Flasche ist nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich m ein hochwertiges Destillat aus Tennessee, das dem Stones-Gitarristen Keith Richards über Jahrzehnte den Alltag verschönt. Und seiner auch an härtere Sachen gewöhnten Hochleistungsleber - Brown Sugar, how come you taste so good - reichlich Arbeit bescherte.

Erst der Schnaps, dann der Gast. Den knöpft er sich nun vor, fordert ihn auf, das Zimmer zu verlassen. Der weigert sich. Es kommt zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Beide gehen zu Boden, prügeln aufeinander ein, wobei beide gehörig einstecken, so der Angeklagte. Schließlich wird der handfeste Zwist auf dem Flur fortgesetzt, ehe die Streithähne getrennt werden.

Der 29-Jährige telefoniert seinen Bruder und seine Frau herbei. Dann vermisst er zunächst seine Brille, die sich später in der Jackentasche findet, und das Handy. Der Bruder des 29-Jährigen ruft die Nummer des vermissten Telefons an. Es klingelt in der Jackentasche des Angeklagten. Der Angeklagte behauptet, dass sein Telefon klingele, weigert sich aber, das Gerät zu zeigen. Wie dieses später von der Polizei auf dem Dachboden gefunden werden konnte, wusste er dem Gericht nicht zu erklären.

Der Geschädigte erwies sich im Zeugenstand als Gegenentwurf zum Angeklagten. Er trat locker und lebensfroh auf, zeigte keinerlei Belastungstendenzen. Er räumte die Beleidigung ein und gab sich eine Teilschuld an der Eskalation. „Zu so einem Streit gehören immer zwei“, sagte er auf Frage des Gerichts. Er sei am Tag nach der Tat auf Wunsch des Angeklagten auch zur Polizei gegangen, um seine Anzeige zurückzuziehen. Das sei nicht mehr möglich gewesen, erklärte der Zeuge.

„Wünschen Sie eine Bestrafung des Angeklagten?“, fragte Joachim Filmer. „Er soll mich nur in Ruhe lassen“, antwortete der Zeuge. Er meide jeden Kontakt zu seinem Kollegen, arbeite heute in einer anderen Schicht und wolle mit dem Angeklagten nichts mehr zu tun haben, ergänzte er.

Nach dieser Aussage erscheint das angeklagte Tatgeschehen in einem anderen Licht. Der Richter regte eine vorläufige Einstellung des Verfahrens nach § 153a der Strafprozessordnung an. Auflage für den Angeklagten: Er muss 200 Euro an den Geschädigten bezahlen. Damit sind aber auch alle Ansprüche des Geschädigten abgegolten. Staatsanwaltschaft und Verteidigung stimmten dem Vorschlag zu. Womit zumindest der Rechtsfrieden wieder hergestellt wäre.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr