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Ärztin überrascht den Richter mit ihrer Aussage

Gericht Ärztin überrascht den Richter mit ihrer Aussage

Am Morgen des dritten Prozesstages in der Sache gegen einen mutmaßlichen Vergewaltiger verkündete Richter Christ zuallererst eine wichtige, wenngleich wenig überraschende Nachricht.

Stadtallendorf. Die Hauptverhandlung werde wie geplant fortgeführt, berichtete Gernot Christ aus einer nicht öffentlichen Erörterung, mit der der zweite Verhandlungstag beendet worden war. Verteidiger Sascha Marks hatte um eine Aussprache gebeten und darüber hinaus das Ende der Beweisaufnahme angeregt - es seien keine Beweismittel in den folgenden Tagen zu erwarten, argumentierte er. Die erste Strafkammer des Landgerichts sah das anders und schritt an Tag drei mit der Vernehmung weiterer Zeugen voran.

Doch in der Tat gestaltet sich die Aufklärung der Anklagevorwürfe recht schwierig. Ein 27-jähriger Ex-Stadtallendorfer soll seine frühere Freundin im Herbst 2010 zweimal zum Sex gezwungen und sie knapp ein Jahr später am Bahnhof in Marburg belästigt haben (die OP berichtete). Der Beschuldigte bestreitet diese Taten. Geladen waren nun unter anderem die Polizeioberkommissarin, die den Angeklagten und die mutmaßliche Geschädigte damals vernommen hatte, sowie eine Psychologin, der sich die Frau in einem einmaligen Gespräch anvertraut hatte.

Während der Befragungen traten gleich zwei generelle Dilemmata des Falls zutage: Zum einen liegen die angeführten Ereignisse schon einige Jahre zurück - beide Zeuginnen konnten sich deshalb nur noch dunkel an die Schlüsselmomente erinnern. Wichtige Erkenntnisse - zum Beispiel, ob die Nebenklägerin ihrer Psychologin einmal von sexuellen Gewalttaten erzählt hat oder nicht - blieben daher aus. Zum anderen wird die Aufklärung von dem Umstand erschwert, dass es für die vermeintlichen Taten keine Augenzeugen gibt.

Zeugen können sich besser erinnern

Doch im Verlauf des dritten Prozesstages traten auch Zeugen auf, die sich besser erinnern. „Für mich war es ein besonderer Fall. So etwas ist mir in meiner beruflichen Laufbahn noch nie passiert“, sagte eine Marburger Ärztin, bei der die stark untergewichtige Nebenklägerin im Frühjahr 2011 in Behandlung war. „Die Frau hat mir von den sexuellen Übergriffen berichtet, dass sie gezwungen wurde zum Verkehr“, fuhr die Medizinerin fort.

Richter Christ war von dieser Aussage ein wenig verwundert, denn bei der polizeilichen Vernehmung hatte sie noch das Gegenteil gesagt - also, dass sie von Vergewaltigung nichts wisse. „Ich meine, mich zu erinnern, dass sie mir davon erzählt hat“, ergänzte die Ärztin - die die Geschädigte am Ende in die Psychiatrie eingewiesen hatte.

Ein Psychotherapeut, der später in vielen Sitzungen mit der Frau an deren Angstzuständen arbeitete, ergänzte, der Angeklagte habe sich während der Beziehung sexuell aufgedrängt. Von Gewalt oder Nötigung sprach er allerdings nicht. „Ich hatte den Eindruck, der Lebensgefährte wollte sie unter Kontrolle haben“, bilanzierte er, „sie sollte grundsätzlich das machen, was er sagte.“ Deshalb habe der Angeklagte seine Ex-Freundin häufig bedrängt, bedroht, verfolgt und sogar in der Wohnung eingeschlossen.

Dass der Angeklagte der Tonangeber der Beziehung war, bestätigte schließlich eine Mitarbeiterin des Jugendamts. In den ersten Monaten seines Zusammenlebens war das Paar zu der Pädagogin gekommen und erzählte von Schlägen, mit denen der Vater der Nebenklägerin seine Tochter regelmäßig traktiert haben soll - die es aber scheinbar nie gab. Die Aussagen machte der Mann, während die schüchterne Frau meist schwieg. „Der Angeklagte hat dominiert während der Gespräche. Er war ganz klar der Wortführer“, sagte die Pädagogin, die die 26-Jährige wegen dieser Gespräche damals zu Pflegeeltern gebracht hatte. Der Angeklagte selbst behauptet derweil, die Frau sei aus freien Stücken zum Jugendamt gegangen.

Am Freitag wird die Verhandlung fortgesetzt.

von Yanik Schick

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