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Absurd und zudem ausgedacht

Absurd und zudem ausgedacht

Zwei Dinge sprachen in besonderer Hinsicht gegen den Jugendlichen auf der Anklagebank: Er war gerade erst einschlägig verurteilt worden, und er tischte einen fast absurden Tathergang auf.

Stadtallendorf. Nach etwa 30 Minuten laufender Hauptverhandlung unterbrach Verteidiger Stefan Adler plötzlich die Ausführungen des Angeklagten. Er bat in Richtung des Richters Thomas Rohner um eine kurze Unterbrechung. Die brauchte es auch dringend, denn sein 17-jähriger Mandant hatte sich beinahe um Kopf und Kragen geredet.

Was genau war am Morgen des 3. Mai am Tatort, also an der Ecke Elzerain/Chemnitzer Straße in Stadtallendorf, geschehen? Richter Rohner bat den jungen Angeklagten, die Vorfälle aus seiner Sicht zu schildern. Und so berichtete der junge Mann davon, wie er gemeinsam mit seinem Mitangeklagten, einem 26-jährigen Stadtallendorfer, die Nacht durchfeiert und dabei eine Menge Joints rauchte. Um zehn Uhr morgens schließlich „sind wir die Straße runtergelaufen, und da war halt diese Frau“, erinnerte sich der 17-Jährige. Mit „Frau“ zielte er auf das spätere Opfer ab. So weit, so glaubwürdig.

Doch dann fuhr der Angeklagte fort: „Auf einmal hat er (der Mitangeklagte, d. Red.) ein Messer gezogen und mich bedroht. Ich sollte der Frau die Handtasche klauen, ansonsten würde er mir die Organe rausschneiden. Ich hatte Angst.“

Von dieser doch recht heftig klingenden Drohung hatte der 17-Jährige der Polizei nichts erzählt und seinem Verteidiger wohl auch nicht, denn der regte erst einmal eine fünfminütige Pause an, um sich mit dem Angeklagten zu beraten. Nach der Rückkehr in den Verhandlungssaal gab Stefan Adler zu: „Der Ablauf hat mich jetzt doch etwas verwundert.“ Er und der Angeklagte korrigierten die ursprünglichen Aussagen folglich ein wenig und versuchten, der Geschichte ihre eigenartige Dynamik zu entziehen. „Es war wohl so, dass der andere irgendwie mit dem Messer rumgefuchtelt hat, und davon hat mein Mandant Angst bekommen“, so der Verteidiger.

Wie dem auch sei: Das Duo entschloss sich, die Frau zu bestehlen und näherte sich dem Opfer von hinten. Kurz vor dem entscheidenden Moment sei der Jüngere der beiden jedoch zur Besinnung gekommen und zurückgeschreckt. Der 26-Jährige habe die Handtasche an sich gerissen, und beide seien davongerannt. „Er wollte irgendwas mit der EC-Karte machen, ich habe nur die 30 Euro aus dem Geldbeutel genommen und bin dann weg“, sagte der Minderjährige.

Sein Mitangeklagter wies alle Behauptungen von sich. Er betonte: „Ich war nicht dabei. Ich hatte im Gegensatz zu meinem Bruder nicht einmal Kontakt zu ihm.“ Warum der 17-Jährige ihn derart beschuldige, könne er sich nicht erklären. „Ich habe hin und wieder geschimpft, dass er ein schlechter Umgang ist und meinen Bruder nicht beeinflussen soll. Vielleicht hat er einen innerlichen Hass entwickelt“, mutmaßte der arbeitslose Mann. Zudem gab ihm seine damalige Lebensgefährtin ein Alibi: „Er war bei mir. Ich habe ihn an diesem Tag erst abends gegen 21.30 Uhr zu seiner Wohnung gefahren.“ Dementsprechender Handy-Schriftverkehr der beiden untermalte diese Aussage.

Für das Jugendschöffengericht um den Vorsitzenden Rohner kam Licht ins Dunkel. Es sprach zunächst einmal den 26-Jährigen frei. „Es ist gut möglich, dass er bei der Tat dabei war. Aber die Aussagen standen gegenüber. Und so glaubwürdig war das, was der andere Angeklagte gesagt hat, nicht.“ Auf die Äußerungen des „etwas verwirrten“ Opfers hätte das Gericht hingegen nicht zurückgreifen können. Der 17-Jährige, der vor einem Monat vom Landgericht wegen gemeinschaftlichen Raubes zu einem Jahr und neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden war, bekam den Diebstahl der Handtasche ebenso angerechnet wie zwei Delikte im April, als er vom Konto seiner unwissenden Schwester je 100 Euro abgehoben hatte. Er steht nun für zwei Jahre auf Bewährung.

von Yanik Schick

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