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50 Jahre alter Brief löst Reaktionen aus

Niederklein 50 Jahre alter Brief löst Reaktionen aus

Die OP-Berichterstattung über den Brief des früheren Niederkleiners Julius Stern aus den 60er-Jahren war für einige Niederkeiner ein Grund, sich selbst mit dessen Geschichte zu befassen.

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Auf dem jüdischen Friedhof im damaligen Allendorf wurden ab 1920 auch Verstorbene aus Niederklein beigesetzt. Das kleine Foto zeigt die Eltern von Julius Stern, Meier Stern II und seine Frau Paula. Das Bild hat Tobias Koch zwischenzeitlich von einem Niederkleiner erhalten. Fotos: Michael Rinde/privat

Niederklein. Der Jude Julius Stern war wie sein Bruder Ernst in die USA ausgewandert. Ende September 1963 schrieb Julius Stern an die Niederkleiner Bürger, forderte sie dazu auf, die Ereignisse der NS-Zeit nicht zu vergessen. Eine Antwort hat er augenscheinlich nie erhalten. Niederkleins Ortsbeirat will diese Antwort nachholen und zugleich eine Gedenktafel für ermordeten und aus ihrer Heimat vertriebenen Niederkleiner Juden errichten (die OP berichtete).

Der Amöneburger Historiker Dr. Alfred Schneider wunderte sich am vergangenen Wochenende nach der Lektüre des OP-Berichts über die Tatsache, dass jener Brief von Julius Stern in Niederklein weitgehend unbekannt geblieben ist. Schneider selbst war auf eben jenen bemerkenswerten Brief bei Recherchen für sein Buch „Die jüdischen Familien im ehemaligen Kreise Kirchhain“ gestoßen und zwar auch im Stadtallendorfer Stadtarchiv. Wann genau das war, weiß Schneider heute nicht mehr. Er hat 30 Jahre an dem im Jahr 2006 erschienenen Buch gearbeitet. In diesem Buch ist auch eine Abschrift jenes Briefes von Julius Stern an die Niederkleiner Bürger abgedruckt, neben anderen Quellen. „Ich habe den Brief seinerzeit auch einigen Niederkleinern gezeigt, keiner wusste davon“, sagte Schneider gegenüber der OP. Auch ihm ist nichts davon bekannt, dass es auf jene Zeilen jemals eine offizielle oder auch eine private Antwort aus Niederklein gegeben hat. Julius Stern verlor während der NS-Zeit seine Eltern Meier Stern II und Paula. Sein Vater nahm sich im Marburger Gefängnis das Leben, seine Mutter wurde im KZ Theresienstadt 1942 ermordet.

Sozialversicherungsnummer von Stern bekannt

Jener Brief wurde auch anderen jüdischen Familien in den USA und Israel durch dieses Buch bekannt. Schneider hat Exemplare dorthin verschickt. Für sein Buch hat der Amöneburger Historiker die Herkunft und die Stammbäume zahlreicher jüdischer Familien recherchiert und in seinem Werk veröffentlicht.

Auf den OP-Bericht hat Tobias Koch vom Ortsbeirat Niederklein bereits einige Rückmeldungen erhalten. „Drei Niederkleiner haben sich bei mir gmeldet, die ihrerseits bereits mit Recherchen zu Julius Stern begonnen hatten“, sagte Koch gestern beim Gespräch mit der OP. So gibt es ein konkretes Angebot für Recherchehilfe, um die Nachkommen von Julius Stern zu ermitteln. Tobias Koch kennt zwischenzeitlich die Sozialversicherungsnummer von Julius Stern in den USA. Damit sind weitere Recherchen erst möglich geworden. So scheint inzwischen klar, dass der am 25. November 1905 geborene frühere Niederkleiner Stern bereits am 1. Januar 1976 verstorben ist. Julius Stern war, so berichtet Tobias Koch, verheiratet und hatte einen Sohn mit Namen Harold. Besonders interessant ist auch, dass Julius Stern vielleicht schon im Jahr 1923 in die USA auswanderte. Auch darauf gibt es klare Hinweise, wie Koch erfahren hat. Bisher ist davon ausgegangen worden, dass Julius Stern wie sein Bruder Ernst erst 1936 emigrierte.

Alle diese Informationen müssen nun noch gegenrecherchiert werden. Doch bieten sie die Möglichkeit, gezielt nach weiteren Angehörigen zu suchen.

Mut macht Tobias Koch die unerwartete Resonanz. „Ich babe bisher nur positive Rückmeldungen auf das Anliegen des Ortsbeirates bekommen“, resümiert er vier Tage nach Erscheinen des OP-Berichts. Eine Arbeitsgruppe soll sich in den nächsten Wochen mit der Antwort und weiteren Recherchen befassen. Der Ortsbeirat wie auch Pfarrer Peter Bierschenk möchten die Gedenktafel gerne am Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege neben der Kirche errichten.

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