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46-Jähriger gesteht und bedauert

Prozess 46-Jähriger gesteht und bedauert

Das Verfahren gegen einen 46 Jahre alten Marokkaner wegen des Vorwurfs des versuchten Mordes nahm am Dienstag eine nicht erwartete Wendung. Wann das Verfahren fortgesetzt wird, steht noch nicht fest.

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Ein Justizbeamter nimmt dem Angeklagten im Beisein von Anwalt Gerhard Wiegand die Handschellen ab.

Quelle: Nadine Weigel

Stadtallendorf. Seit Anfang April befindet sich der 46-Jährige in Untersuchungshaft. Am Dienstag äußerte er sich, unterstützt von einem Dolmetscher, erstmals ausführlich über die Tat und ihre Hintergründe aus seiner Sicht. Nach der Entscheidung der 6. Strafkammer, zunächst ein psychiatrisches Gutachten zur Schuldfähigkeit erstellen zu lassen, gab es keine weiteren Aussagen mehr. Das Opfer, der Schwager des Angeklagten, wie auch dessen Frau, hätten am Dienstag eigentlich ebenfalls noch gehört werden sollen.

Die Verlesung der Anklage wie auch die ausführlichen Äußerungen des Angeklagten vor der Strafkammer verschafften gestern darum nur einen ersten Eindruck von dem, was sich vor Monaten in Stadtallendorf ereignet hatte: Am 3. April stach der Angeklagte nach seiner Darstellung auf einem Parkplatz in der Chemnitzer Straße seinem 45-jährigen Schwager in den Rücken. Der erlitt zunächst lebensbedrohliche Verletzungen an Leber, Lunge und Zwerchfell.

In der von Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier verlesenen Anklage war gestern auch von einer folgenden weiteren Auseinandersetzung zwischen beiden die Rede. Dabei soll der 46-Jährige seinem Schwager auch noch einen Kopfstoß versetzt haben, durch den das Nasenbein des 45-Jährigen brach.

Schwager "wie ein Bruder"

Doch an das, was sich nach dem Stich mit einer 20 Zentimeter langen Klinge abspielte, konnte sich der 46-Jährige gestern nicht mehr erinnern. Als weitere Zeugen, darunter die Frau des Opfers, hinzukamen, sei er in seine Wohnung gegangen und habe dort auf die Polizei gewartet. „Ich wusste als ich zustach schon, dass das ein Fehler war“, erklärte der Angeklagte vor Gericht. Er ist Vater einer zwei Jahre alten Tochter und eines siebenjährigen Sohnes. Seine beiden Kinder sah der 46-Jährige gestern zumindest in den Verhandlungspausen.

Was hatte ihn dazu gebracht, zuzustechen? Diese Frage richteten sowohl der Vorsitzende der Strafkammer, Dr. Carsten Paul, wie auch Staatsanwältin Brinkmeier in unterschiedlicher Form an den Angeklagten. Laut seinen Aussagen und einer von ihm unterschriebenen „Verteidigererklärung“ war es vor der Tat insgesamt drei Mal zu „nicht einvernehmlichem Geschlechtsverkehr“ gekommen, sprich, der Schwager soll die Frau des Angeklagten zum Sex gezwungen haben. Nach seiner Aussage hat der Angeklagte dies drei Tage vor der Tat erfahren. Unter Tränen habe seine Frau ihm davon erzählt.

Er habe das zunächst nicht glauben können, erklärte der Angeklagte. Sein Schwager sei bis dahin „wie ein Bruder für ihn gewesen“, habe sehr viel für ihn und seine Familie getan.

Nach der Tat an Kinder gedacht

Die Tat ereignete sich dann vor einem Auto, das das spätere Opfer gemeinsam mit dem Angeklagten reparieren sollte. Als der 46-Jährige nach eigenen Aussagen seinen Schwager auf die Vorwürfe seiner Frau ansprach, soll dieser mit Beleidigungen geantwortet haben. „Zu den Vorwürfen hat er weder Ja noch Nein gesagt“, erklärte der Angeklagte. Danach, so erinnerte sich der 46-Jährige vor Gericht, sei er zurück in die Wohnung gegangen, um eine Zange zu holen. Dabei brachte er das Messer aus der Küche mit, er versteckte es zunächst im Ärmel.

Was sich dann im Einzelnen auf jenem Parkplatz abspielte, das ließ sich in der gestrigen Verhandlung nur teilweise erörtern. Denn der Angeklagte betonte immer wieder, dass er sich nicht mehr an die Einzelheiten erinnere. „Ich war nicht normal im Kopf“, erklärte er über seinen Dolmetscher. Es kam aber schließlich zu jenem verhängnisvollen Stich in die rechte Rückenseite. Er bedauere seine Tat, habe gleich danach auch an seine Kinder gedacht, sagte der Familienvater wiederholt während seiner Aussage.

Im Dezember vergangenen Jahres kam der 46-Jährige mit seiner Familie aus Italien nach Deutschland. Dort hat er mehrere Jahre gelebt und als Maurer gearbeitet. Wie lange es nun bis zu einer Fortsetzung des Verfahrens dauert, ist nicht abzusehen. Zunächst muss ein Sachverständiger gefunden werden, der das Gutachten erstellt.

von Michael Rinde

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