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13 Sekunden Schutz reichten nicht

Amtsgericht 13 Sekunden Schutz reichten nicht

Ein schrecklicher Unfall hat am Mittag des 19. Mai 2012 zwei Familien unglücklich gemacht. Ein 72-Jähriger wurde getötet, dessen 74-jährige Ehefrau schwer verletzt.Das Entsetzen hält noch immer an.

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An dem mit einer Ampel gesicherten Fußgängerüberweg (im Hintergrund) erfasste am 19. Mai 2012 eine Fahranfängerin ein älteres Ehepaar.

Quelle: Archivfoto: Michael Hoffsteter

Stadtallendorf. Das wurde am Freitagmorgen bei der strafrechtlichen Aufarbeitung des Unfallgeschehens deutlich, die vor dem Kirchhainer Jugendgericht stattfand. Auf der Anklagebank kauerte mit verweintem Gesicht die zur Tatzeit 18 Jahre alte Unfallverursacherin, auf der Nebenklägerbank verfolgten die Familienangehörigen der beiden Opfer gefasst, aber mit versteinerten Gesichtszügen die Verhandlung.

Was war geschehen. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme befand sich das Rentner-Ehepaar nach dem Samstagseinkauf am Mittag des 19. Mai auf dem Heimweg in Richtung „Altes Dorf“ von Stadtallendorf. Der Ehemann betätigte den Knopf der Fußgängerampel an der Hauptstraße. Bei „Grün“ gingen die Eheleute los - langsam, denn die Ehefrau war auf einen Rollator angewiesen. Von rechts näherte sich die aus dem Ostkreis stammende Fahranfängerin im Auto ihrer Eltern. Kurz bevor die Eheleute praktisch vor ihrer Haustür den gegenüberliegenden Bürgersteig erreicht hatten, wurden sie von dem Auto erfasst. Wie Unfallzeugen damals gegenüber der OP gesagt hatten, flogen die alten Leute meterweit durch die Luft.

Der Ehemann wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Uniklinikum gebracht, wo er am nächsten Tag seinen schweren Verletzungen erlag. Die Ehefrau landete mit einem gebrochenen Bein und inneren Verletzungen für zwei Monate in der Klinik; allein drei Wochen verbrachte sie auf der Intensivstation. Bis zum heutigen Tag leidet sie unter Schmerzen, kann nicht mehr eigenständig laufen. Dazu kommt: Von der Haftpflichtversicherung der Unfallverursacherin hat die Familie der Opfer noch keinen Cent gesehen.

Weder das überlebende Opfer noch die Unfallverursacherin hatten gestern im Gerichtssaal eine Erinnerung an das eigentliche Unfallgeschehen. Die angeklagte Schülerin sagte, dass sie sich nur noch daran erinnere, dass sie auf der Hauptstraße Richtung Altes Dorf unterwegs gewesen sei und dass die Ampel „Grün“ gezeigt habe.

So kam dem von Jugendrichter Joachim Filmer verlesenen Gutachten entscheidende Bedeutung zu. Der Gutachter hatte eine Aufprallgeschwindigkeit von 50 km/h und einen Anhalteweg des Pkw von 19 Meter ermittelt. Die Grünphase der Fußgängerampel dauert lediglich sieben Sekunden. Nach weiteren sechs Sekunden schaltet die Ampel für den Straßenverkehr auf Grün. Die Schutzphase für die Fußgänger sei mit nur 13 Sekunden für das Ehepaar möglicherweise zu kurz gewesen, sagte Jugendrichter Joachim Filmer mit Blick auf die Tatsache, dass sich das im Gerichtssaal anwesende, überlebende Opfer nur sehr langsam habe bewegen können. Die Staatsanwältin beantragte gegen die Schülerin eine Verurteilung wegen einer fahrlässigen Tötung in Tateinheit mit einer fahrlässigen Körperverletzung. Verantwortlich für den Unfall sei ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, wie er jedem Verkehrsteilnehmer mal passiere. Nur seien die Folgen in diesem Fall dramatisch. Das Strafrecht habe keine geeigneten Mittel, derartig schwerwiegende Folgen zu sühnen, sagte die Staatsanwältin und beantragte, die Schülerin zu einer Teilnahme an einem Verkehrsseminar zu verurteilen.

Der Anwalt der Nebenkläger sprach von einem unmöglichen Unfallgeschehen. Es sei unmöglich, die von links kommenden Fußgänger zu übersehen. Und es sei unmöglich, auf dem kurzen Stück zwischen einer scharfen Rechtskurve bis zu dem Fußgängerüberweg auf Tempo 50 zu kommen. Dies bestätigte gestern ein Test der OP-Redaktion: Nach zügigem Beschleunigen im 2. Gang auf den 45 Metern zwischen Scheitelpunkt der Kurve und Fußgängerüberweg zeigte der Digitaltacho am Überweg 42 km/h an. Ohne eine erhebliche Ablenkung durch Bedienen eines Radios oder eines Handys sei der Unfall nicht denkbar. „Dass dies durch ein Verkehrsseminar erledigt sein soll, halte ich nicht für ausreichend“, sagte der Anwalt.

Das Strafmaß sei für seine Mandantin nicht entscheidend, erklärte der Verteidiger, der sich dem Antrag der Staatsanwältin anschloss. Sie leide noch immer an dem Unfallgeschehen, habe sich bei der Familie des Opfers schriftlich entschuldigt.

Das Gericht verurteilte die junge Frau wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung zu 30 Stunden gemeinnütziger Arbeit und der Teilnahme an einem Verkehrsseminar.

von Matthias Mayer

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