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Zu Stolpersteinen gibt es jetzt Gesichter

Gedenktafel für jüdische Mitbürger Zu Stolpersteinen gibt es jetzt Gesichter

Hans Junker hat die Geschichte der jüdischen Mitbürger in Bürgeln aufgearbeitet. Das Ergebnis sind 13 Stolpersteine und eine Gedenktafel, die an deren Schicksale erinnern.

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Bürgermeister Volker Carle, Initiator Hans Junker und Ortsvorsteher Jörg Block enthüllen die Gedenktafel.

Quelle: Schaub

Bürgeln. „Ihr seid nicht dafür verantwortlich, aber dafür, dass so etwas nie wieder hier passiert.“ Das sind die Worte eines KZ-Überlebenden, mit dem der Bürgelner Hans Junker einmal gesprochen hat.

Eine Methode, Menschen der nachfolgenden Generationen diese Botschaft begreiflich zu machen, ist die, an jene Menschen, die dem Nazi-Terror zum Opfer fielen, zu erinnern. Nicht nur in Zahlen, sondern ganz konkret mit Namen und Fotos. So sieht das auch Cölbes Bürgermeister Volker Carle: „Wenn Zahlen zu groß werden, werden sie auch nicht mehr fassbar. Mich interessieren immer die Individuen, die diese Zahl ausmachen. Die Einzelschicksale, die einem das vor Augen führen, was damals geschehen ist.“ Das sagte Carle anlässlich der Präsentation einer Gedenktafel für jüdische Mitbürger, die bis 1933 fest in das Dorfleben von Bürgeln integriert waren.

Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz

Diese Gedenktafel hängt nun im Foyer der Mehrzweckhalle. Enthüllt wurde sie am Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz. Carle regte an, sich künftig immer an diesem Tag im Jahr bewusst die Zeit zu nehmen, sich für eine Stunde an der Gedenktafel zu treffen, um dann nach einer inneren Einkehr in aller Stille wieder auseinanderzugehen.

„Die am 3. Mai vergangenen Jahres verlegten Stolpersteine in Bürgeln erfüllen ihre Aufgabe“, sagt Bürgelns Ortsvorsteher Jörg Block. Er habe oft Passanten gesehen, die dort verweilen, die Namen und Daten auf den Stolpersteinen lesen und neugierig auf diese Menschen werden. „Es geht hier schließlich um ehemalige Bürgelner Mitbürger“, so Block.

Die Lebensgeschichte jüdischer Mitbürger

Auf der Gedenktafel lässt sich ein kurzer Abriss der Lebensläufe jener Mitbürger jüdischen Glaubens finden. Sie zeigt anhand von Schwarz-Weiß-Fotos die Menschen in ihrem Lebensumfeld, und in Porträts jene, die es noch rechtzeitig schafften, Nazi-Deutschland zu verlassen, aber auch ganz konkret die vier Frauen, die in Bürgeln geboren und aufgewachsen waren und allesamt 1942 im Vernichtungslager Treblinka getötet wurden. Die Tafel zeigt  zwei farbige Fotos.

Fotos mit lächelnden Menschen. Zum einen ein Familienfoto aus den USA. Darauf ist Irmgard Pretsfelder mit ihrer Familie zu sehen. Irmgard Pretsfelder stammt aus Bürgeln. Sie floh 1939 als Kind mit ihren Eltern Isidor und Berta aus Deutschland. In Amerika baute sie sich mit Lothar Pretsfelder, einem Überlebenden aus Fürth, eine neue Zukunft auf, ohne ihre Wurzeln zu vergessen. Und so zeigt das zweite Foto ein Klassentreffen in Bürgeln mit Irmgard Pretsfelder, die zwischen 1988 und 1998 dreimal ihren Heimatort besuchte. Mittlerweile ist ihr aufgrund ihres Alters die lange Flugreise nach Europa zu beschwerlich geworden. Ihre beste Freundin aus Kindertagen, Anna Busch, die noch die Verlegung der Stolpersteine direkt miterlebte, ist letztes Jahr verstorben. Junker kündigte an, Irmgard Pretsfelder und ihre Familie im Frühjahr in den Staaten besuchen zu wollen.

Zur Präsentation der Gedenktafel waren neben Mitgliedern des Gemeindevorstandes und der Fraktionen im Cölber Parlament weitere Interessierte gekommen, darunter auch Pfarrer Dr. Alexander Prieur.

 
Hintergrund
Obgleich Irmgard Pretsfelder 1939 mit ihren Eltern die Flucht nach England glückte, erlebte sie einige Schicksalsschläge. Nach dem Krieg, 1946, wanderten nur sie und ihre Mutter in die USA aus. Ihr Bruder Erich war als US-Soldat im Krieg gefallen, ihr Vater erlitt nach dieser Todesnachricht sowie den Todesnachrichten von seinen zwei Schwestern und zwei Cousinen einen Herzinfarkt und verstarb im Alter von 54 Jahren.
 
Standpunkt von Götz Schaub

Frieden muss gepflegt werden

Erinnerungen wach zu halten, fällt schwerer, je länger etwas in der Vergangenheit liegt, weil die Menschen, die unmittelbar betroffen waren, weniger werden. Und doch dürfen die Geschehnisse, die Europa in zwei Weltkriege führten, und vor allem die unmenschlichen Verbrechen der Nazis an der eigenen Bevölkerung, nicht als „erledigt“ abgehakt werden. Denn diese schrecklichen Ereignisse kurierten und sind der Grund, warum wir nun schon im 72. Jahr in Frieden hier leben dürfen. Jetzt heißt es aber auch, aktiv an diesem Frieden zu arbeiten, weil es Menschen nicht mehr so schlimm finden, „ein bisschen rechts“ zu sein, sich die Freiheit herausnehmen, andere Menschen allein wegen deren Herkunft pauschal abzulehnen, sie schlicht zu hassen, ohne sie zu kennen. In Cölbe gibt es Aktivposten für eine friedliche und freundschaftliche Zukunft: die Partnerschaft mit dem polnischen Koscierzyna, die Flüchtlingshilfe und eben die Aufarbeitung der Schicksale von Menschen, die unter den Nazis litten.

von Götz Schaub

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