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Wem gehört die Haschpfeife?

Aus dem Gericht Wem gehört die Haschpfeife?

Die Erinnerungen der ­beteiligten Ermittler, ein Beweisverwertungsverbot und eine ominöse ­Haschischpfeife ohne ­Besitzer beschäftigten das Gericht im Verfahren ­wegen Totschlagsversuchs.

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Am dritten Verhandlungstag zur Axt-Attacke im Nordkreis ist ein neues Beweisstücke aufgetaucht: eine Haschischpfeife.

Quelle: Archivfoto / dpa

Marburg. Mehrere Polizeibeamte berichteten am dritten Verhandlungstag von ihren ­Erlebnissen in der Tatnacht im April vergangenen Jahres, als der Angeklagte angeblich versucht haben soll, einen Bekannten mit einer Axt zu töten. Die Aussagen der Zeugen konnten indes nicht gänzlich vor Gericht verwertet werden.

Der Grund war ein folgenschwerer Antrag der Verteidigung. Bereits vor der Zeugenvernehmung legte Verteidiger Sascha Marks einen offiziellen Widerspruch ein: Er vermutet, dass die Polizeibeamten den ­Beschuldigten direkt nach der Tat einer ersten Befragung ­unterzogen, ohne ihn zuvor über seine Rechte zu belehren. Insbesondere als Beschuldigter bei einer Straftat stünde es dem Befragten frei, keine Angaben zur Sache zu machen, mit denen er sich selber belasten könnte.

Angeklagter soll aus Eifersucht angegriffen haben

Die angebliche Nichteinhaltung dieser Vorschrift ziehe ein Beweisverwertungsverbot vor Gericht nach sich, insbesondere wenn der Vorwurf ein Kapitalverbrechen ist, betonte die Verteidigung. Soll heißen: die Zeugen, mehrere Polizisten am Tatort, durften vor Gericht keine Angaben zu den Aussagen des Angeklagten machen, die er von sich gab, bevor er belehrt wurde. Auf seine Rechte hingewiesen wurde der Mann scheinbar erst später. Dem 50-Jährigen wird vorgeworfen, an diesem Abend versucht zu haben, einen vermeintlichen „Nebenbuhler“ mit einer Axt zu töten.

Nach der Auseinandersetzung stand die Polizei vor seiner Tür, stellte erste Fragen zum vermeintlichen Tatgeschehen. Doch ohne Belehrung sei das Gehörte vor Gericht nicht zu verwerten, befand auch der Vorsitzende Richter Dr. Marco Herzog. „Das sehe ich wie sie“, gab er der Vereidigung Recht. Anders­ liege der Fall bei der Lebensgefährtin des Beschuldigten, die einen Teil der Auseinandersetzung mitbekommen hatte. Diese erzählte in der Nacht undeutlich, dass es um eine Eifersuchtsgeschichte ginge, teilte ein Zeuge mit. Zum eigentlichen Tathergang habe sie angeblich nichts sagen können.

Wer war das Opfer und wer war der Täter?

Auch der mutmaßlich Geschädigte wurde befragt. Er gab an, dass der ältere Beschuldigte­ während des Gesprächs unvermittelt nach der Axt gegriffen habe. Mit der Waffe in beiden Händen sei der Angreifer dann direkt auf ihn zugegangen, nach einem kurzen Gerangel konnte der jüngere Mann fliehen.

Anfangs verwirrend war für die Ermittler generell die Suche nach dem Täter. Nachdem der Notruf des angeblich Geschädigten eingegangen war und er den Polizisten mitteilte, er hätte den anderen Mann mit der Axt am Kopf verletzt, galt der Anrufer erst einmal als Täter. Wie sich nach einem zweiten ­Anruf ergab, will er jedoch das Opfer sein, der in Notwehr den Angreifer – also den Angeklagten – abgewehrt hatte. „So ganz klar war das erst mal nicht – er sagte, der Beschuldigte wollte ihn umbringen“, erinnerte sich ein Zeuge.

Zudem trafen die Ermittler den Angeklagten mit einer Platzwunde am Kopf zu Hause an. Anfangs spielte der Mann die Angelegenheit herunter, wollte erst keine Angaben machen und meinte: „wir brauchen hier keine Polizei“, so ein Zeuge. Das hatte am ersten Verhandlungstag auch der Angeklagte so berichtet. Erst im Anschluss schilderte er seine Version des Vorfalls – dass nicht er, sondern der jüngere Mann nach der Axt gegriffen hatte.

Drogenpfeife wird nach Spuren untersucht

Dass beide Beteiligten an diesem Abend stark betrunken waren – beide wiesen um die zwei Promille auf – machte die Aufklärung noch komplizierter. Die Männer hatten vor der Auseinandersetzung gemeinsam Alkohol und Haschisch konsumiert. Vor diesem Hintergrund überreichte der Angeklagte der Kammer auch eine kleine Haschpfeife aus Metall, die seiner Meinung nach dem Kontrahenten gehöre. „Er hat die Pfeife gemacht, nicht ich“, betonte der Mann. Gegen ihn lief bereits ein Ermittlungsverfahren wegen ­angeblichem Drogenhandel, das sich nicht bestätigte.

Da die Nebenklage das Drogenutensil nicht annehmen wollte, landete das Beweisstück auf dem Richtertisch und wurde allerseits in Augenschein genommen. Es scheint indes auch nicht dem mutmaßlich Geschädigten zu gehören, da dessen Drogenpfeife aus Glas sein soll. Dies ist dem Gericht bereits bekannt. Die zweite Pfeife ohne Eigentümer soll nun erst einmal auf Spuren untersucht werden.

  • Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

von Ina Tannert

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