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Zwillingspaar wie Hänsel und Gretel

Rotröcken und der forsche Willi Zwillingspaar wie Hänsel und Gretel

Anna und Willi verliefen sich im Wald. Manches von dem, was Hänsel und Gretel im Märchen passiert, kennen die heute 80 Jahre alten Zwillinge aus Oberrosphe aus der eigenen Erfahrung.

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Anna Müller und Willi Schäfer an der „Roten Buche“, tief im Burgwald. 76 Jahre nach der Nacht, in der sie sich verirrt hatten, kehren sie zurück an den Ort des Geschehens.

Quelle: Nadine Weigel

Oberrosphe. Die Geschichte, die an dieser Stelle erzählt wird, ist 76 Jahre alt. Sie stand 1939 in der Oberhessischen Zeitung und zu mehr als einer Meldung, gerade einmal 19 Zeilen lang, hatte sie es damals nicht geschafft. „Dabei war das doch ein großes Ereignis für das kleine Oberrosphe“, sagt die 80-jährige Anna Müller, geborene Schäfer. „Und heute, 76 Jahre später, stehen wir hier im Wald und erzählen endlich einmal alles.“ Dabei wollte Anna Müller eigentlich gar nicht mit. „Mein Leben lang habe ich die Angst vorm Wald behalten“, sagt sie.

Beim Ausflug zur „Roten Buche“, zu dem Fotografin Nadine Weigel und ich heute mit den Zwillingen Anna Müller und Willi Schäfer aufbrechen, geht es in die Tiefen des Burgwalds und zurück in die Vergangenheit. Beim Sammelnvon Themen für die OP-Serie „Unser Wald“ sind wir auf die Geschichte der verirrten Oberrospher Zwillinge gestoßen und haben entschieden, sie einmal komplett zu erzählen.

Im Haus von Willi Schäfer ist großer Bahnhof. Der 80-Jährige steht mit seiner grünen Bommelmütze auf dem Kopf vor der Haustür und wartet auf die Zeitungsleute. Die jüngeren Schwestern Elke Becker und Anni Metz mit Willi Schäfers Ehefrau Inge und der Zwillingsschwester Anna Müller, die extra aus Alsfeld hergeholt wurde, sind in der Küche versammelt. Zwei Männer vom Forstamt Burgwald, der Revierförster Ralf Küch sowie Helmut Sauerwald, stehen als Eskorte für die Fahrt in den Wald bereit. Es herrscht Aufbruchstimmung. Mit den Autos geht es durch den Wald. Kilometerweit. Meist bergan. Mit jeder neuen Wegebiegung wächst unsere Verwunderung. Wie konnten zwei Vierjährige so weit laufen? Später erfahren wir, dass wir eine Abkürzung genommen haben. „Insgesamt sind wir damals rund 13 Kilometer weit gelaufen“, sagt Willi Schäfer, „kreuz und quer.“

Frost, Neuschnee, eisiger Wind

Wir kommen an der „Roten Buche“ an, mehrere Kilometer von Oberrosphe entfernt, ein Ort hoch oben im Burgwald. Die Forstmitarbeiter bringen die Zwillinge mit dem Geländewagen exakt bis zur „Roten Buche“. Dort steigen sie aus, stehen am Waldrand, schauen sich um - fast schon andächtig ist die Stimmung. Anna Müller hakt sich bei ihrem eine Stunde älteren Bruder unter. „Hier war das“, sagt sie und zeigt auf den Waldrand. „Dort haben wir uns unter die Bäume gelegt und geschlafen“, sagt er.

Zwei kleine Kinder über Nacht mitten im Burgwald. Am 16. März 1939. Bei Frost und Neuschnee, bei eisigem Wind von Nordwest. „Ich hatte ein rotes Röckchen an und eine Strickjacke“, erzählt Anna Müller, „damals gab es ja keine warmen Steppjacken so wie heute.“ Willi Schäfer kann sich gut erinnern. „Der Arzt hat gesagt, dass wir nur überlebt haben, weil wir uns gegenseitig angehaucht haben bei jedem Ausatmen.“ Aber es war knapp. „Noch eine Stunde“, zitiert der 80-Jährige den Doktor, der damals aus Wetter herbeigerufen wurde, „und wir wären erfroren gewesen.“

Am Nachmittag jenes Tages bricht die Mutter der Zwillinge, Elisabeth Schäfer, von Oberrosphe zu Fuß nach Reddehausen auf. Die 30 Jahre alte Frau will in ihrem Heimatdorf eine Beerdigung besuchen. Die Zwillinge sind ihrer Oma, die ebenfalls den Namen Elisabeth trägt, und dem vier Jahre älteren Bruder Jost anvertraut worden. Es soll gegen 17 Uhr gewesen sein, als die Zwillinge in einem unbemerkten Moment von daheim ausbüxten. „Die Oma wollte uns was zum Trinken holen, und wir wollten der Mutter entgegenlaufen“, erzählt Anna Müller. Bis Bruder und Oma das Fehlen der beiden Kleinen bemerken, sind sie wohl schon im Wald verschwunden.

"Die Hexe wird uns verbrennen"

Der kleine Willi sagt, wo es langgeht. „Ich mit meiner großen Klappe“, denkt er zurück und lacht. „Er hat mich an der Hand gepackt und mit sich mitgezogen“, erzählt seine Schwester. „Er war immer mein Kommandant, und das war mein Elend“, frotzelt sie und lacht. „Das war dein Glück, sonst wärst‘e jetzt nicht mehr da“, sagt er und die Schwester knufft ihn.

Irgendwann am Abend des 15. März wurde den beiden Kindern klar, dass sie sich verlaufen hatten. Das Märchen von Hänsel und Gretel, das die beiden aus dem Kindergarten kannten, wird ihnen zum Verhängnis. „Wir haben die Leute gehört, die nach uns gesucht haben, aber immer, wenn ich nach ihnen rufen wollte, hat der Willi gesagt: Bist du wohl still, die böse Hexe wird uns verbrennen.“

In Oberrosphe war alles auf den Beinen. Unterstützt von der Feuerwehr Marburg und der Gendarmerie aus Wetter suchen die Dorfbewohner bis in die Nachtstunden im Wald nach den Zwillingen - ohne Erfolg. In den frühen Morgenstunden nehmen sie die Suche unter Leitung von Gendarmeriemeister Hedderich wieder auf, heißt es in der Zeitungsnotiz von damals. Die Mutter, die an Bronchialasthma erkrankt ist, erleidet einen schweren Atemnotanfall aus lauter Sorge um ihre Kinder. Im Dorf wird entschieden, Elisabeth Schäfer zu einer Wahrsagerin nach Kirchhain zu bringen, damit diese der Familie verraten möge, wo die Zwillinge abgeblieben sind.

Rotes Röckchen wurde zur Rettung

Im Wald müssen sich die Zwillinge indes allein durchschlagen. „Ich hatte so furchtbaren Durst, wir waren ja schon so lange unterwegs“, erzählt Anna Müller. Irgendwann können die beiden Kinder nicht mehr weiter, legen sich an der „Roten Buche“ erschöpft unter die Bäume - bei Eis und Schnee. Das Laub vom Boden friert an der Wange der kleinen Anna fest. Noch 76 Jahre später gibt es Erfrierungsspuren an einem ihrer Oberarme. Die Kinder legen sich so hin, dass sie einander anschauen können, warten schweigend ab, trauen sich nicht, nach Hilfe zu rufen und schlafen schließlich erschöpft ein, während die Menschen ringsum im Wald nach ihnen rufen.

Indes steht der Besitzer des damals einzigen Autos von Oberropshe bereit, um Elisabeth Schäfer nach Kirchhain zu bringen. Die Wahrsagerin sagt der Zwillingsmutter voraus, dass ihre Kinder gegen 9 Uhr am nächsten Morgen an der „Roten Buche“ gefunden werden. Doch zuvor müssen die Familie im Dorf und die Kinder im Wald noch stundenlang ausharren.

„Alle wussten, dass ich ein rotes Röckchen anhatte, danach haben sie Ausschau gehalten“, erzählt Anna, und ihr Bruder Willi berichtet vom Bauer Jakob Buchenauer aus Oberrosphe, „der war ein Jagdmann“. Er wurde zum Retter der Zwillinge, als er sie am nächsten Morgen, nach dem roten Röckchen Ausschau haltend, am Waldrand liegen sah. „Gegen 9 Uhr an der Roten Buche, so wie die Wahrsagerin es vorausgesagt hatte“, erklärt Willi Schäfer.

Keine Angst vor dem Wald

Die Kinder werden von den Helfern ins Dorf getragen. „Unsere Gelenke waren steif vor Kälte - und du hattest es danach auch schwer am Herz“, sagt die 80-jährige Anna zu ihrem Bruder, dann feixt sie: „Da war ich doch noch ein bisschen fester als du.“ Das lässt der Bruder sich nicht so einfach unter die Nase reiben. „Dafür bin ich heute fester als du“, frotzelt er zurück und die beiden lachen. Lachen und weinen - beides zugleich. So war es der Familie Schäfer am Morgen des 16. März 1939 zumute. Die beiden Vierjährigen werden völlig unterkühlt, aber lebend heimgebracht. „Die verirrten unglücklichen Kinder wurden sofort in das warme Bett verbracht und der Arzt wurde zu Rate gezogen“, heißt es in der Zeitungsnotiz von 1939.

Diese Nacht im Wald überlebt zu haben, das hat das Leben des heute 80-Jährigen geprägt - er wurde Waldarbeiter und verbrachte 46 Berufsjahre im Forst. „Nein, ich hab doch keine Angst vorm Wald, ich war dort immer gern“, sagt Willi Schäfer. Seine Zwillingsschwester Anna erging es anders. Sie hat die Nacht im Wald nie richtig verwunden, konnte die Gefühle des Verirrtseins nicht vergessen. „Damals gab es ja auch keine Psychologen, die mit den Kindern über das Geschehene gesprochen hätten“, sagt sie und spricht darüber, wie schwer die Erinnerung an die Nacht zum 16. März noch immer auf ihr lastet.

Dem Kindheitstrauma zum Trotz - das Leben der Schäfer-Zwillinge ging weiter. Sie gründeten eigene Familien und mussten es als eng miteinander verbundene Geschwister in den Anfangsjahren üben, voneinander getrennt zu sein. Als junge Frau heiratete Anna Schäfer, wurde zu Anna Müller und zog fort nach Alsfeld. „Das war so weit weg“, sagt Willi Schäfer betrübt. „Damals gab‘s ja auch kein Telefon“, erklärt die Schwester, warum die Trennung von dem Bruder so schwer zu verkraften war.

Das Verhältnis der Zwillinge blieb das ganze Leben lang innig. Die beiden 80-Jährigen erzählen lachend Geschichten aus den Kindertagen, wie sie die Nacht im Wald überstanden haben, wie sie in der Schule zusammenhielten. Anna fasst Willi am Arm und dann stimmen sie daheim bei Schäfers in der Küche ganz spontan ein Liedchen an. „Denn im Wald da sind die Räuber, halli hallo die Räuber, die machen unsere Schwiegermutter kalt.“

von Carina Becker

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