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Ziegen im Wald – wie in den alten Zeiten

Historisches Hutewald-Projekt Ziegen im Wald – wie in den alten Zeiten

Ökosysteme entstehen, wandeln und verändern sich in Jahrhunderten und  Jahrtausenden. Lebewesen, die sich nicht anpassen können, sind raus. Das ist das Spiel in der Natur. Kompliziert wird es, wenn der Mensch eingreift.

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Ziegenbock Eddi nimmt mit seiner Herde sichtlich gut gelaunt und neugierig an dem Projekt Hutewald teil.

Quelle: Götz Schaub

Wohra. Wald in unseren Breitengraden ist schon seit Jahrhunderten das, was der Mensch aus ihm gemacht hat. Das hat viele Tier- und Pflanzenarten aussterben, andere aber auch entwickeln lassen. Hessen-Forst bemüht sich seit 1988 um die Einrichtung von Naturwaldreservate, das heißt ehemalige Wirtschaftswälder werden ganz bewusst wieder sich selbst überlassen. Der Mensch soll sie in keiner Form mehr beeinflussen, selbst Pilzesammler sind dort nicht erwünscht.

So sollen heute die „Urwälder“ von morgen entstehen. Für die Forschung ein spannendes Feld. Und bei Weitem nicht das Einzige. So gibt auch Bestrebungen, in Wäldern wieder Flächen zu schaffen, wie sie früher einmal gang und gäbe waren, wenn auch  nur durch den Einfluss des Menschen. Die Rede ist hier von der Nutztierhaltung mitten im Wald. „Sie hat die Geschichte eines Waldes geprägt und verändert. Noch Ende des 19. Jahrhunderts nahmen Huteflächen in Nordhessen rund 28.000 Hektar ein“, sagt Marcus Schmidt von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen. Mit dem Abfressen von Bodenpflanzen und jungen Bäumen wurden die Wälder lichter, viele Ökosysteme ordentlich durcheinander gebracht oder gar zerstört. Die freien Plätze wurden von anderen Tieren und Pflanzen besetzt, doch auch deren Fortbestand wurde durch die Aufgabe der Hutewälder stark beeinflusst.

Hutewälder als „Belege einer verschwundenen Landnutzung“

Schmidt dazu: „Hutewälder haben eine kulturhistorische Bedeutung. Sie sind Belege einer völlig verschwundenen Landnutzung. Diese Landnutzung hat durch ihre Verzahnung zwischen Wald- und Offenland, Alt- und Totholzstrukturen Lebensräume geschaffen, die auf sehr engem Raum eine überdurchschnittlich hohe Vielfalt an Arten aufweist, die jetzt wieder selten geworden sind und auf der roten Liste stehen, darunter Flechten, Pilze und Käfer.“

In Zusammenarbeit mit Hessen-Forst, hier mit dem zuständigen Forstamt Burgwald und der Revierförsterei Wohratal, ist es gelungen, eine Waldfläche bei Hertingshausen bewusst wieder als „Hutewald“ zu nutzen. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das wissenschaftlich begleitet wird. Sechs Wochen ab Juni und nach Möglichkeit noch einmal sechs Wochen ab September sollen dort Ziegen in umzäunten Bereichen leben. Gleichzeitig gibt es in diesen umzäunten Bereichen nochmals umzäunte Parzellen, die die Ziegen nicht erreichen können. Darin soll der Unterschied erkennbar gemacht werden, wie sich Waldboden entwickelt, wenn er beweidet wird und wenn er einfach sich selbst überlassen wird. So wird ein Vegetationsmonitoring ausgeführt, wie es in der Fachsprache heißt.

Die Ziegen, die das zeitweilige Waldleben genießen dürfen, sind Burenziegen. Sie gehören Torben Knoch, der schon sehr gespannt ist, wie sich diese Form der Viehhaltung auf die Fleischziegenrasse auswirkt. Er schaut immer nach ihnen und erhält dabei auch Hilfe von Revierförster Walter Fiebig, der selbst ein Herz für die Ziegen hat. Bock Eddi, der die Ziegenherde anführt, war schließlich mal in seinem Besitz. „Wir haben hier eine große Chance, die alte Waldnutzung wieder ins Bewusstsein zu rücken und darüber hinaus etwas für den Naturschutz zu tun“, sagt Forstamtsleiter Eberhard Leicht. Die Fläche musste natürlich schon ein wenig hergerichtet werden, informiert er. So wurden bereits vor zwei Jahren kleinere Bäume herausgenommen, so dass wieder Licht auf den Waldboden kommt und die alten Bäume, mitunter mehr als 200 Jahre alte Eichen, dazu Rotbuchen und Hainbuchen frei stehen können.

 
Eberhard Leicht (von links), Walter Fiebig, Marcus Schmidt und Torben Knoch begutachten die Hutewaldfläche. Dort stehen mitunter sehr alte Bäume, die Tieren, Moosen und Pilzen Lebensraum geben.
 
Hintergrund
Die Geschichte des Hutewaldes ist ein Beispiel einer Idee, aus der der Mensch meinte, ausschließlich nur Vorteile ziehen zu können, bis er mit einem für seine Versorgung großen Nachteil konfrontiert wurde, nämlich mit der Knappheit des Rohstoffes Holz – und das in einem eigentlich waldreichen Umland. Als „Hutung“ wird die kontrollierte Nutztierhaltung im Wald bezeichnet. Sie hat ihren Ursprung in der Antike und war ab dem 12. Jahrhundert eine gängige Form der Tierhaltung. Schweine, Schafe und Ziegen, aber auch zeitweise Pferde und Kühe wurden im Wald gehalten. Schweine wurden mit Eicheln und Bucheckern gemästet, Schafe und Ziegen bedienten sich an jungen Pflanzen und Bäumen. Und so kam es im 17. Jahrhundert zur Holzknappheit. Mit der Entwicklung der Forstwirtschaft verschwanden die Nutztiere aus dem Wald, junge Bäume wuchsen wieder nach.

von Götz Schaub

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