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Wo die Mülltonne zur Last wird

Goßfelden Wo die Mülltonne zur Last wird

Was tun, wenn man schon älter ist, an einem steilen Berg wohnt und die Müllabfuhr nicht mehr kommt, sondern verlangt, dass man die Tonnen 150 Meter hinunter an die nächste Straße fahren soll?

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Herbert Behre schiebt seine Mülltonne durch die Straße Scheidt in Goßfelden.

Quelle: Thorsten Richter

Goßfelden. Es ist eine Situation, in der beide Seiten Recht haben, es aber keine Lösung gibt, die alle zufriedenstellt.

Seit 1959 wohnt Herbert Behre mit seiner Frau am Scheidt in Goßfelden. Und immer ist die Müllabfuhr die enge Straße zu ihnen hochgekommen und hat die Tonnen geleert. Seit diesem Jahr ist das anders.

Erst machte eine sanierte und dadurch leicht erhöhte Grundstücksmauer den einen Weg für die Müllfahrzeuge unpassierbar, dann untersagte die Berufsgenossenschaft den Müll-Fahrern die alternative Anfahrt, nämlich die Straße von unten rückwärts hochzufahren. Die Gefahr für Fahrer, aber auch für Menschen, die sich hinter dem Müllwagen befinden, sei zu groß. Das ist, wenn man die Situation vor Ort betrachtet, durchaus nachvollziehbar. Und es ist von der Satzung des Müllabfuhrzweckverbands (MZV) Biedenkopf zweifellos gedeckt. Doch es geht auf Kosten von älteren Menschen, die selbst nicht in der Lage sind, die Tonnen an den Ausweichort zu bringen. Der 85-jährige Herbert Behre und seine Nachbarn müssen die Tonnen, darunter bis zu 80 Kilo schweren Bioabfall- oder Altpapiertonnen, nun den steilen Weg bis zur Hauptstraße nach unten transportieren und im leeren Zustand wieder zurück. Das ist nicht nur unbequem, sondern für die Anwohner ohne fremde Hilfe nicht zu leisten.

Gleiches gilt, wenn Sperrmüll ansteht. Behres Nachbarin Elke Reichhardt klagt: Wenn ich Sperrmüll habe, muss ich erst einen Bus anmieten, um den Sperrmüll an die Sammelstelle zu transportieren, die der MZV vorgibt.“ Diese ist ein paar hundert Meter entfernt, da kann die MZV-Kundin auch gleich zum Müllumschlagplatz nach Wehrda weiterfahren, wo sie in diesem Fall immerhin ihren Sperrmüll kostenlos abgeben könnte.

Behre und seine Nachbarn sind konsterniert. Was die ganzen Jahre ging, geht nun nicht mehr. Und für die neue Situation müssen sie draufzahlen. Einerseits sähen sie ja ein, dass die Müllfahrer in ihrer Straße einen harten Job haben, vor allem, weil zum Teil auch noch einzelne Falschparker ihren Teil zur Verschärfung der Situation beigetragen haben.

Keine Gleichbehandlung

Andererseits finden sie, dass sie auch die gleichen Leistungen verdienen, wenn sie die gleichen Müllgebühren zahlen wie alle anderen im Verbandsgebiet des Müllabfuhrzweckverbandes Biedenkopf. In Anliegerversammlungen und Gesprächen kam es immerhin zu der derzeitigen Lösung, dass die Abfuhrfirma Sita gegen zusätzliches Entgelt von 100 Euro im Jahr pro betroffenem Haushalt die Tonnen oben abholt, an der Hauptstraße leert und wieder nach oben bringt. Für sie sei das fast eine Verdoppelung ihrer Müllgebühren, berichtet Herbert Behre. Er bedauert auch, dass diese Regelung jetzt vor allem auf Kosten der Fahrer geht. Der muss sein Fahrzeug unten abstellen und mit Tonne den Berg sechsmal hoch und wieder runter laufen.

Dass die Fahrer davon „nicht begeistert“ sind, weiß auch MZV-Geschäftsführerin Ninette Engel-Rezzonico. Aber wie die Abfuhrfirma dies regele, sei nicht im Ermessen des Verbandes. Die Anwohner hätten darüber einen privatrechtlichen Vertrag nur mit Sita geschlossen, betont sie. Für Engel-Rezzonico ist der Ärger der Goßfeldener durchaus nachvollziehbar. Allein eine bessere Lösung könne sie nicht anbieten. Natürlich sei es prinzipiell möglich, die Satzung so zu gestalten, dass alle Grundstücke im Verbandsgebiet angefahren werden müssen. Doch diese Mehrkosten müssten dann auch von allen MZV-Kunden getragen werden. „Wir müssen einen Mittelweg finden, der allen gerecht wird“, sagt Engel-Rezzonico und ergänzt mit Blick auf diverse MZV-Kunden in anderen Gemeinden, die ebenfalls solche Einschränkungen in Kauf nehmen müssen (siehe Hintergrund): „Wir können nicht einem etwas anbieten, was wir einem anderen verwehren.“

Sie verstehe, dass die Situation für die Bürger am Scheidt nicht zufriedenstellend sei. An der Auflage der Berufsgenossenschaft kämen der MZV und Sita aber nicht vorbei. Und man habe im Dialog mit den Anliegern einiges versucht, unter anderem auch, mit dem Müllwagen vorwärts den Scheidt hochzufahren und dann zu wenden - erfolglos. Das Entgegenkommen von Sita, die Tonnen runter und wieder hochzufahren, sei eine Lösung, die auch nicht jeder Kunde im MZV-Gebiet bekomme. Die Firma Sita habe sich bemüht, eine gute Lösung zu finden und stehe auch im kommenden Jahr zu der Sonderleistung, die sie den Anwohnern anbietet.

Winterdienst bleibt

Doch das alles hilft der Familie Behre nicht, auch nicht den Reichardts und den anderen, die am Scheidt wohnen. Ihren Nachbarn weiter oben, am Ende des Wehrdaer Weges, geht es im übrigen ähnlich. Auch sie müssen inzwischen die Tonnen gut 100 Meter an das Ende der befestigten Straße stellen, damit sie geleert werden. Hier ist es immerhin weitgehend ebenerdig, doch mit einer vollen Bio- oder Altpapiertonne fällt das nicht leicht.

Dass die Neuvergabe der Müllabfuhr im Verbandsgebiet etwas mit der Verschlechterung für die Scheidt-Bewohner zu tun haben könnte, etwa weil Touren optimiert oder größere Fahrzeuge eingesetzt würden, streitet Engel-Rezzonico ab. Bei der Neuvergabe der Dienstleistungen hatte der MZV im Vergleich zum vorher geltenden Vertrag deutlich Geld gespart. Natürlich werde bei Ausschreibungen knapp kalkuliert, aber man könne nicht sagen, dass die Leistungen zurückgegangen seien. Die Vorgabe sei nach wie vor, dass „anfahrbare Grundstücke auch zu bedienen sind“. In der Gemeinde Lahntal sei Sita auch vorher schon gefahren, sodass „sie wussten, was auf sie zukommt“. Am Scheidt sei einzig und allein die Untersagung der Berufsgenossenschaft für das Rückwärts-Befahren oder über den unbefestigten Teil des Wehrdaer Weges von oben ausschlaggebend.

Kleiner Trost: Weil die Müllabfuhr nun nicht mehr den Berg anfährt, fürchteten die Anlieger, dass die Gemeinde deswegen demnächst auch noch den Winterdienst einstellen könnte. „Die Befürchtungen sind unbegründet“, sagte Bürgermeister Manfred Apell auf OP-Anfrage: „Die Gemeinde stellt weder das Streuen noch den Winterdienst am Scheidt ein. Im Gegenteil: Als Steilstrecke gehört der Scheidt zu den zuerst zu räumenden beziehungsweise zu streuenden Bereichen.“

von Michael Agricola

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