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„Wir brauchen jetzt den Wagen wieder“

Cölber Auto in Griechenland „Wir brauchen jetzt den Wagen wieder“

„Dass sich so etwas aus einer gut gemeinten Hilfe entwickelt, war nicht vorauszusehen“, sagt Cölbes Bürgermeister Volker Carle und setzt jetzt alles auf eine schnelle Lösung, den Wagen wiederzubekommen.

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Im Hafen von Piräus stehen Flüchtlinge in langen Schlangen für Essen an. Wer so etwas direkt miterlebt, wird emotional anders angesprochen als jemand, der nur das Foto sieht, findet Cölbes Bürgermeister Volker Carle,

Quelle: Orestis Panagiotou

Cölbe. Auch wenn es mitunter noch etwas frisch ist, kalendarisch befinden wir uns im Frühling. Hierzulande und natürlich auch in anderen Ländern, wie etwa in Griechenland. Dort befindet sich seit Dezember, also seit mehr als drei Monaten ein Neunsitzer der Marke Renault aus dem Fuhrpark der Gemeinde Cölbe. Dieser wurde vor Weihnachten an eine 48-jährige Frau aus Cölbe vermietet, die damit eine private Hilfslieferung für Flüchtlinge nach Griechenland bringen wollte.

Als sie dort, wie sie gegenüber der OP sagte, aus humanitären Gründen eine gerade aus der Türkei in Griechenland angekommene syrische Flüchtlingsfamilie mit dem Auto zur ungefähr 20 Kilometer entfernten Polizeistation zur Registrierung bringen wollte, wurde sie unterwegs von der Polizei kontrolliert und unter dem Verdacht, eine Schlepperin zu sein, festgenommen (die OP berichtete).

Frau aus Cölbe wurde wieder freigelassen

Nach Zahlung einer Kaution wurde die Frau einige Tage nach der Festnahme wieder auf freien Fuß gesetzt. Ihr wurde sogar auch die Ausreise nach Deutschland erlaubt, obgleich sie sich noch gerichtlich in Griechenland verantworten muss. Nicht als Schlepperin - der Vorwurf wurde fallengelassen -, aber für die Tatsache, unregistrierte Flüchtlinge im Auto mitgenommen zu haben.

Und dafür drohen ihr pro transportierte Person zehn Jahre Haft. Allein der bei der Polizeikontrolle beschlagnahmte Wagen blieb in Griechenland, in der Nähe zur türkischen Grenze zurück. Und das bis zum heutigen Tag. „Natürlich stehen wir über eine Anwältin vor Ort in Verbindung“, sagt Carle, gefragt, was denn die Gemeinde Cölbe tun könne, um ihren Wagen wiederzubekommen.

Jugendfeuerwehr benötigt Wagen für ihre Freizeit

„Aber das ist nicht so einfach. Unter anderem konnte aufgrund eines Generalstreiks in Griechenland nichts unternommen werden. Wir hatten dann eine Frist zur Rückgabe gesetzt, die aber nun verstrichen ist. Wir müssen aber jetzt darauf drängen, den Wagen wiederzubekommen, denn er wird hier gebraucht. Unter anderem möchte ihn unsere Jugendfeuerwehr für eine Freizeit nutzen.“ Für Carle ist es völlig unverständlich, warum die griechischen Behörden den Wagen noch nicht zur Abholung freigegeben haben. Das Auto könne schließlich nicht das Faustpfand sein, denn für die Freilassung der Frau wurde schließlich von ihr eine Kaution hinterlegt, die als Sicherheit dienen soll.

Derweil hat Carle eine andere, und zwar eine komplett andere Mitteilung erhalten. Er wurde von einer Privatperson aus dem Landkreis offiziell angezeigt, die Frau in ihrem Tun durch die Bereitstellung des Wagens unterstützt zu haben.

Der Wagen wurde völlig legal an die Frau vermietet

„Was soll ich dazu sagen?“, fragt Carle. „Ich nehme sie schon sehr ernst.“ Er halte es schon für absurd, ihn als Schlepperhelfer anzusehen, der Gemeindeeigentum, sprich den Wagen, veruntreut habe. Der Wagen wurde völlig legal an die Frau vermietet mit allen daraus folgenden Rechten und Pflichten. „Als Gemeinde konnten wir über die Vermietung des Wagens natürlich auch ein Zeichen setzen, Hilfsangebote für Flüchtlinge zu unterstützen“, sagt der Bürgermeister.

Das sehen in Cölbe allerdings nicht alle so. Die CDU hatte bereits ihr Missfallen über die Vermietung des Autos für eine private Fahrt nach Griechenland ausgedrückt und einen Fragenkatalog erstellt, den sie vom Bürgermeister beantwortet haben möchte (die OP berichtete). Die erste Gelegenheit dazu bot sich in der letzten Sitzung des Gemeindeparlaments Cölbe, doch wurde sie dort nicht wahrgenommen. Dr. Jens Ried, bisheriger Fraktionsvorsitzender der CDU, sagt dazu: „Die Tagesordnung war schon so umfangreich, dass wir uns darauf verständigt haben, die Fragen erst zur nächsten Sitzung, also in der ersten des neuen Parlaments zu stellen.“

Carle will die Aktion der Frau nicht kommentieren

„Wir werden uns jetzt überlegen, wie wir die Herausgabe des Autos beschleunigen können. Das kann ja nicht ewig so weitergehen“, sagt Carle. Die Aktion der Frau, die zum Verlust des Autos führte, will er nicht kommentieren, doch Leuten, die meinen, dies tun zu müssen, möchte er schon entgegenhalten, dass es ein Unterschied sei, von hier aus die Lage in Griechenland zu bewerten oder richtig vor Ort dabei zu sein. „Das ist doch gerade das, was uns Norbert Blüm mit seiner Aktion in Idomeni vor Augen geführt hat. Da ist man emotional in einer ganz anderen Situation.“

So ärgerlich sich die Sache nun für die Gemeinde Cölbe entwickelt hat, so sehr hatte die Frau es schon öffentlich bedauert, dafür verantwortlich zu sein. Sie hatte auch gegenüber der OP deutlich gemacht, dass sie alle Zusatzkosten, die dadurch entstehen, übernimmt. „Wir können nichts dafür und entsprechend wird die Gemeinde auch nicht finanziell belastet werden“, sagt auch Carle.

von Götz Schaub

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