Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
„Wir brauchen dringend Wachstum“

Bürgermeisterwahl Münchhausen „Wir brauchen dringend Wachstum“

Im Juli 1961 kam Ulrich Mengel auf einem Bauernhof in Münchhausen zur Welt. Seiner Heimat blieb er Jahre treu. Nun will der 55-Jährige Bürgermeister werden. Die OP hat ihn im Wahlkampf begleitet.

Voriger Artikel
Viel Ärger um Innenstadt-Baustelle
Nächster Artikel
Neue Kita bietet viel Raum für Individualität

Einen Gewerbering gründen, ein Gewerbegebiet schaffen, Existenzgründer vor Ort unterstützen: ­Ulrich Mengels (rechts) Vorstellungen für die Zusammenarbeit zwischen Kommune und Geschäftsleuten kommen bei Bauunternehmer Edgar Mankel aus Niederasphe gut an.

Quelle: Carina Becker

Münchhausen. Noch dreieinhalb Wochen bis zur Bürgermeisterwahl in Münchhausen. Ulrich Mengel steckt mitten drin in seinem Wahlkampf. Er zieht von Haustür zu Haustür, mit seinen Wahlkampfbroschüren in der Hand, klingelt, stellt sich vor. An vielen Türen sieht „Rotkopps Uli“, so sein Dorfname, bekannte Gesichter. Schließlich hat er sein gesamtes Leben in Münchhausen verbracht. „Leben in der Stadt, das brauche ich nicht. Marburg ist in unmittelbarer Nähe. Und wenn ich einen Tag dort war, dann freue ich mich, wenn ich wieder hierher komme, wo ich Kraft tanken kann“, sagt der 55-Jährige und zeigt auf seinen weitläufigen Garten, direkt am Ortsrand von Münchhausen gelegen und mit Blick aufs freie Feld.

Während des Wahlkampfs ist Mengel oft mit dem Fahrrad unterwegs. Schließlich sei er ein „umweltbewusster Mensch“, betont er und beschreibt sich darüber hinaus als „sozial engagiert und aufgewachsen in einem konservativen Haus“. Politisch fühlt er sich als „Mann der Mitte“. Unterstützt wird Mengel bei der Bürgermeisterwahl von der SPD. Am Wahlsonntag, 11. September, fordert der 55-Jährige den Amtsinhaber Peter Funk (ebenfalls parteilos) heraus. Mengel betritt dabei erstmals die kommunalpolitische Bühne.

„Ich kenne die Leute hier, ich gehe gern voran, sporne andere an“

„Man hat mir in den vergangenen Jahren immer wieder gesagt, dass ich der Richtige für diesen Job wäre“, berichtet der fünffache Vater, der sich in Münchhausen viele Jahre lang in der Kinder- und Jugendarbeit engagierte und aktuell als Vorsitzender des Grenzgangvereins sowie als stellvertretender Vorsitzender des Turn- und Sportvereins das gesellschaftliche ­Leben in Münchhausen mitgestaltet. Auch bei der Dorferneuerung wirkte er mit. „Ich kenne die Leute hier, ich gehe gern voran, sporne andere an – und vor allem will ich, dass wir hier eine Zukunft haben, dass sich etwas tut in Münchhausen“, sagt der Diplom-Kaufmann und betont: „Wir brauchen dringend Wachstum.“

1988 schloss Mengel sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Philipps-Universität Marburg ab. Seither arbeitete er in Leitungsfunktion in Finanzabteilungen großer heimischer Firmen, unter anderem in Stadtallendorf, Wetter und Marburg. „Vor einem stark fordernden Arbeitsalltag als Bürgermeister habe ich keine Angst, lange Arbeitstage kenne ich aus meiner Tätigkeit in der Industrie“, sagt Mengel. Seine derzeitige Stelle bei einem Pharmakonzern in Marburg würde ihm in diesem Jahr aufgrund von Umstrukturierungen einen Wechsel ins Ausland abverlangen. Für den heimatliebenden Mengel ist diese Entwicklung zum Initialfunken geworden. „Dann kam die SPD im Frühjahr auf mich zu und fragte, ob ich mir eine Kandidatur bei der Bürgermeisterwahl vorstellen kann. Und jetzt passt es für mich, der Zeitpunkt ist gekommen, etwas Neues zu beginnen.“

Mengel will Geschäftsleben in Münchhausen voranbringen

Mengel hat klare Ziele vor Augen. Unter anderem für die ­Gewerbetreibenden in der Gemeinde. Mengel will die ­Geschäftsleute beim Aufbau eines Gewerberings unterstützen, um gemeinsam mit Handel, Handwerk und Gewerbe das Geschäftsleben in der Gemeinde voranzubringen. Bei Bauunternehmer Edgar Mankel aus Niederasphe, dem Mengel im Wahlkampf einen Besuch abstattete, kommt dies gut an. Mankels Familie ist in der sechsten Generation im Baugewerbe tätig. Der Betrieb gibt zehn Menschen einen Arbeitsplatz. Dabei kommen die Aufträge vorwiegend aus dem Umland, wie Mankel berichtet, „aus der eigenen Gemeinde haben wir kaum was“. Das liege wohl auch daran, vermutet der Bauunternehmer, dass fürs Gewerbe in der Gemeinde zu wenig Werbung gemacht werde, dass die meisten Unternehmen nicht bekannt genug seien und untereinander nicht vernetzt. Mankel denkt, dass ein Gewerbering, wie Mengel ihn sich vorstellt, da Abhilfe schaffen könnte.

„Dass wir eine Umgehungsstraße bekommen, wird für die Gewerbetreibenden zur Riesen-Chance“, glaubt Ulrich Mengel und setzt auch auf die Lage von Münchhausen ganz im Norden des Landkreises. „Bald haben wir eine gute Anbindung an Marburg und Gießen und dann kreuzen sich hier ja auch die Verbindungen nach Winterberg und Korbach“, erklärt der 55-Jährige, für den feststeht, dass Münchhausen ein Gewerbegebiet schaffen muss. Der Bürgermeisterkandidat nimmt auch das Kleingewerbe in den Blick, will Bürger auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen. „Gemeinsam mit einem Gewerbering könnte man kostenlose Seminare anbieten, beispielsweise zur Existenzgründung.“

Für die Unternehmen der Baubranche sieht Mengel viele Möglichkeiten in Münchhausen. „Wenn wir wieder mehr Zuzug bekommen durch neue Baugebiete und durch den Aufkauf von Baulücken, dann gibt es auch neue Aufträge für die Bauunternehmen vor Ort.“

„Dass die Gemeinde kein Geld hat, ist ein Totschlag-Argument“

Einige Probleme auf dem Weg dorthin gilt es sicher zu überwinden. So weiß Mengel, dass im Kernortsteil Münchhausen seit etwa zehn Jahren kein einziges neues Haus mehr gebaut wurde. „Das muss sich ändern. Wir haben hier kein Neubaugebiet, können derzeit als Gemeinde keine Bauplätze für junge Familien anbieten. Dabei gibt es Baulücken in vollerschlossenen Gebieten“, beklagt Mengel, der jene Münchhäuser, die Bauplätze besitzen und teils seit Jahrzehnten nicht nutzen, dazu bringen will, diese an die Gemeinde zu verkaufen. „Damit die Innenentwicklung vorangehen kann.“

Für die Sanierung von Altbauten will er ein Förderprogramm auflegen. „Dass die Gemeinde kein Geld hat, ist ein Totschlag-Argument“, sagt Mengel, „wir müssen darüber nachdenken, wo wir Geld herbekommen“. So könne die Gemeinde beispielsweise mit Banken über „Sonderlösungen“ verhandeln, damit die Sanierung von alten, derzeit leerstehenden Wohnhäusern für junge Familien attraktiv und finanzierbar werde. Dass sich ein Umzug in die Gemeinde hoch im Norden des Kreises lohnt, davon ist Mengel überzeugt: „Mehr Wohnraum als in der Stadt zum sehr viel günstigeren Preis. Grundschule, Kindergarten und Ärzte vor Ort. Einkaufsmöglichkeiten im Dorf und in den Nachbarorten. Natur mit hohem Erholungswert, Premium-Wanderwege und eine gute Bahnverbindung nach Marburg und nach Norden“, hebt er die Vorzüge von Münchhausen hervor.

Nicht zu vergessen die Vereine. „Auch sie brauchen den Zuzug. Mit ihren Angeboten gerade für Kinder und Jugendliche tragen sie zum Freizeitwert von Münchhausen bei.“ So sehen das auch die Vereinsvertreter Tim Berghöfer und Maik Berghöfer (beide Burschenschaft) sowie der Sportvereinsvorsitzende Michael Dersch. Mit den drei ehrenamtlich tätigen Männern trifft sich Ulrich Mengel am Sportheim. Seine Ziele: Die Vereine untereinander besser vernetzen, vonseiten der Gemeinde mehr praktische Unterstützung bieten. Die drei Vereinsvertreter geben ihm dazu einige Impulse mit auf den Weg, regen etwa an, die Terminabsprachen für Feste, Jubiläen und andere größere Aktionen künftig nicht nur innerhalb des jeweiligen Ortsteils zu treffen, sondern gemeindeweit. Mengel will regelmäßige Vereinsvertreter-Versammlungen einrichten und als Bürgermeister mitdiskutieren. „Auch, wenn ich die Wahl gewinne, werde ich weiter in der Vereinsarbeit mitwirken“, hat er sich fest vorgenommen.

Kooperation, Vernetzung und Moderation durch die Gemeinde

Für die Burschenschaft geben die beiden Berghöfers dem Kandidaten noch konkrete Wünsche mit auf den Weg. Sie waren zuletzt etwas enttäuscht von der Gemeinde, da „selbst kleine Dinge zu unserer Unterstützung nicht mehr möglich waren“, erläutert Maik Berghöfer. Als Beispiel nennen die jungen Männer ihre Feier zum 30-jährigen Bestehen. Da habe die Burschenschaft selbst dafür aufkommen müssen, dass die Straßenlaternen rund ums Festgelände in der Nacht etwas länger eingeschaltet blieben. Und auch für Müllcontainer, die die Gemeinde sonst schon mal über den Bauhof habe bereitstellen lassen. Auch SV-Vorsitzender Dersch wünscht sich, dass die Kommune einen stärkeren finanziellen Beitrag zur Vereinsarbeit leistet – beispielsweise durch einen Zuschuss für die Bezahlung der Übungsleiter, das gebe es aktuell nur noch in der Kinder- und Jugendarbeit.

Kooperation, eine bessere Vernetzung, mehr Moderation durch die Gemeinde – alles, was Bürgermeisterkandidat Mengel mit Geschäftsleuten und Vereinen plant, gilt auch für die Bürgerschaft. „Wir müssen die Leute einfach besser einbinden.“ Bei einer Informationsveranstaltung des Ortsbeirats Simtshausen lernte Mengel den 77-jährigen Rentner Horst Koch kennen. „Er brachte sich in die Diskussion ein, stellte Nachfragen und konnte seine Meinung fundiert begründen“, denkt Mengel an diese Begegnung zurück. Deshalb macht er im Wahlkampf bei Horst Koch in Simtshausen Station. Er will sich anhören, welche Vorschläge der 77-Jährige für die Bürgerbeteiligung hat. Kochs wichtigste Anregung: Er will als mündiger Bürger ernstgenommen werden, gerade, wenn er sich kritisch äußert und Verbesserungsvorschläge macht. So habe er beim Gehwegebau in Simtshausen angemerkt, dass das Wasser nicht werde abfließen können. „Hätte man darauf reagiert, müssten nun nicht nochmals 20 000 Euro investiert werden, um den Fehler zu beheben“, erklärt er.

Ulrich Mengel will den Bürgern Raum geben, „jeder soll sich einbringen können“. Er verspricht regelmäßige Bürgerversammlungen, wie es sie derzeit kaum gebe. Und er strebt eine bessere Bürger-Information an. Wie die Kochs aus Simtshausen gebe es viele Bürger, die das kostenpflichtige Mitteilungsblatt der Gemeinde nicht bezögen. „Mein Ziel ist, dass wir dies werbefinanziert mit den Geschäftsleuten kostenlos hinkriegen“, sagt Mengel, der sich dabei an der benachbarten Stadt Wetter orientiert.

  • OP-Wahltalk: Am Donnerstag, 1. September, lädt die Oberhessische Presse ab 20 Uhr ins Bürgerhaus Niederasphe zum Wahltalk ein. Dort können sich die Münchhäuser Bürger ein Bild verschaffen von den beiden Bewerbern ums Bürgermeisteramt. Neben Ulrich Mengel stellt sich der Amtsinhaber Peter Funk, seit 17 Jahren Bürgermeister von Münchhausen, zur Wahl.
 
Schön ist es in Münchhausen. Von den Sehenswürdigkeiten zeugt ein Wandbild, das bei Ehepaar Koch aus Simtshausen einen Platz im Gartenhäuschen hat. Maria und Horst Koch wünschen sich, dass Bürger in der Gemeinde besser informiert und eingebunden werden. Foto: Becker

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr