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Wie eine Idee vom Berg den Landkreis eroberte

Seniorentreffpunkte Wie eine Idee vom Berg den Landkreis eroberte

1972 fing alles an. Damals gab die Amöneburgerin Ruth Weber mit ihren Ideen und ihrem Engagement den Anstoß für die Seniorenarbeit des Kreises. Bis zum Jahr 1974 hatte sie alle Teile von Marburg-Biedenkopf erreicht.

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Unterwegs mit dem Seniorentreffpunkt der Volkshochschule: Trachtenfrauen aus Wollmar 1986 an der Kölnbreinsperre in Kärnten.

Quelle: Heidi Schneider

Wollmar. 42 Jahren sind vergangen, seit die Bäuerin Ruth Weber die Seniorenarbeit der Kreis-Volkshochschule erfunden hat. Damals nannte man die Treffpunkte noch Altenclubs. „Solche Begriffe gehören natürlich der Vergangenheit an“, sagt Heidemarie Schneider und schmunzelt. 1990 wurde der Altenclub zum Seniorentreffpunkt umbenannt. Auch sonst hat sich Vieles verändert - Vieles ist aber auch beim Alten geblieben, wie Heidi Schneider weiß.

Die Wollmaranerin ist seit 2011 die ehrenamtliche Seniorenbeauftragte der Gemeinde Münchhausen - von 1999 bis 2006 leitete sie als Hauptamtliche die Seniorenarbeit der Kreis-Volkshochschule. Und sie ist eine der letzten, wenn nicht gar die Letzte im Landkreis, die die Geschichte der Seniorenarbeit in Marburg-Biedenkopf noch detailliert und aus eigenem Erleben nacherzählen kann.

Der Anlass für Heidi Schneiders Rückblick ist die Feier der Münchhäuser Senioren an diesem Samstag ab 17 Uhr in der Burgwaldhalle in Müchhausen. Bei Musik vom Posaunenchor Bracht, Grußworten, Sketchen und einem gemeinsamen Abendessen - es gibt Schnitzel und Kartoffelsalat - will man sich an die 40-jährige Geschichte der Seniorenarbeit in der Gemeinde erinnern. Und zu dieser Geschichte gehört das, was vor 42 Jahren in Amöneburg seinen Anfang nahm, untrennbar dazu.

Ruth Weber, Tochter aus einer Beamtenfamilie im früheren Ostpreußen, heiratete einen Amöneburger Landwirt - und als die Eheleute ihren Hof Anfang der 70er Jahre an den Sohn übergaben, war Ruth Weber noch fit und voller Tatendrang. Ihr Eindruck damals: Auf dem Land haben die Leute nichts als Arbeit und die Kirche - und das wollte sie ändern.

Beim damaligen SPD-Landrat Burghard Vilmar stieß Ruth Weber auf offene Ohren. Und am 1. Mai 1972 legte sie mit Hilfe von Bürgermeistern, Pfarrern, Ortsvorstehern, Gemeindeschwestern und vielen weiteren engagierten Menschen los. Bis zum Herbst 1972 waren im Landkreis bereits 15 Altenclubs entstanden.

Lernprozess: Am Wochentag die Arbeit ruhen lassen

1974 vollzog sich die Gebietsreform, durch die aus den Altkreisen Marburg und Biedenkopf ein gemeinsamer Landkreis wurde. Und im gleichen Jahr waren alle Städte und Gemeinden Marburg-Biedenkopfs für die Seniorenarbeit erschlossen. „Es gab dann 68 Altenclubs, die innerhalb von zwei Jahren entstanden waren“, erinnert Heidi Schneider an die beachtliche Leistung der Pionierin Ruth Weber, die später hauptamtliche Unterstützung von Christine Brands (Niederweimar) und Waltraut Schwarz (Breidenstein) bekam. Morgens waren die drei Frauen im Büro und leisteten Organisationsarbeit, nachmittags waren sie in den Treffpunkten und widmeten sich der praktischen Seniorenarbeit. „Das war gar nicht so einfach am Anfang“, weiß Schneider. Die älteren Menschen auf den Dörfern mussten erst davon überzeugt werden, dass es in Ordnung und nicht etwa unanständig ist, an einem Wochentag die Arbeit ruhen zu lassen und sich etwas Gutes zu tun. „Schon damals wurden die Senioren mit Bussen zu den Treffpunkten gebracht. Und schon damals gab es eine vielfältige Mischung von kulturellen und geschichtlichen Themen in den Treffpunkten, Gesundheits- und Verbrauchervorträge sowie Reisen“, erzählt Heidi Schneider und weiß, dass das Konzept noch heute trägt.

Ungezählte Scharen von ehrenamtlichen Helferinnen wirkten über die Jahrzehnte in der Seniorenarbeit der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf mit. Heidi Schneider war eine von ihnen, bis sie vom ehemaligen Landrat Robert Fischbach (CDU) im Jahr 1999 zur Leiterin der Seniorenarbeit ernannt wurde. Tausende Senioren nutzten im Laufe der Jahrzehnte die Angebote der VHS-Seniorenarbeit, erlebten gesellige Stunden in ihren Dörfern und kamen - oft erstmals im Leben - hinaus in die weite Welt. „Ältere Trachtenfrauen waren mit der VHS zum allerersten Mal über mehrere Tage von daheim weg“, weiß Heidi Schneider und berichtet von zwei Reiseteilnehmerinnen aus dem Ebsdorfergrund, die in ihren Trachten am Mittelmeer hockten und davon unbedingt ein Beweisfoto haben wollten.

Die VHS-Seniorenarbeit begann schon in den ersten Jahren ihres Bestehens, für die Menschen Ausflüge zu organisieren. 1975 fand die erste Tagesfahrt statt - mit dem Sonderzug ging‘s nach Würzburg. Allein aus Münchhausen waren 146 Teilnehmer dabei.

Mehrtagesfahrten gab es ab dem Jahr 1979. Die VHS erlebte eine echte Reisewelle. „Jeweils im September fuhren wir neun Mal mit rund 600 Personen an den Rhein, Main und Neckar. Etwa 5500 Menschen nahmen jährlich an diesen Touren teil - und der Boom hielt bis in die 90er Jahre an“, fasst Heidi Schneider zusammen.

Die heute 70 Jahre alte Wollmaranerin ist seit 2006 im Ruhestand - doch ruht sie nicht. Seither leitet sie die Seniorenarbeit in ihrer Heimatgemeinde ehrenamtlich. Seit 2011 stehen die Münchhäuser mit ihren Angeboten für die Generation 50 plus sogar auf eigenen Beinen. Nachdem der Landkreis aus Kostengründen Kürzungen bei den Seniorenbussen vornahm, wollten die Münchhäuser unabhängig sein und machten ihr eigenes Ding. Mit Erfolg: Bei den unterschiedlichen Gruppenangeboten und auch in den Treffpunkten ist viel los. „Unsere Besucherzahlen im Treffpunkt liegen seit Jahren zwischen 80 und 85 Personen“, sagt Heidi Schneider. Auf acht Treffpunkt-Nachmittage pro Jahr bringen es die Münchhäuser - dazu kommen wöchentlich und monatlich wiederkehrende Angebote wie Tanzen, Singen, Computerkurse, Wandern und gemeinsames Mittagessen.

Und was so alles los ist, wenn Münchhäuser Senioren unter dem Motto „Mitten im Leben“ miteinander Zeit verbringen, das erzählen sie am Samstagnachmittag in der Burgwaldhalle selbst. Alle Gruppen stellen sich mit einem Sketch vor - und erinnern auch daran, wie die frommen arbeitssamen Senioren einst die Annehmlichkeiten der Seniorenarbeit schätzen lernten.

von Carina Becker

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