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Wie Popel-Bohnen zum Verkaufsschlager werden

Marketing für Bauern Wie Popel-Bohnen zum Verkaufsschlager werden

Wie kann man die eigenen Produkte besser vermarkten und eventuell neue Einkommensquellen erschließen? Dieser Leitfrage gingen die Referenten bei einer Veranstaltung für Landwirte und Verbraucher nach.

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Etwa 110 Teilnehmer waren in die Cölbe Gemeindehalle gekommen. Kleines Foto: Karsten Henrich von der der Werbeagentur „Provinzglück“ aus Gladenbach verteilte „Jelly Belly Beans“ als Beispiel dafür, dass ein gutes Produkt allein noch nicht zum Erfolg führt. Erst nach der Erfindung ekliger Geschmacksrichtungen wurden die Geleebohnen zum Verkaufsschlager.Fotos: Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Cölbe. Würden sie Geleebohnen essen, die nach Popel, Hundefutter, Erbrochenem oder faulem Ei schmecken? Viele Menschen gehen anscheinend freiwillig dieses Risiko ein. „Jelly Belly Beans haben sich bei uns nicht gut verkauft, bis die ekligen Geschmacksrichtungen erfunden und mit den normalen in einer Packung vermischt wurden. Das verspricht Spannung, erzeugt Geschichten, jetzt verkaufen sie sich wie verrückt“, sagte Karsten Henrich und verteilte Geleebohnen unter den etwa 110 Zuhörern in der Cölber Gemeindehalle. Nicht jeder griff zu.

In einem anderem Beispiel erzählte er von einem Experiment, bei dem Ramsch auf dem Flohmarkt gekauft, die Dinge mit einem Text, der eine Geschichte zu den Gegenständen erzählte, bei Ebay versteigert wurden und dabei eine Wertsteigerung um 2700 Prozent erfuhren.

Der Referent von der Werbeagentur „Provinzglück“ aus Gladenbach, übrigens „keine Partnervermittlung für Landwirte“, wie er betonte, wollte in seinem Vortrag „Vom Land zur Wirtschaft - kreatives Marketing für regionale Erzeugnisse“ verdeutlichen, dass es heute nicht mehr genüge, gute Produkte zu haben. Im bestehenden „Werbe-Overkill“ Aufmerksamkeit zu bekommen, sei das Problem. „Geschichten machen Produkte wertvoll, wenn ich wahrgenommen werden will, brauche ich Geschichten. Zum Beispiel, dass das Brot hier als Korn gewachsen ist und nicht als Teigling von Polen hergebracht wurde“, sagte Henrich.

Marketing im Internet

Oder man solle zu interessanten Veranstaltungen im Unternehmen die Presse einladen: „Erzählen sie ihre Geschichte, machen sie sich interessant“, forderte er. Regionale Produkte hätten eine große Zukunft. „Sie haben die Produkte, die Qualität und alle ökologischen Argumente auf ihrer Seite“, unterstrich der Werbefachmann. Dreh- und Angelpunkt des Außenauftritts eines Unternehmens sei die eigene Website. Nicht nur junge Leute seien im Internet unterwegs, Menschen der Generation 50+ hätten das Netz wesentlich geprägt. Neben dem Fernsehen habe das Handy die höchste Nutzungsdauer, also sei die Frage, wie man auf Smartphone seiner Kunden komme. Die Antwort: Social Media, wobei das Durchschnittsalter bei Facebook, wo man sehr günstig werben könne, bei 41 Jahren liege. Von diesen Punkten abgesehen sei kaum eine Werbeform so effektiv wie E-Mail-Marketing.

Sehr interessiert verfolgten die Zuhörer der Veranstaltung, zu der der Landkreises Marburg-Biedenkopf eingeladen hatte, den Vortrag von Hauke Pein. Er trägt den Titel „Landwirt des Jahres 2014“ und referierte über „Neue Geschäftsfelder entdecken - Angebote und Vermarktungsstrategien für regionale Erzeugnisse“. Der aus Schleswig-Holstein stammende Pein stellte seinen Milchviehbetrieb Almthof vor, der mit einer Kombination aus Öffentlichkeitsarbeit, Erlebnisbauernhof und Hofcafé jährlich 50000 Besucher anzieht. Wobei er mit seiner Lage 20 Kilometer nordwestlich der Millionenstadt Hamburg natürlich über ein bevölkerungsstarkes Einzugsgebiet verfügt.

Pein hat vor fünf Jahren den elterlichen Betrieb mit 130 Hektar übernommen, der bereits seit 25 Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv ist und versucht, den Verbrauchern die fremd gewordene Landwirtschaft wieder näher zu bringen. Von 97 Kühen im Jahre 2002 stieg der Bestand auf aktuell 225. Hinzu kamen ein Hofcafe mit 40 Plätzen und der „Erlebnisbauernhof“, auf dem Pein an 120 Tagen im Jahr 7000 Besucher empfange. In diesem Jahr hat das Cafe 130 Plätze innen und 150 außen, und an 250 Tagen des „offenen Hofes“ kommen rund 50000 Besucher. „Man hört fast täglich Negativnachrichten, das Image der Landwirte hat in den vergangenen Jahren sehr gelitten. Wir steuern mit unserem Konzept aus Angeboten für die ganze Familie verbunden mit Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit gegen, die Kombination hat sich sehr bewährt“, sagte Pein.

Jederzeit können Besucher das Melkkarussell betreten, manchmal beim Kalben einer Kuh dabei sein, es gibt einen Streichelzoo, Betriebsführungen, Maislabyrinth und Treckerrundfahrten im Sommer, Bauerngolf, Spiele mit Stroh.

„Die Formel lautet: Kinder sind beschäftigt, Kinder sind glücklich, die Eltern sind zufrieden“, meinte Pein. Wichtig sei diese Öffentlichkeitsarbeit als Einkommensquelle. Seit fünf Jahren nehme man Eintritt: Zwei Euro plus zwei Euro Verzehrgutschein für Gäste ab fünf Jahren.

von Manfred Schubert

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