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Wichtigster Baustein sind unsere Bürger

Interview mit Peter Funk Wichtigster Baustein sind unsere Bürger

Im hohen Norden des Landkreises, in der Gemeinde Münchhausen, pfeift ein kalter Wind -jedenfalls was den Haushalt angeht. Doch Bürgermeister Funk ist zuversichtlich, die Probleme in den Griff zu bekommen.

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Peter Funk ist seit 1998 Bürgermeister der Gemeinde Münchhausen. Er sieht noch viel Entwicklungspotenzial für die Gemeinde und ist von ihrem Fortbestand überzeugt.

Quelle: Götz Schaub

Münchhausen. OP: Herr Funk, die Gebietsreform von 1974 ist nun 40 Jahre her. Die meisten Kommunen des Kreises kämpfen seit Jahren mit unausgeglichenen Haushalten. So auch Ihre Gemeinde. Neustadts Bürgermeister hat jüngst öffentlich eine weitere Gebietsreform gefordert, unter anderem, um die kleinen Großgemeinden aufzulösen. Sehen Sie für Ihre Fünf-Orte-Kommune noch eine Zukunft unter dem Namen Münchhausen?
Funk : Unser Höchststand an Einwohnern war 3720. Aktuell sind wir mit 3450 auf dem Stand von 1985. Das ist aber kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Wenn wir uns auf unsere Stärken in Münchhausen konzentrieren, sehe ich keinen Grund, warum Münchhausen in seiner jetzigen Form nicht auch die nächsten vier Jahrzehnte existieren sollte.

"Das große Plus der kleinen Orte, ist dass praktisch jeder jeden kennt"

OP: Auf was wollen Sie sich denn in Münchhausen konzentrieren?
Funk: Wichtigster Baustein sind unsere Bürger. Über das ehrenamtliche Engagement schaffen wir uns fünf lebenswerte Dörfer. Auch wenn wir nicht so nah an Marburg liegen wie andere Kommunen, haben wir für den ländlichen Raum eine sehr gute Infrastruktur, die es zu erhalten und punktuell auszubauen gilt. Zudem sehen wir uns nicht nur alleine als Gemeinde Münchhausen, sondern als Teil einer Region, die die Zusammenarbeit sucht und auf vielen Gebieten zum Vorteil unserer Bürger schon gefunden hat. Ich denke da nur an den Verein „Kinder sind unsere Zukunft“, in dem wir mit der Gemeinde Lahntal zusammen die Betreuung der Kindergartenkinder organisieren und attraktive Öffnungszeiten bieten können.Das große Plus der kleineren Orte ist, dass praktisch jeder jeden kennt, der Zusammenhalt sehr intensiv ist. Das sieht man auch immer wieder an den Projekten, die während des Dorferneuerungsprogramms entstanden sind beziehungsweise entstehen. Wir haben junge Ärzte vor Ort und viele Handwerkerbetriebe mit Zukunftsaussichten.

OP: Nichtsdestoweniger haben Sie Defizite im Gemeinde-Haushalt zu beklagen.
Funk: Sicher haben wir nur fünf Ortsteile und damit weniger Bürgerhäuser zu finanzieren wie andere größere Gemeinden. Aber andere Kosten bleiben gleich oder belasten uns mehr. So haben wir beispielsweise seinerzeit 1,2 Millionen D-Mark (600000 Euro) für den Kanal nach Untersimtshausen in die Hand genommen. Untersimtshausen erstreckt sich dabei über ein längeres Gebiet. Nur um mal die Relation deutlich zu machen: Der Kanalbau kam rund 60 Bürgern zugute. Die wohnen in Marburg teilweise in einem einzigen Haus.

"Wir wissen, wo wir die Hebel ansetzen müssen"

OP: Na ja, und die fünf Bürgerhäuser belasten natürlich auch kontinuierlich den Haushalt.
Funk: Das ist nicht zu leugnen. Wir haben aber auch alles unternommen, sie so attraktiv wie möglich zu halten, nicht zuletzt mit tatkräftiger Unterstützung der Bürger. Wie in anderen Kommunen müssen wir uns jetzt aber auch darüber unterhalten, in welcher Weise wir sie fortführen wollen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir keine dieser Einrichtung kostenneutral bewirtschaften können. Um Kosten zu senken, müssen wir auf die Bürger beziehungsweise Vereine setzen, die eventuell einen Förderverein oder einen Trägerverein gründen. Das Thema wird uns in Zukunft sehr beschäftigen.

OP: Haben Sie noch weitere Ideen oder gar einen Zauberpfeil im Köcher?
Funk: Nein, zaubern kann ich nicht, aber wir wissen, wo wir die Hebel ansetzen müssen, um auch Münchhausen als Zuzugsgemeinde attraktiv zu machen. Wir haben die Bahnhaltestellen in Münchhausen und Simtshausen modernisiert, zwei Park-and-ride-Parkplätze angelegt. Insbesondere der in Münchhausen ist stets voll. Das heißt, die Bahn wird rege genutzt. Das spielt uns auch für die Mobilität älterer und junger Menschen in die Karten. Familien müssen auch wissen, dass wir einen kostenlosen Kindergartenbus anbieten für alle Kinder, die in Orten leben, in denen es keinen Kindergarten gibt. Wir achten also auch darauf, unseren Bürgern etwas anzubieten und das generationenübergreifend. Unsere Seniorenarbeit ist hoch angesehen und wird sehr gut angenommen. Da müssen wir natürlich am Ball bleiben. Die Seniorenaktivwoche mit Lahntal, Wetter und Cölbe ist nur ein Highlight einer beständig guten Arbeit, die ebenfalls über das Ehrenamt geleistet wird. Generell bin ich schon sehr stolz auf die Leistungen unserer Bürger in allen Ortsteilen.

"Wenn ich wählen dürfte, würde ich die Blitzer sofort für den Bau der Ortsumgehung eintauschen."

OP: In allen Ortsteilen? Damit meinen Sie auch den Kernort Münchhausen?
Funk: Ganz sicher. Im Ortsteil Münchhausen haben wir keinen Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen, obwohl nach wie vor die B 252 durch den Ort führt. Wenn die Ortsumgehung endlich kommt, und ich erwarte da auch Hilfe aus der Wirtschaft, haben wir für Münchhausen noch gute Entwicklungsmöglichkeiten. Als 2007 die Straße in Münchhausen wegen Deckenerneuerungsarbeiten gesperrt war, kehrte sofort dörfliches Leben auf die Straße zurück. Generell ist zu beobachten, dass zum Verkauf stehende Häuser im Ortskern mehr gefragt sind als ein Bauplatz im Ortsrandbereich. Das stimmt mich optimistisch, dass die Ortskerne lebendig und jung bleiben. Ich möchte mich aber auch beim Landkreis für sein Engagement zur Einführung des Breitbandkabels bedanken. So etwas hilft den Betrieben auf dem Land, mehr Chancengleichheit herzustellen.

OP: Zwischenzeitlich gab es ja mal Entspannung im Haushalt durch die Einführung der Blitzer an der B 252.
Funk: Nun, das kann ja nicht wirklich unsere Antwort zur Haushaltssanierung sein. Das Land Hessen hat gesagt, wir sollen die Geschwindigkeit kontrollieren, also haben wir reagiert. Wir wissen aus Erfahrung, dass auch nur da langsam gefahren wird, wo wirklich kontrolliert wird. Sicher hatten wir im ersten Jahr so hohe Einnahmen, dass wir tatsächlich den Haushalt ausgleichen konnten. Aber ich habe da schon davor gewarnt, dass es so nicht weitergehen wird und auch nicht weitergehen darf. Wenn ich wählen dürfte, würde ich die Blitzer sofort für den Bau der Ortsumgehung eintauschen.

"Die Bürgernähe muss erhalten bleiben"

OP: Als neues Betätigungsfeld hat Ihre Gemeinde das Thema erneuerbare Energien für sich erschlossen.
Funk: Das stimmt. Wir haben da schon unsere Vorstellungen, was machbar ist, doch bekommen wir leider auch Steine in den Weg gelegt. Wir haben jedenfalls eine Energiegenossenschaft an den Start gebracht, zwei Photovoltaikanlagen umgesetzt und würden gerne noch mehr als bisher in Windkraft investieren, wobei sich die Bürger an den Projekten beteiligen sollen. Kein Witz, aber nur noch eine Windkraftanlage mehr, und wir sind in Münchhausen quasi energieautark.

OP: Spielt Tourismus noch eine wichtige Rolle in der Entwicklung Ihrer Großgemeinde?
Funk: Auf alle Fälle. Wir sind das Herz des Burgwaldes und haben einiges zu bieten. Die zertifizierten Wanderwege bringen Gäste, von denen unsere Gastronomie profitiert. Das müssen wir vorantreiben.

OP: Wo sehen Sie Münchhausen 2040?
Funk: Seien wir ehrlich, Gemeinden wie Münchhausen brauchen mehr Hilfe von Kreis, Land und Bund. Wenn die Kreis- und Schulumlage bereits die Schlüsselzuweisungen übersteigt, kann der Haushalt nicht wirklich saniert werden. Ständig die Grundsteuer zu erhöhen, bringt uns auch nicht weiter, zumal die dadurch gewonnenen zusätzlichen Einnahmen gering sind. Dann geht es auch irgendwann an die Personalkosten, obwohl eigentlich jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter dringend gebraucht wird.Wir werden sicherlich die interkommunale Zusammenarbeit intensivieren, um Synergien zu nutzen, vielleicht kommt es auch eines Tages zu Teilzusammenlegungen von Verwaltungseinheiten. Vorreiter gibt es da ja schon, etwa Bromskirchen und Allendorf/Eder. Man darf das aber nicht überreizen, denn die Bürgernähe muss erhalten bleiben. Ein Grund für die Gebietsreform war ja, die weiten Wege zur zuständigen Verwaltung zu verringern und die Verwaltung bürgerfreundlich zu gestalten. Davon dürfen wir nicht abkommen, auch wenn viele Formulare online bearbeitet werden können, bleibt das persönliche Gespräch wichtig.

OP: Sie glauben also an eine Zukunft als eigenständige Gemeinde Münchhausen?
Funk: Ja, denn Eigenständigkeit und eine erfolgreiche interkommunale Zusammenarbeit schließen sich nicht aus. Auf einigen Feldern können wir sicher noch etwas erreichen, während sich andere einfach nicht anbieten. Wir können beispielsweise nicht auch noch dem Bauhof Wetter-Lahntal-Cölbe beitreten, weil dann die Einheiten einfach zu groß werden. So lange wir über Bürger verfügen, die für ihre Lebensqualität im Kollektiv eintreten, haben wir immer die Basis für eine gute Fortentwicklung.

von Götz Schaub

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